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Branchen und Märkte (172): Rüstungsindustrie Warten auf den neuen Präsidenten

30.11.2008 ·  Auf Barack Obama wartet die internationale Rüstungsindustrie mit Spannung: Auch mit dem Einzug eines Demokraten in das Weiße Haus gibt Nordamerika im internationalen Rüstungsgeschäft die Standards vor. Hersteller aus Europa wittern Chancen.

Von Ulrich Friese
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Auf Barack Obama wartet die internationale Rüstungsindustrie mit Spannung: Traditionell stehen in Nordamerika die Demokraten der Waffenbranche kritischer gegenüber als die Republikaner. Doch für den frisch gewählten Präsidenten, der sein Amt am 20. Januar antritt, sagen Militär-Fachleute nur maßvolle Korrekturen voraus. „Die fast exzesshaften Steigerungsraten im Rüstungsbudget, die wir bisher gesehen haben, sind passé“, ist Shaun Mc Dougall vom amerikanischen Marktforscher Forecast International überzeugt, „aber die tiefen Schnitte im Etat bleiben wohl aus“.

In der achtjährigen Amtszeit von Vorgänger George W. Bush kamen die Geschäfte mit Waffen und Ausrüstungen für das Militär auf Hochtouren. Von den weltweiten Rüstungsausgaben, die in 2007 um 6 Prozent auf 1340 Milliarden Dollar zulegten, entfiel mit 547 Milliarden Dollar der Hauptteil auf die amerikanischen Streitkräfte, listet eine aktuelle Übersicht des Stockholmer Friedensforschungsinstitutes Sipri auf. Mit deutlichem Abstand folgten der Nato-Partner Großbritannien, China und Frankreich. Russland hat im vergangenen Jahr nur 35,4 Milliarden Dollar in modernes Kriegsgerät investierte.

EADS peilt weitere Zukäufe in Nordamerika an

Dabei legten die amerikanischen Hersteller nicht nur im Inland, sondern auch im Export kräftig zu. Nach Angaben des Pentagons, wie das amerikanische Verteidigungsministerium genannt wird, gipfelte der Verkauf von hochentwickelten Waffensystemen ins Ausland in diesem Jahr auf 32 Milliarden Dollar. Vor drei Jahren erreichte das Volumen noch 12 Milliarden Dollar. Als wichtigste Abnehmer werden die Streitkräfte im Nahen Osten, Lateinamerika und Osteuropa genannt. Mit solchen meist von der amerikanischen Regierung finanzierten Exportgeschäften sollten bislang militärische Allianzen gefestigt werden.

„Auch nach dem Wechsel im Weißen Haus bleibt Nordamerika in absehbarer Zeit der mit Abstand wichtigste Rüstungsmarkt“, sagt Paul Beaver, Branchenanalyst in London. Neue Geschäftschancen wittert der deutsch-französische EADS-Konzern, der seine Expansion in Übersee mit Hochdruck vorantreibt. Damit will der Airbus-Hersteller die Abhängigkeit von der zivilen Luftfahrt und vom schwachen Dollar-Kurs verringern.

Der hinter der britischen BAE Systems zweitgrößte Rüstungshersteller in Europa ist seit Monaten um den Auftrag bemüht, die amerikanische Luftwaffe mit 179 Tank-Flugzeugen auszurüsten. Bislang ohne Erfolg. Gleichzeitig peilt EADS weitere Zukäufe in Nordamerika an, um die Geschäftsbeziehungen mit dem Pentagon zu vertiefen oder von den wachsenden Etats der zivilen Sicherheitsbehörden zu profitieren. „Wir haben etwa zehn nationale Hersteller identifiziert, die mit den einschlägigen Behörden lange im Geschäft und daher für uns interessant sind“, sagte Marwan Lahoud, Chefstratege des EADS, kürzlich auf einer Fachtagung. Ein größerer Zukauf in den Vereinigten Staaten wird in 2009 erwartet.

Markteintritt mit Hindernissen

Die Umsetzung des Plans, im amerikanischen Rüstungsmarkt auf breiter Front Fuß zu fassen, erweist sich als mühsam. In der ersten Ausschreibungsrunde scheiterte der Hersteller nach langem Hin und Her mit seinem Versuch, die amerikanische Luftwaffe mit Tank-Flugzeugen zu beliefern. Um den prestigeträchtigen Großauftrag von 35 Milliarden Dollar an Land zu ziehen, verbündete sich die EADS mit dem amerikanischen Konkurrenten Northrop. Das Duo erhielt zunächst die Zusage von Pentagon-Chef Robert Gates und schlug den Erzrivalen Boeing aus dem Feld.

