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Branchen und Märkte (170): Einzelhandel Warten auf den Weihnachtsmann

16.11.2008 ·  Der Aufschwung ist im deutschen Einzelhandel gar nicht erst angekommen. Nun kippt die Konjunktur. Nach Untersuchungen der Marktforscher der GfK hat sich die Stimmung der Verbraucher zwar kaum verschlechtert, sie erwarten aber, dass sie sich vor allem bei größeren Anschaffungen zurückhalten werden.

Von Brigitte Koch
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Die nächsten Wochen werden spannend, und in ihnen wird über das Schicksal so mancher Wackelkandidaten entschieden. Denn in den meisten Branchen des Einzelhandels, seien es die Warenhäuser, die Schmuckgeschäfte, die Buch- und Spielzeugwarenläden oder die Anbieter von Unterhaltungselektronik, ist das Weihnachtsgeschäft wichtig für den Jahreserfolg.

Deshalb treibt Deutschlands Einzelhändler derzeit die Frage um, welche Folgen die Finanzmarktkrise und die dunkleren Wolken am Konjunkturhimmel für das Verbraucherverhalten haben. Sind die Kunden nun vollends verunsichert und treten in den für die Handelsbranche wichtigsten Wochen eines Jahres in den Konsumstreik? Oder lassen sie sich in der Vorweihnachtszeit doch noch in die nötige Stimmung bringen, Geschenke einzukaufen?

Zurückhaltung bei größeren Anschaffungen

Die Prognosen der Unternehmen sind vieldeutig. Geht beispielsweise der Inhaber der Mülheimer Tengelmann-Gruppe, Karl-Erivan Haub, von dem schlechtesten Weihnachtsgeschäft seit Jahren aus, möchten sich die Vorstände der beiden großen Wettbewerber Edeka und Rewe das Geschäft nicht schlechtreden lassen. Eckhard Cordes, der Vorstandsvorsitzende von Deutschlands größtem Handelskonzern, der Metro, erwartet weder ein phantastisches noch ein katastrophales Weihnachtsgeschäft. Er stellt sich auf ein mittleres Niveau ein. Der auf Geschenkartikel konzentrierte Douglas-Konzern sieht ebenfalls keinen Grund, pessimistisch zu sein.

Auch der Einzelhandelsverband HDE hat sich bisher unaufgeregt gezeigt und rechnet nicht mit einem Einbruch gegenüber dem ohnehin schon schwachen Vorjahr. „Die Stimmung der Verbraucher deutet darauf hin, dass wir noch auf demselben Konsumniveau sind wie vor der Finanzkrise“, sagte der HDE-Präsident Josef Sanktjohanser. In seiner Einschätzung wird er vom Münchener Ifo-Institut bestätigt, das zumindest noch Ende Oktober von einer nur minimalen Abkühlung des Geschäftsklimas im Einzelhandel berichtete. Nach Untersuchungen der Nürnberger Marktforscher GfK hat sich die Stimmung der Verbraucher bisher kaum verschlechtert. Sie erwarten dennoch, dass sie sich jetzt vor allem bei größeren Anschaffungen zurückhalten werden.

Recht hohe Tarifabschlüsse

Schon vor Ausbruch der Finanzkrise fanden Deutschlands Händler die Spendierlaune ihrer Kunden nicht gerade zum Jubeln. Vielmehr haben die Verbraucher in diesem Jahr mit etwa 11 Prozent der verfügbaren Einkommen so viel gespart wie seit 1994 nicht. Von dem Aufschwung, von dem die meisten anderen Wirtschaftszweige profitieren konnten, ist in der Einzelhandelsbranche bisher so gut wie nichts angekommen. Und nun kippt die Konjunktur, bevor der Handel als Spätstarter im Konjunkturzyklus seinen Nutzen aus dem Aufschwung ziehen könnte.

Dabei verbesserten sich einige Rahmenbedingungen für eine günstigere Entwicklung der Einzelhandelsumsätze. Dazu gehört die gestärkte Verfassung des Arbeitsmarktes, die zumindest noch bis zum Sommer einen Aufbau der Beschäftigung ermöglicht und die niedrigste Zahl an Arbeitslosen seit sechzehn Jahren mit sich gebracht hat. Dazu gehören auch die im Vergleich zu den Vorjahren recht hohen Tarifabschlüsse, die in mancher Branche für mehr verfügbares Einkommen und damit mehr Kaufkraft gesorgt haben.

Schlechtes Weihnachtsgeschäft 2007

Jedoch gab es über das Jahr gesehen einige starke Konsumbremsen. Erinnert sei vor allem an die kräftig gestiegenen Energie- und Benzinpreise, oder die zum Teil stark erhöhten Preise für Lebensmittel. Inzwischen belasten sie die Haushaltsbudgets zwar weit weniger stark als noch in den Sommermonaten angenommen. Ob die so zurückgewonnenen Spielräume für Einkäufe im Handel genutzt werden, muss sich noch zeigen.

