02.04.2009 · Ein paar Konstanten bleiben: Menschen werden krank. Auch wenn viele Krankenhäuser und Arztpraxen derzeit die Anschaffung neuer teurer Geräte verschieben, ist den Medizintechnikern nicht bange. Sie erwarten ein leichtes Wachstum.
Von Holger PaulDie globale Wirtschaft ist eine Welt voller Unsicherheiten geworden, doch ein paar Konstanten bleiben. Menschen werden krank, sie erleiden Unfälle, und sie müssen zum Arzt. Um die Patienten zu versorgen, werden Verbandsmaterialien ebenso benötigt wie hoch entwickelte medizintechnische Geräte. Und je mehr Menschen auf der Welt leben und je älter sie im Schnitt werden, desto größer wird auch der Bedarf an Operationsbestecken, künstlichen Hüften oder Kernspintomographen.
„Der Gesundheitsmarkt ist ein stabiler Markt, und daher sind die medizintechnischen Unternehmen bis zum heutigen Tag vergleichsweise wenig von der Wirtschaftskrise betroffen“, sagt Hans-Peter Bursig, Geschäftsführer des Fachverbands Elektromedizinische Technik im ZVEI. Auf den jüngsten Branchentreffen - der Fachmesse Medica oder der Zulieferermesse Medtec Europe - sei die Stimmung unter den Ausstellern denn auch unverändert gut gewesen, berichten Teilnehmer.
Eine Verlagerung der Produktion hat bislang keine große Rolle gespielt
Um fünf Prozent auf rund 18,2 Milliarden Euro ist der Umsatz der deutschen Medizintechnikfirmen im vergangenen Jahr nach Schätzung des Branchenverbands Spectaris gestiegen, und ein Absturz, wie ihn andere Branchen derzeit erleben, sei nicht zu befürchten, heißt es. „Unter den vielen ZVEI-Fachbereichen ist die Medizintechnik eine der wenigen Teilbranchen, die bisher keinen oder nur einen ganz leichten Rückgang der Auftragseingänge verzeichnet“, erläutert Bursig. „Wir gehen davon aus, dass die Branche auch 2009 national und international noch ein leichtes Wachstum erwirtschaften wird“, ergänzt Tobias Weiler, Leiter des Spectaris-Fachverbands Medizintechnik. Ein Umsatzplus von 2 bis 3 Prozent sei möglich, wobei die Geschäftsaussichten vor allem im Mittleren Osten und Südostasien noch gut seien, erläutert Weiler. In Deutschland, den Vereinigten Staaten oder Russland müssen die Unternehmen dagegen eher mit stagnierenden oder rückläufigen Märkten rechnen.
An der Spitze der Branche stehen hierzulande drei Konzerne (Siemens, Philips und General Electric), die den Markt der großen bildgebenden Geräte - Kernspintomographen oder Röntgenapparate - dominieren. Dahinter folgen rund 1250 mittelständische Unternehmen, die vom Verbandsmaterial bis zum Augenoperationsgerät fast alles herstellen und ihre Produkte größtenteils im Heimatland entwickeln und fertigen. Eine Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer hat bislang keine große Rolle gespielt. „Zum einen wollen die Unternehmen an der Technologiespitze stehen, und dazu müssen sie ihr Wissen zu Hause behalten“, sagt Hans-Peter Bursig. Zum anderen unterliegen die medizinischen Apparate ebenso wie Medikamente einer intensiven staatlichen Überwachung, erläutert er.
Auch im Mittelstand häufen sich die vorsichtigen Stimmen
Das gilt vor allem für die Vereinigten Staaten. Und Amerika spielt auf dem internationalen Markt für Medizintechnik die mit Abstand wichtigste Rolle. Etwa 65 Prozent ihrer Produkte exportieren die deutschen Hersteller ins Ausland, knapp ein Viertel davon geht allein in die Vereinigten Staaten. Just diese große regionale Bedeutung ist allerdings auch der Grund dafür, warum die Branche derzeit mit einigen Sorgen über den Atlantik blickt. Hochmoderne Diagnose- oder Operationsgeräte sind teuer, und die Finanzierung so mancher Apparate kommt - insbesondere in den Vereinigten Staaten - immer mehr ins Stocken, heißt es. Noch seien die Auswirkungen nicht abschätzbar, aber insbesondere die drei Branchenriesen äußern sich nur noch sehr vorsichtig über die Aussichten ihrer Medizintechniksparten.
