27.08.2008 · Bauer zu sein lohnt sich wieder, wenngleich nicht alle Landwirte am Erfolg teilnehmen. Auf lange Sicht sind die Aussichten gut, denn die steigende Nachfrage nach Agrarrohstoffen hat zu einem Schub der Preise geführt. Doch die Erlöse werden heftig schwanken.
Von Lukas WeberIn der Landwirtschaft liegt die Beständigkeit im Wandel. Vor nicht allzu langer Zeit musste sich der deutsche Bauer gedanklich an den Wert der eigenen Scholle klammern, um nicht voller Frust die Hacke hinzuschmeißen - und an die Tatsache, dass man nur vom Wetter abhängig ist, vielleicht auch noch von der Agrarpolitik. Im vergangenen Jahr haben dann vor allem die Preise für Getreide und auch für andere Früchte des Feldes zu einem unerwarteten Höhenflug angesetzt. Jetzt bröckeln sie wieder, und in der Branche hat sich Ernüchterung breitgemacht, wie das jüngste Konjunkturbarometer des Bauernverbands ausweist.
Vieh braucht Futter
Das Auf und Ab sind die Bauern gewohnt: Es gibt eben gute Erntejahre, und es gibt schlechte. Aber langfristig sind die Rahmenbedingungen günstig, weil die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten auf den Weltmärkten steigen wird. Das hängt vor allem am zunehmenden Wohlstand in großen Schwellenländern wie Indien und China, der wachsenden Fleischbedarf zur Folge hat, und Vieh braucht Futter. Zugleich sind die Lager wegen unterdurchschnittlicher Ernteergebnisse in den vergangenen Jahren leergeräumt.
Auf der anderen Seite setzt sich inzwischen die Erkenntnis durch, dass die Fläche, auf welcher landwirtschaftliche Produkte angebaut werden können, begrenzt ist. Statt sie zu verfüttern oder zu essen, können Pflanzen auch zur Energieerzeugung eingesetzt oder zu Materialien wie Bio-Kunststoffen weiterverarbeitet werden. Infolge der steigenden Energiepreise erschließen sich dem Landwirt dort neue Märkte. Dass der Wert der Ackerfläche zunehmen wird, gilt somit als ausgemacht.
„Gefahr liegt in der Kostenbelastung“
Darüber in Jubel auszubrechen wäre für die Bauern freilich verfrüht. „Die Landwirtschaft ist sicher ein aufstrebender Wirtschaftszweig“, sagt Agnes Scharl, Sprecherin des Bauernverbands. Die Wertschätzung in der Öffentlichkeit sei gestiegen. „Aber eine Gefahr liegt in der Kostenbelastung.“ Während mit den Preisen für Energie die Betriebsmittelkosten steil steigen, ist der Wert der kommenden Ernte ungewiss. Das macht die Anbauentscheidungen tückisch. Wenn die erwarteten Preise hoch sind, wird investiert.
Stillgelegte Flächen werden in Betrieb genommen, auch durch Wahl des Saatguts, Düngung und Pflege lässt sich die Menge etwas steuern. Die diesjährige Ernte war insgesamt gut (rund 8 Prozent mehr Weizen als im Vorjahr), jetzt geben die Preise nach. Die Veredlungsbetriebe, also jene, die aus pflanzlichem Eiweiß tierisches machen, leiden ihrerseits unter hohen Futterpreisen, die sie in den meisten Fällen nicht weiterreichen können, sie könnten also vom Preisverfall profitieren. Dass der Bauer am Ende aus mehr Menge mehr Einnahmen hat, ist nicht sicher.
Öl aus Raps, Soja und Palmen
Sicher ist aber, dass die Erzeugerpreise, die der Bauer für seine Produkte erzielt, in Zukunft stärker schwanken werden als bisher. Der Ölpreis stelle heute eine Art Preisuntergrenze für Agrarrohstoffe dar, erklärt der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Gert Sonnleitner, im jüngsten Situationsbericht.
Tatsächlich gibt es Beobachtungen, dass der aktuelle Kursrückgang am Getreide- und Ölsaatenmarkt hauptsächlich durch Kursverluste am Energiemarkt ausgelöst wurde. Das gilt für die Produktion von Ethanol aus Mais in Amerika und Biogas in Deutschland, denn trotz der Subventionen ist Energiemais an vielen Standorten nicht mehr so rentabel wie Getreide. Der Zusammenhang zeigt sich aber vor allem für Öl aus Raps, Soja und Palmen. Zu den starken Schwankungen tragen inzwischen auch Spekulanten bei, die die Agrarmärkte entdeckt haben. Wenn jetzt die Preise am Weltmarkt sinken, kann das zum guten Teil auch daran liegen, dass eine kleine Blase geplatzt ist.
