Home
http://www.faz.net/-gqe-15a1a
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Dienstag, 14. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Branchen und Märkte (186): Zeitarbeit Schnell weg vom Blaumann

12.03.2009 ·  Die Branche bekommt den Abschwung am Arbeitsmarkt als erste zu spüren. Für Tausende von Mitarbeitern, die im Maschinenbau, der Automobil- und der chemischen Industrie nicht mehr benötigt werden, fehlen alternative Einsatzmöglichkeiten

Von Sven Astheimer
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Eine der besseren Nachrichten in diesen Zeiten lautet: Deutschlands Unternehmen atmen. Liefen sie in dem vorangegangen Abschwung zu Beginn des Jahrzehnts noch häufig mit einem hohen Personalüberhang, der schließlich vielerorts in Massenentlassungen und mehr als 5 Millionen registrierter Arbeitsloser endete, ist das Instrumentarium heute deutlich flexibler. Durch den Abbau von Überstunden und den Einsatz von Kurzarbeit können Unternehmen kurzfristig die Personalkosten reduzieren. Auch der Einsatz von oder besser der Verzicht auf Zeitarbeiter gehört zu diesen Erste-Hilfe-Maßnahmen.

In der Automobilindustrie machte BMW schon vor mehr als einem Jahr den Anfang und schickte mehrere tausend Leiharbeiter zu ihren Arbeitgebern zurück. Die Volkswagentochtergesellschaft Audi, die sich in der Krise lange wacker schlug, zog nun vor wenigen Wochen als letzter großer Hersteller nach. Auch der um seine Existenz kämpfende fränkische Zulieferer Schaeffler hat im Herbst auf die Dienste fast aller Zeitarbeiter verzichtet. Die deutsche Automobilindustrie sei abgesehen von den Entwicklungsabteilungen mittlerweile eine „zeitarbeitsfreie Zone“, sagt Andreas Dinges, Vorsitzender der Geschäftsführung der Adecco Deutschland Holding. „Das ist eben auch ein Teil des atmenden Unternehmens“, räumt der Manager ein. Diese Schutzfunktion für die Kernbelegschaften habe sogar unter einigen Betriebsräten die Haltung gegenüber der Zeitarbeit ins Positive umschlagen lassen, räumen selbst IG-Metall-Funktionäre ein - wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand.

Die Zeitarbeitsbranche baut in hohem Maß Beschäftigung ab

In besseren Zeiten kann die Zeitarbeit gerade in solchen Situationen ihre Vorteile ausspielen: So konnten viele der von BMW nicht mehr benötigten Facharbeiter im ersten Halbjahr 2008 noch gut an Auftraggeber aus anderen Branchen vermittelt werden. Doch seit Herbst spitzt sich die Lage im produzierenden Gewerbe und damit dem wichtigsten Kunden der Zeitarbeit zu. Für die vielen Tausende von Mitarbeitern, die in den Unternehmen aus dem Maschinenbau, der Automobil- und der chemischen Industrie nicht mehr benötigt werden, fehlen alternative Einsatzmöglichkeiten. Die Folge: Die Zeitarbeitsbranche, der klassische Frühindikator am Arbeitsmarkt, baut in hohem Maß Beschäftigung ab.

Adecco zum Beispiel verringerte die Zahl seiner Mitarbeiter innerhalb von eineinhalb Jahren um ein Drittel auf derzeit rund 40.000. Eine Entwicklung, die den Trend der Branche widerspiegelt. Noch im vergangenen Sommer hatte die Zahl der Zeitarbeiter mit knapp 800.000 Personen den bislang höchsten Stand in Deutschland erreicht. Das waren fast viermal so viele Beschäftigte wie noch zu Beginn des Jahrzehnts, bevor das Geschäft mit der Leiharbeit liberalisiert wurde.

Insgesamt drohen Verluste von 50.000 bis 100.000 Stellen

Innerhalb eines halben Jahres verringerte sich dann die Beschäftigtenzahl um 150.000, wie aus dem Zeitarbeitsindex hervorgeht, den das Institut der Deutschen Wirtschaft für den Bundesverband Zeitarbeit und Personaldienstleistungen ermittelt hat. Dessen Hauptgeschäftsführer Ludger Hinsen führt ein Drittel der Beschäftigungsverluste auf den üblichen Winterrückgang zurück. Bleiben 100.000 Arbeitskräfte, die wegen der schlechten Konjunktur nicht mehr beschäftigt werden. Und die Zeichen stehen nicht auf Besserung: Für das laufende Jahr rechnet jedes zweite Unternehmen mit weiteren Einbußen, insgesamt drohen Verluste von 50.000 bis 100.000 Stellen. In den europäischen Nachbarländern sieht die Entwicklung ähnlich aus. So verhagelte die schwierige Situation in der französischen Automobilindustrie Adecco die Konzernbilanz für das vergangene Jahr. Der nach eigenen Angaben weltgrößte Personaldienstleister büßte ein Drittel des Gewinns ein. Wettbewerbern wie Randstad aus den Niederlanden oder Manpower aus Amerika geht es ähnlich.