Große Wachstumsschritte seien in diesem Jahr nicht zu erwarten, heißt es etwa bei Siemens. Dabei konnte der Bereich Health Care von Siemens im Schlussquartal 2008 den Umsatz noch einmal um gut 11 Prozent auf rund 2,9 Milliarden Euro steigern. Aber auch im Mittelstand häufen sich die vorsichtigen Stimmen. Die Lübecker Drägerwerke rechnen 2009 mit einem fünf Prozent umfassenden Umsatzrückgang. Carl Zeiss Meditec wagt trotz guter Geschäfte bislang keine Jahresprognose. Der Melsungener B.-Braun-Konzern nennt dagegen ein organisches Wachstum von 6 bis 8 Prozent für dieses Jahr als Ziel.
Alle zwei bis drei Jahre kommen Neuerungen auf den Markt
Aber auch hierzulande gelte, dass die Medizintechnik sich von konjunkturellen Entwicklungen nicht gänzlich abkoppeln kann, sagt Hans-Peter Bursig. Wenn in Deutschland die Steuereinnahmen sinken und Arbeitsplätze verlorengehen, dann werde sich das auch auf die Investitionen kommunaler Krankenhäuser und die Vergütung ärztlicher Leistungen auswirken. „Letztendlich lebt das Gesundheitsgeschäft vom Steueraufkommen und der Finanzkraft der Gesetzlichen Krankenversicherung“, sagt der ZVEI-Fachmann.
Generell gilt in der Medizintechnik, ähnlich wie im Maschinenbau, die Devise: Technologie sichert den Vorsprung und die Marktposition. „Die Medizintechnik baut auf den Stärken der deutschen Wirtschaft auf, vor allem dem Ingenieurwissen“, erläutert Bursig. Wobei der Innovationszyklus in den vergangenen Jahren immer kürzer geworden ist, alle zwei bis drei Jahre kommen Neuerungen auf den Markt. Dabei handelt es sich in erster Linie um Verbesserungen der bereits eingeführten Diagnose- oder Operationsgeräte. Der Trend gehe zur Miniaturisierung und besseren Bedienbarkeit der Geräte sowie zum besseren Service, erläutert Spectaris-Fachmann Weiler.
„Noch ein paar Jahre entfernt von der Marktreife“
Das heißt zum Beispiel, dass die Daten aus dem Operationsraum schneller und direkter auch an die Nachbehandlung weitergeleitet werden. Oder es werden zwei Verfahren zu einer neuen Anwendung kombiniert wie etwa der Ultraschall-Elastographie. Richtungweisende Innovationen, wie es etwa Mitte der achtziger Jahre die Einführung der Kernspintomographie war, sind dagegen eher selten. „Das passiert nur alle zehn bis fünfzehn Jahre und ist nicht unmittelbar in Sicht“, sagt Bursig. Große Hoffnungen setzen die Medizintechniker auf neue Verfahren und Methoden der molekularen Bildgebung auf Zellebene, „aber das ist noch ein paar Jahre entfernt von der Marktreife“, dämpft Bursig die Erwartungen.
Wesentlich klarer ist dagegen der Trend zur Heimmedizin und zu telemedizinischen Anwendungen, der auch den Herstellern der Geräte neue Absatzchancen bringt. War das elektrische Fieberthermometer lange Zeit das einzige Gerät im häuslichen Bad, haben dort längst auch Blutdruckmessgeräte oder mobile Herzstress-Messer (Mini-EKG) Einzug gefunden. Auch die sogenannte Wellness-Welle bringt der Medizintechnikbranche neue Absatzchancen. Der zweite Gesundheitsmarkt lasse sich zwar noch nicht genau beziffern, „aber er bekommt eine immer größere Bedeutung“, sagt Spectaris-Fachmann Weiler.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
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