02.11.2008 · Kaum hat die Branche gute Gewinne erzielt, trübt sich die Lage auch schon wieder ein. Die Krise an den Börsen und Erhöhungen der Preise dämpfen die Erwartungen. Aber noch ist nicht alles verloren: Die Thomas-Cook-Group zum Beispiel ist mit dem Start der Winterbuchungen zufrieden.
Von Hans-Christoph NoackNoch übt sich die Reiseindustrie in Zuversicht. Doch die Lage könnte sich schnell eintrüben. Denn die Krise an den Finanzmärkten zieht ihre Kreise. Die Kataloge der Reiseanbieter werden in diesen Tagen zwar erst noch präsentiert, und große Veranstalter wie TUI, Rewe-Touristik und FTI stellen dann ihre Neuheiten für den kommenden Sommer vor. Doch auf mögliche Verwerfungen durch einen harschen Rückgang der Nachfrage können die Kataloganbieter dann kaum noch reagieren.
Die Reisebroschüren und die Kalkulationen stammen aus der Zeit vor dem schweren Kursrutsch an Börsen der Welt. So waren jene Anbieter gut beraten, die sehr vorsichtig geplant haben und sich beim Einkauf von Flugsitzen und Hotelbetten mehr zurückhielten als andere. Auch wenn die Branche tendenziell immer optimistisch zu sein scheint, haben viele Firmen die Lehren aus der Vergangenheit beherzigt. Sie greifen nicht mehr nur nach Marktanteilen. Sie trimmten ihre Programme auch auf Rendite.
Start in das diesjährige Winterprogramm erfolgreich
Das war nicht immer so: Nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten vor sieben Jahren hatten viele Veranstalter ihr Heil zunächst in schierer Größe gesucht, um in der damals sehr unsicheren wirtschaftlichen Lage im Geschäft zu bleiben. Kurzfristig mag sich das bezahlt gemacht haben. Auf lange Sicht gesehen, war ihnen das schlecht bekommen. Nun, nachdem sich die Neuorientierung unter den Branchenführern TUI und Thomas Cook bezahlt machte und höhere Gewinne mit leicht niedrigen Umsätzen das Gewisper über den „Tod der Pauschalreise“ verstummen ließ, gibt es ein neues Bangen. Das dämpft die Erwartungen.
Wie stark werden sich die potentiellen Urlauber durch die Finanzkrise vom rechtzeitigen Buchen abhalten lassen? Wird es ein Spätbucherjahr für all jene, die nicht auf die umsatzträchtigen und hochpreisigen Schulferienzeiten angewiesen sind? Wie werden die angekündigten Erhöhungen der Flugpauschalreise durch gestiegene Treibstoffkosten niederschlagen? Es erinnert an Kaffeesatzleserei, wenn sich die wenigen führenden Veranstalter zum kommenden Sommer äußern, da die Produkte den Kunden meist noch nicht bekannt sind.
Die Thomas-Cook-Group beobachtet trotz der Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten noch keine beunruhigende Entwicklung auf dem deutschen Reisemarkt. „Die Buchungszahlen für den Winter 2008/09 liegen im Rahmen der Erwartungen“, sagt Peter Fankhauser, Vorstandsvorsitzender der Thomas Cook AG. Darin stimmt er mit Willi Verhuven, Eigner vom Reiseveranstalter Alltours, überein. Im kommenden Geschäftsjahr rechnet Verhuven trotz einer durchschnittlichen Preissteigerungsrate der Sommerangebote von sechs Prozent mit weiterem Wachstum. Der Umsatz steigt seiner Prognose nach um neun Prozent, die Buchungszahl um drei Prozent. Und der Start in das diesjährige Winterprogramm sei erfolgreich gewesen.
Tendenz zum Sparen in den Urlaubsorten
Andere Experten sehen in der Branche Preiserhöhungen von fünf bis sieben Prozent. „Die Gesamtpreisentwicklung erklärt sich hauptsächlich aus den gestiegenen Flugkosten“, sagt Michael Tenzer, Direktor Neckermann Flugreisen. Auch der Tourismusexperte. Karl Born von der Hochschule Harz in Wernigerode, hält Aufschläge in dieser Größenordnung für „realistisch“.
Der Deutsche Reiseverband (DRV) allerdings hofft noch auf „Preisdisziplin“ seitens der Anbieter. Dennoch dürfte der DRV auf seiner Jahrestagung Mitte November einen etwas verhaltenen Ausblick auf den kommenden Sommer präsentieren. Schließlich ist die Urlaubsreise nicht mehr das unantastbare Konsumgut, das es vor mehr als zehn Jahren einmal war. Damals war eher die Anschaffung des neuen Autos verschoben und am Familienurlaub unbeirrt festgehalten worden. Born rechnet mit einer Tendenz zum Sparen in den Urlaubsorten. Er vermutet ein Spätbucherjahr, weil die Kunden erst einmal sicherer über ihre eigene aktuelle wirtschaftliche Lage sein wollen.