Doch es gibt auch Lichtblicke. Denn obgleich die Krise der Industrie und der damit verbundene Einbruch im Geschäft mit den einfachen Tätigkeiten in der Zeitarbeit alles andere überschattet, vermelden andere Branchen durchaus Positives. „Die Dienstleistungsbranchen und generell das Geschäft mit qualifizierten Arbeitskräften entwickeln sich bislang noch gut“, sagt Hartmut Lürßen, Partner des Marktforschungsinstitutes Lünendonk. Dazu zählt er das gesamte „Back Office“, also jener Bereich eines Unternehmens, der nicht zum Kerngeschäft gehört. Darunter fallen vor allem Dienstleistungen in den Bereichen Finanzen, Recht, Vertrieb, Buchhaltung und Informationstechnologie. Dazu passt, dass die auf Ingenieursdienstleistungen spezialisierte Ferchau-Gruppe aus Gummersbach 2008 den Umsatz um 15 Prozent steigerte und 600 neue Mitarbeiter einstellte. Auch für 2009 geht der geschäftsführende Gesellschafter Frank Ferchau von einem moderaten Wachstum aus. Manpower sucht trotz Finanzkrise für seine Tochtergesellschaft Bankpower derzeit nach Personal für die Bankbranche, wie Geschäftsführer Thomas Reitz sagt.

Ein Stück weit unabhängiger vom Geschäft mit den Blaumännern

Die Finanzinstitute bauen dem Vernehmen nach ihre Vertriebsstrukturen aus und setzen dabei häufig auf Personaldienstleister. Um Unternehmen wie Ferchau oder das börsennotierte Amadeus Fire ranken sich in der Branche schon seit langem Übernahmegerüchte. Schließlich haben gerade Adecco (Tuja, DIS) und Randstad (Bindan, Vedior) in den vergangenen Jahren durch spektakuläre Zukäufe die Konsolidierung der Branche vorangetrieben, um ein Stück weit unabhängiger zu werden vom Geschäft mit den Blaumännern. Gerade die Krisenerfahrungen könnten diesen Trend noch verstärken. Zumindest Adecco hält weiter die Augen nach interessanten Kandidaten offen, versichert Geschäftsführer Dinges. Das Geld dafür sei jedenfalls vorhanden.

Marktforscher Lürßen ist da etwas skeptischer. Zwar glaubt auch er daran, dass sich die Geschäftsverlagerung ins Qualifiziertensegment fortsetzen wird. Doch müssten die großen Übernahmen der Vergangenheit „erst einmal verdaut werden“. Der deutsche Zeitarbeitsmarkt ist noch immer stark fragmentiert. Die größten zehn Unternehmen stehen für rund 50 Prozent des Branchenumsatzes. Die andere Hälfte teilen sich mehrere tausend meist lokal oder regional agierende Anbieter untereinander auf, die über die nötige Vermittlungslizenz der Bundesagentur für Arbeit verfügen. Frühestens in ein oder zwei Jahren rechnet Lürßen damit, dass die Übernahmewelle weitergeht, spätestens wenn die Konjunktur wieder anzieht. Dann sei die Zeitarbeit als Frühindikator ohnehin der erste Profiteur. Denn einige Branchen wie etwa der Handel, der bislang noch relativ wenig auf Personalüberlassung setzt, werde in dieser Krise deren Vorzüge erkennen.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Teure Worte

Von Gerald Braunberger

Der angestrebte Vergleich mit den Kirch-Erben lehrt die Deutsche Bank, dass unglückliche Äußerungen sehr teuer werden können. Doch ein Ende mit Schrecken ist einem Schrecken ohne Ende oft vorzuziehen. Mehr

13.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.738,47 +0,68%
 OK
14.02.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.738,47 +0,68%
FAZ-INDEX 1.504,02 +0,59%
TecDAX 775,33 +0,71%
MDAX 10.290,00 +0,40%
SDAX 5.011,74 +0,53%
REX 421,76 +0,17%
Eurostoxx 50 2.491,54 +0,43%
F.A.Z. EURO INDEX 80,48 +0,59%
Dow Jones 12.874,00 +0,57%
Nasdaq 100 2.569,49 +0,87%
S&P500 1.351,77 +0,68%
Nikkei225 9.058,77 +0,66%
EUR/USD 1,3153 −0,14%
Rohöl Brent Crude 117,20 $ −0,50%
Gold 1.727,00 $ +0,91%
Bund Future 138,32 € −0,22%