Im bisherigen Jahresverlauf ist der Konsum jedenfalls nicht in Schwung gekommen. So ist der Einzelhandel weder mit den Umsätzen noch der durchschnittlichen Ergebnisentwicklung zufrieden. Nach der Herbstumfrage des HDE vermeldete nur ein Viertel der Einzelhändler eine positive Geschäftsentwicklung, 44 Prozent zeigten sich schlecht gestimmt. Nach den Verbandsprognosen für das Gesamtjahr wird der Einzelhandel ein nominales Umsatzplus von 1,5 Prozent verzeichnen. Preisbereinigt verbliebe ein Minus von etwa einem Prozent. Im vergangenen Jahr hatten die erhöhte Mehrwertsteuer und ein schlechtes Weihnachtsgeschäft auch für ein nominales Minus von fast einem Prozent gesorgt.

Neue Investoren

Wen wundert es, wenn in diesem Umfeld die ohnehin von Überkapazitäten geprägte Branche kräftig durchgeschüttelt wird. Die auf die Realwirtschaft übergeschwappte Krise wird die Konzentration im Handel mittelfristig beschleunigen, sind sich Branchenbeobachter einig. Mit der vor einem Jahr vereinbarten, vom Kartellamt immer noch nicht endgültig genehmigten Übernahme der zur Tengelmann-Gruppe gehörenden Discountkette Plus durch den Branchenriesen Edeka und dem Erwerb der ehedem zu Metro gehörenden Extra-Supermärkte durch den Kölner Wettbewerber Rewe ist im Lebensmittelhandel viel in Bewegung geraten.

Prominente Pleiten wie die Insolvenzen der ehemaligen Karstadt-Quelle-Tochtergesellschaften Hertie, Sinn Leffers und Wehmeyer sprechen ebenfalls für einen beschleunigten Ausleseprozess. Diese drei überwiegend auf Textilien ausgerichteten Handelsketten waren bereits stark angeschlagen, als sie seinerzeit von dem heute unter Arcandor firmierenden Essener Handelskonzern notverkauft wurden. Auch unter neuer, überwiegend aus der Beteiligungsbranche stammender Herrschaft glückte die Wende nicht. Nun ist die schwierige Suche nach neuen Investoren zumindest der vergleichsweise kleinen Wehmeyer-Kette geglückt.

Alternative Gesundung oder Verkauf

Bleibt dennoch die Frage, wer derzeit größere Warenhausunternehmen kaufen soll. Zumal in Zeiten, in denen es um die Private-Equity-Branche still geworden ist. Die beiden Branchenführer Kaufhof und Karstadt stehen im Schaufenster und drohen zu Ladenhütern zu werden. Arbeitet die zu Metro gehörende Kölner Kaufhof-Gruppe immerhin noch profitabel, droht der Essener Wettbewerber Karstadt den gesamten Arcandor-Konzern unter Wasser zu ziehen. Von der von Arcandor-Chef Thomas Middelhoff vor langer Zeit angekündigten Allianz mit internationalen Luxuswarenhäusern war zuletzt nichts mehr zu hören. Die Suche nach Partnern für die übrigen Karstadt-Filialen ist bisher ebenfalls erfolglos. Kommt am Ende doch noch das alte Modell der Deutsche Warenhaus AG, bestehend aus Kaufhof und Karstadt, zum Zuge?

Dass sich die Kölner Privatbank Oppenheim dem kriselnden Arcandor-Konzern als neuer Hauptaktionär zur Seite stellt, ist bestimmt nicht einer plötzlich entdeckten Liebe der Bankiers zum Metier des Einzelhandels geschuldet. Das Stichwort für die Zukunft lautet eher Portfoliomanagement, und dieses gilt auch für den Metro-Konzern. Dessen Vorstandsvorsitzender Eckhard Cordes zählt Kaufhof nicht mehr zum Kerngeschäft. Er stellt die SB-Warenhausunternehmen von Real vor die Alternative Gesundung oder Verkauf und liebäugelt mit dem Börsengang der Elektronikfachmärkte von Saturn und MediaMarkt. Nur: Für all diese Optionen hat sich die Lage verschlechtert.

Wachstumstreiber Online-Handel

In einer im Frühsommer vorgelegten Studie der Managementberatungsgesellschaft Accenture hieß es, die Discounter hätten ihren Zenit erreicht. Inzwischen gibt es andere Stimmen. So sagte beispielsweise Klaus Wübbenhorst von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) kürzlich in einem Interview, dass die Discounter und günstigeren Eigenmarken des Handels von dem Abgleiten in einer Rezession profitieren könnten.

Auch vom HDE wird diese Einschätzung geteilt. Die Suche nach Gewinnern innerhalb der Branche ist zwar recht mühsam, aber es gibt sie: Vor allem zählt dazu der Versandhandel. Nach den Prognosen seines Fachverbandes wird er in diesem Jahr doppelt so stark wachsen wie der sogenannte stationäre Handel. Wachstumstreiber ist eindeutig der Online-Handel. Dessen Umsatz ist allein im Jahr 2007 um mehr als 20 Prozent hochgeschnellt.


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Jahrgang 1955, Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

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