Billigfluggesellschaften haben ein Problem
Auch Markus Orth, neuer Vorstandsvorsitzender des führenden Last-Minute-Anbieters L'Tur, sieht diese Tendenz. „In Krisenzeiten profitiert der Last-Minute-Bereich. Je unsicherer und weniger planbar die Zukunft ist, desto eher entscheiden sich die Kunden kurzfristiger. Davon werden wir profitieren“, sagte er in einem Gespräch. Hinzu komme, dass die Konsolidierung der Luftfahrtindustrie - durch den Rückzug von Condor aus den Verhandlungen mit Germanwings und Tuifly sowie de Absage des Zweierbündnisses von Germanwings und Tuifly - weiter auf sich warten lasse. „Alles, was nicht konsolidiert ist, ist erst einmal gut für uns“, sagt er, dessen Unternehmen freie Flugkapazität mit Hotelangeboten zu eigenen Pauschalangeboten verknüpft.
Dass aber alle, die Reiseleistungen wie Hotel, Flug und Rundfahrten kombinieren, Erfolg haben werden, ist für Born nicht ausgemacht. Der Online-Vertrieb und díe Online-Veranstalter wie Expedia oder Lastminute haben in der Vergangenheit Boden gutgemacht, aber sind von ihren Teilnehmerzahlen, die sie nicht genau ausweisen, gegenüber den etablierten Anbietern der Pauschalreise noch klein. Zudem erstrecken sich viele ihrer Angebote auf den Zweit- und Dritturlaub. Die sind traditionell geprägt von günstigen Flugpreisen der Billigfluggesellschaften. Die aber haben ein Problem. Sind doch in den vergangenen Monaten die Ticketpreise gestiegen. Gründe waren höhere Treibstoffrechnungen.
Kurs der TUI Travel-Aktie reagierte sofort
Wie Born befürchten viele Experten, dass das mögliche Sparbemühen der Konsumenten sich in einer sinkenden Nachfrage nach Städtereisen auswirken könnte. Denn Städtereisen sind prädestiniert für den Kurzurlaub und durch die Flugpläne der Billigfluggesellschaften schnell und preiswert erreichbar geworden. „Es wird kein Jubeljahr für die Veranstalter werden“, prophezeit Born, der zugleich unruhige Zeiten für die Führungskräfte in den Zentralen der Großveranstalter kommen sieht.
Auch TUI Travel und Thomas Cook, die führenden Veranstalter in Europa, sehen sich vor einer unsicheren Zukunft. Thomas Cook, die mehrheitlich zum angeschlagenen Handels- und Reisekonzern Arcandor gehört, muss bangen, ob der Haupteigentümer das wirtschaftlich rettendem Ufer erreicht und sich nicht von seiner Tourismussparte trennt. Ein Käufer ist nicht in Sicht.
Daher muss Wachstum durch den Mittelzufluss finanziert werden, was angesichts des Wiederaufstiegs des Reisekonzerns möglich ist. Anders stellt sich die Lage bei TUI Travel dar. Nachdem die TUI AG als größter Anteilseigner nach dem Verkauf ihrer Schifffahrtssparte sich weitgehend entschuldet hat, gibt es in Hannover Überlegungen, die börsennotierte Tochtergesellschaft in England sich wieder einzuverleiben. Der Kurs der TUI Travel-Aktie reagierte sofort und stieg, so dass TUI wohl für einige Zeit davon Abstand genommen hat - ohne die Pläne zu beerdigen.
Bahn profitiert von der Renaissance der Bahnreise
Die deutsche Nummer 3 nach TUI und Thomas Cook - die Rewe Touristik - befindet sich mit ihren Pauschalreiseveranstaltern ITS, Jahn-Reisen und Tjaereborg in einer Phase der Neuausrichtung. Markengrenzen müssen neu definiert werden und verlorenes Terrain mit hinreichenden Renditen zurückerobert werden. Allein die Gruppe mit Dertour, ADAC-Reisen und Meier's Weltreisen prosperiert und wirft für die Branche vorzeigbare Gewinne ab.
Die mittleren Veranstalter wie Alltours, Öger, FTI, Schauinsland leben von guten Produktideen, Marktnähe zum Vertrieb und einem guten Produktportfolio. Ameropa, der Bahnreisespezialist unter dem Dach der Bahn, profitiert von der Renaissance der Bahnreise und den ICE-Verbindungen in das benachbarte Ausland. Und wohl eher positiv sind die Kreuzfahrtanbieter gestimmt, die wie Aida ein neues Segment geschaffen haben und von einer steigenden Nachfrage nach Seereisen profitieren.
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