Doch die Freude über den gefeierten „Durchbruch auf dem amerikanischen Rüstungsmarkt“ währte nur kurz. Boeing legte gegen den Ausgang des Bieterrennens erfolgreich Protest ein. Daraufhin ordnete das Pentagon eine neue Ausschreibung an, die seit September auf Eis liegt. Spätestens damit geriet die Tanker-Auktion zum heiklen Politikum und ist jetzt Chefsache von Obama, der auch künftig auf die bewährten Dienste von Pentagon-Chef Gates setzt.

„Wir werden den Tanker-Auftrag erhalten“

Trotz des Rückschlags gibt sich die Führung der EADS kämpferisch: „Wir werden den Tanker-Auftrag erhalten, weil wir das technisch wie finanziell überlegene Produkt im Angebot haben“, sagte der Vorstandsvorsitzende Louis Gallois. Glückt das Prestigeprojekt tatsächlich, könnten sich in Nordamerika womöglich weitere Verkaufschancen für den neuen Militär-Transporter „A400M“ ergeben, frohlocken die EADS-Verkäufer.

Doch auch dieses Vorhaben ist mit etlichen Risiken belastet. Das von der EADS-Tochtergesellschaft Airbus geführte Projekt umfasst ein Volumen von 20 Milliarden Euro für 180 Transport-Flugzeuge. Unter den neun Abnehmer-Nationen ist die deutsche Luftwaffe mit 60 Fliegern im Wert von 8 Milliarden Euro der wichtigste „A400M“-Kunde. Schlechtes Projekt-Management dürfte jedoch die ursprünglich für 2011 geplante Auslieferung um bis zu zwei Jahre verzögern. Für das Gros der Probleme ist das Triebwerkskonsortium verantwortlich, das nach dem politischen Willen der beteiligten Länder aus vier Herstellern formiert wurde. Entsprechend groß ist der Abstimmungsaufwand zwischen den Partnern, die den technisch anspruchsvollen Turboprop-Antrieb entwickeln und produzieren sollen.

Hohe Rückstellungen

Erschwerend kommt hinzu, dass Europas größtes Beschaffungsprojekt als „Festpreis-Auftrag“ vereinbart wurde. Damit lassen sich die durch die internen Querelen verursachten Kosten nicht auf die staatlichen Auftragnehmer abwälzen. Bislang fielen für EADS mehr als 2 Milliarden Euro Rückstellungen für den Transporter-Auftrag an. Und es wundert kaum, dass das kostspielige „A400M“-Programm laut Gallois keinen Gewinn abwirft.

Ganz anders sieht die Rechnung für den „Eurofighter“ aus. Denn der in Deutschland bisweilen heftig umstrittene Kampfjet, dessen Herstellung sich die EADS mit anderen Partnern teilt, reift zum weltweiten Verkaufsschlager. Nachdem sich anfangs die an der Produktion beteiligten Länder Großbritannien, Deutschland, Italien und Spanien zur Abnahme von insgesamt 620 Fliegern in drei Tranchen verpflichteten, liegen jetzt Anfragen von Abnehmern in Europa, dem Nahen Osten und Asien vor.

Unter den potentiellen Kunden in Fernost gehört Indien zu den größten Hoffnungsträgern. Denn die Luftwaffe der aufstrebenden Wirtschaftsmacht ist an 126 Eurofightern interessiert. Um den Großauftrag von rund 10 Milliarden Dollar buhlen neben den Europäern fünf weitere Hersteller, vor allem amerikanische Konkurrenten. Nach Auflagen der Regierung in Mumbai ist der Gewinner der Ausschreibung verpflichtet, die Hälfte des Auftragswertes auf indische Rüstungs-Hersteller zu verteilen.

„Die klassischen Machtkonflikte von damals sind nicht aus der Welt“

Die Basis für das florierende Auslandsgeschäft legte der Partner BAE Systems, der zu den wichtigsten Gesellschaftern des „Eurofighter“-Konsortiums gehört. Dank der traditionell engen Kontakte zwischen Großbritannien und Saudi-Arabien verkaufte der Hersteller Mitte vergangenen Jahres 72 Eurofighter an die Luftwaffe des Wüstenstaates. Der Coup der Briten, der auch für die übrigen Partner in den kommenden zehn Jahren Schulungen und Wartungsarbeiten im Gesamtvolumen von 20 Milliarden Euro sichert, ist der Auftakt für weitere Großaufträge im Nahen Osten: Während die Regierung in Riad bereits an die Aufstockung ihrer Lieferung um weitere 24 Flieger denkt, wollen jetzt auch die Militärs von Oman mit Eurofighter ins Geschäft kommen.

Der Kampfjet aus Europa wurde über lange Zeit als „teures Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges“ belächelt. Doch spätestens seit dem jüngsten Konflikt in Georgien hat sich die Perspektive der Rüstungsplaner geändert: „Die klassischen Machtkonflikte von damals sind nicht aus der Welt“, sagt Experte Mc Dougall.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft.

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