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Branchen und Märkte (169) Konkurrenz heizt den Börsen kräftig ein

09.11.2008 ·  Die alten Monopole wackeln. Alternative Handelsplattformen wie Chi-X und Turquoise mischen im Kampf um das renditeträchtige Börsengeschäft mit. Die goldenen Zeiten für die etablierten Anbieter dürften vorbei sein.

Von Daniel Mohr
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Bisher war alles ganz einfach. Wer eine Siemens-Aktie kaufen wollte, tat dies über die elektronische Handelsplattform Xetra. Wo auch sonst? Die Deutsche Börse hatte ein Monopol auf den Handel mit deutschen Aktien, genauso wie die in London oder Paris eines auf den Handel mit englischen oder französischen Aktien hatten. Die etablierten Börsenplätze konnten davon gut leben.

Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Deutsche Börse bei einem Umsatz von gerade einmal 2,2 Milliarden Euro einen Jahresüberschuss von 912 Millionen Euro. Mit einer Gewinnmarge von mehr als 40 Prozent ragte sie weit über alle anderen Dax-Konzerne hinaus, wurde zum Börsenliebling und stärksten Dax-Wert 2007. Ihr Börsenwert betrug zum Jahreswechsel 26 Milliarden Euro.

Bessere Markteintrittschancen als bisher

Zehn Monate später ist einiges anders. Die Monopolwelt hat Kratzer bekommen. Immer wieder hatten in der Vergangenheit Widersacher der Börsen versucht, ein Stück von dem lukrativen Geschäft mit dem Börsenhandel abzubekommen. Alle Versuche sind jedoch erfolglos gescheitert. Mittlerweile gibt es allerdings mindestens zwei Konkurrenten, die sich zäh halten und denen gemeinhin ein dauerhafter, vielleicht sogar durchschlagender Erfolg zugetraut wird. Sie heißen Chi-X und Turquoise, und ihnen ist gemein, dass sie von namhaften Investmentbanken unterstützt werden.

Denen wurde das Treiben der Börsen zu bunt. Als äußerst rege Händler von Aktien und anderen Wertpapieren sind sie große Kunden der Börsen, und wie immer in Marktwirtschaften sieht man es nur ungern, wenn ein Geschäftspartner an einem besonders gut verdient. Dem muss man jetzt auch nicht mehr zusehen. Die im November 2007 verabschiedete europäische Finanzmarktrichtlinie Mifid eröffnet neuen Handelsanbietern sehr viel bessere Markteintrittschancen als bisher.

Alternative Handelsplattformen Chi-X und Turquoise

Einfach ist es dennoch nicht. Denn eine Börse hat den Hang zu einem natürlichen Monopol. Wer eine Siemens-Aktie verkaufen möchte und mit einem Freund darüber redet, bekommt von ihm vielleicht 30 Euro dafür geboten. Allerdings will der Verkäufer mindestens 60 Euro haben. Ein Dritter stößt hinzu und bietet 40 Euro, und ein Vierter hat eine Siemens-Aktie und ist sogar bereit, sie für 45 Euro zu verkaufen. Je mehr Anbieter und Nachfrager zusammenkommen, desto klarer werden die Marktverhältnisse, und desto eher kommen Handelsgeschäfte zustande. Die Liquidität steigt und zieht immer mehr Siemens-Aktionäre und -Interessenten an, bis es schließlich für alle am sinnvollsten ist, sich an diesem Markt zu versammeln.

Im Börsenhandel ist das immer noch so. 97 Prozent der Umsätze in Dax-Aktien werden auf dem elektronischen Handelssystem der Deutschen Börse gemacht. Gleichwohl wurde die Tendenz zum Monopol etwas durch die moderne Kommunikationstechnik aufgeweicht. In Sekundenbruchteilen können alle Marktteilnehmer beobachten, was in Frankfurt und was auf anderen Marktplätzen für eine Siemens-Aktie gezahlt wird. Sie sind bereit, auch woanders Geschäfte zu machen, wenn es dort bessere Bedingungen gibt. Diese Tatsache versuchen sich die alternativen Handelsplattformen Chi-X und Turquoise zunutze zu machen.

Börsen haben teilweise ihre Gebühren gesenkt

Sie müssen dabei einige Überzeugungsarbeit leisten, denn die Marktteilnehmer waren mit der Deutschen Börse oder der London Stock Exchange nicht unzufrieden. Sie versuchen mit Kampfpreisen in den Markt zu kommen und verlangen nur einen Bruchteil der Gebühren. Das allein wäre allerdings nicht ausreichend, wenn die Handelsbedingungen schlecht wären. Die neuen Handelsplätze müssen für ausreichend regen Handel sorgen, sonst bleibt ihr Angebot ungenutzt. Da die Plattformen allerdings von einer Gruppe führender Investmentbanken initiiert wurden, setzen diese ihre Macht und auch ihr Geld ein, um den neuen Projekten zum Erfolg zu verhelfen oder zumindest die bisherigen Börsenmonopole zu Gebührensenkungen zu zwingen.

Die Drohkulisse zeigt Wirkung. Nachdem Anbieter wie die Deutsche Börse die Neuankömmlinge zunächst geflissentlich ignoriert haben, tauchen nun regelmäßig in offiziellen Mitteilungen Einschätzungen der neuen Konkurrenz und ihrer Angebote auf. Auch haben die etablierten Börsen schon teilweise für bestimmte Marktteilnehmer ihre Gebühren gesenkt. Dies wurde allerdings mit dem ausdrücklichen Hinweis versehen, schon immer partiell Gebühren gesenkt zu haben. Jeder Bezug zu Turquoise oder Chi-X wird geflissentlich verneint.

Handelsumsätze schnellen um ein Mehrfaches in die Höhe

Das Auftreten der Konkurrenz - Chi-X bereits vor 18 Monaten, Turquoise nach einigen Verzögerungen seit August - hat allerdings zu erheblichen Zweifeln der Märkte an der Nachhaltigkeit der Gewinne der Börsenbetreiber gesorgt. Die Aktie der Deutschen Börse geriet im ersten Halbjahr stark ins Rutschen und verlor zeitweise zwei Drittel ihres Wertes. Zwar macht das Geschäft mit dem Aktienhandel nicht einmal ein Fünftel von Umsatz und Gewinn des Frankfurter Börsenbetreibers aus, Analysten verweisen jedoch darauf, dass ein Erfolg der neuen Anbieter mit ihrem Angriff auf das Monopol im Aktienhandel auch die anderen Bereiche wie die Terminbörse Eurex zu einem beliebten neuen Angriffsziel machen könnte.

Erst die jüngsten Kursturbulenzen an den Aktienmärkten im September und Oktober haben für eine deutliche Erholung der Aktienkurse der etablierten Börsenbetreiber gesorgt. Zum einen bedeuten aufgeregte Handelstage für die Börsen immer bares Geld. Die Handelsumsätze schnellen um ein Mehrfaches in die Höhe. Zum anderen zeigte sich aber auch, dass bei ernster Marktlage viele Börsianer auf ihre bewährten Handelsplätze zurückkehren.

„Im dritten Quartal hat sich die Deutsche Börse sehr gut geschlagen“

Der Hinweis von etablierten Anbietern, man spüre die neue Konkurrenz in den Zahlen nicht, hat offenbar einen wahren Kern. Jedenfalls konnte die Deutsche Börse in der vergangenen Woche abermals gute Geschäftszahlen vorlegen. Der Umsatz kletterte im dritten Quartal um 10 Prozent auf 616 Millionen Euro, der Gewinn um 8 Prozent auf 257 Millionen Euro. Ein weiteres Rekordjahr steht bevor, und die Gewinnmargen bleiben hoch. Allerdings waren Umsatz und Gewinn im attackierten Aktienmarktgeschäft bereits rückläufig, dies entsprach jedoch dem allgemein schwächeren Trend im Aktienhandel.

„Im dritten Quartal hat sich die Deutsche Börse sehr gut geschlagen, und die Konkurrenz hat offenbar keine großen Verluste herbeigeführt“, sagt Konrad Becker, Analyst der Privatbank Merck Finck & Co. „Allerdings hat Turquoise gerade erst ihr Geschäft gestartet. Scheinbar haben sie ihre ersten Umsätze bisher vor allem aus dem außerbörslichen Handel hinzugewonnen. Das muss aber nicht so bleiben.“

Zeiten der einfachen Monopolgewinne gehen zu Ende

Die Ziele der neuen Anbieter sind selbstbewusst formuliert. Turquoise will bis zum Jahresende mehr als 10 Prozent Marktanteil im Handel mit Dax-Aktien, und Chi-X sieht sich für die in der Baisse generell schwierigeren Zeiten für Börsenbetreiber sehr viel besser aufgestellt, da ihr Fixkostenblock nur einen Bruchteil der Größe von etablierten Anbietern habe.

Besonders umkämpft sind zwischen den Anbietern die Algo-Trader. Sie machen einen immer größeren Teil des Börsenumsatzes aus. Im Bruchteil von Sekunden handeln hier Computer in bestimmten Marktsituationen automatisch Wertpapiere. Da die Aktien meist nur über sehr kurze Zeiträume gehalten werden, sorgen Algo-Trader für sehr viele Käufe und Verkäufe binnen kurzer Zeit. Auf diese zielte auch die jüngste Gebührensenkung der Deutschen Börse.

Allerdings wird sich auch der Privatanleger bei entsprechenden Angeboten der neuen Konkurrenz nicht immer automatisch für einen Kauf seiner Siemens-Aktien auf Xetra entscheiden. Die Zeiten der einfachen Monopolgewinne - so spiegelt es die Entwicklung der Aktienkurse der Börsenbetreiber - dürften dem Ende entgegengehen.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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