2100 Euro je Arbeitskraft
Das Unternehmensergebnis der Haupterwerbsbetriebe ist im Wirtschaftsjahr 2006/2007 (zum 30. Juni) um 12 Prozent auf 35.400 Euro gestiegen, neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Als monatliches Bruttoeinkommen errechnet der Bauernverband 2100 Euro je Arbeitskraft. Das sind freilich Durchschnittswerte, die Bandbreite ist groß: Während in Ackerbau und Milcherzeugung Ergebnisverbesserungen erwartet werden, sind die Aussichten in der Schweinehaltung schlecht.
Als gesicherte Tendenz kann aber gelten, dass der biologische Anbau weiter gute Zukunftsaussichten hat. Der Anteil an der Fläche hat sich seit 1997 auf gut 5 Prozent mehr als verdoppelt, doch die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot, so dass importiert werden muss. Ob es sich wieder lohnt, Bauer zu sein, kommt also sehr auf den Einzelfall an.
Lieferboykott der Milcherzeuger
So zu tun, als würde sich alles nur auf den Märkten abspielen, ist ohnehin verkehrt. Tatsächlich gehört die Landwirtschaft noch immer zu den Sektoren, in welche die Staaten kräftig hineinregulieren. Da passt ins Bild, dass kürzlich die WTO-Verhandlungen vor allem am Agrarstreit (zwischen Amerika und Indien) gescheitert sind. Je stärker die Einflussnahme der Politik, desto aufmerksamer müssen die Verbände sein. Also kämpfen die deutschen Bauern an vielen Fronten um ihre Einkommen, wobei die Wahl der Mittel zwischen den Interessenvertretern umstritten sein kann.
Aktuell ist der Lieferboykott der Milcherzeuger in Erinnerung, hier soll die Mengenregulierung durch Quoten bis zum Jahr 2015 auslaufen. Heftigen Protest aller Bauern hat die vom Bundesfinanzministerium veranlasste Vorverlegung des Bilanzierungszeitpunkts für die Betriebsprämien provoziert. Das hat zur Folge, dass diese Zuschüsse, die an bestimmte Anforderungen in der Bewirtschaftung gebunden sind, im laufenden Jahr zweimal versteuert werden müssen.
Die angestrebte Vereinfachung in der Verwaltung - weil statt des Zehnmonatszeitraums zum Nachweis der förderfähigen Fläche nun der Stichtag 15. Mai gelten soll - kostet die Landwirte zwischen 500 Millionen Euro (Ministerium) und 700 Millionen Euro (Bauernverband). Da das Landwirtschaftsministerium sich in diesem Fall auf die Seite der Bauern schlägt, gilt als wahrscheinlich, dass nach der Sommerpause zwischen den Ministerien ein Kompromiss zugunsten der Betroffenen ausgehandelt wird.
Gut organisierte Bauernlobby
Ungerecht besteuert fühlen sich die Bauern auch beim Agrardiesel. Zwar bekommt der deutsche Landwirt einen Teil der Mineralölsteuer erstattet, so dass er je Liter nur rund 40 Cent an den Fiskus abführen muss, was sich bei einem Verbrauch von rund 100 Litern je Hektar und Jahr deutlich bemerkbar macht. Im benachbarten Ausland sei der Agrardiesel jedoch viel niedriger oder, wie in Frankreich, gar nicht besteuert, sagt Scharl. Das sei eine Wettbewerbsverzerrung. Sonnleitner spricht gar von einer Strafsteuer.
Eine größere Baustelle für die traditionell gut organisierte Bauernlobby ist die geplante Zusammenfassung der Umweltschutzregelungen in einem neuen Umweltgesetzbuch (UWG). Dass es keine Verschärfung der Vorschriften geben werde, sei die Zusage gewesen. Nun müssen die Bauern im Referentenentwurf feststellen, dass es eine Reihe von schmerzhaften Neuerungen gibt. „Ein Güllebehälter muss dann so sicher sein wie ein Atomkraftwerk“, sagt Scharl. Für die Bauern ist die Gülle Dünger, sie wird auf dem Feld ausgebracht. Andere Regeln betreffen zum Beispiel den Mindestabstand zu Gewässern oder ein Vorkaufsrecht des Staates im Naturschutz. Nach der politischen Sommerpause sind darüber deftige Diskussionen zu erwarten, denn auch Umweltverbände lehnen das Gesetzeswerk ab - nur geht es ihnen nicht weit genug.
Einiges konnte in jüngster Vergangenheit im Sinne der Bauern bewegt werden. Dazu gehören eine ertragsorientierte Bewertung des landwirtschaftlichen Vermögens in der Erbschaftsteuer und höhere Schwellenwerte für die Umweltverträglichkeitsprüfung von Stallbauten. Die Bauern haben schon immer nachdrücklich für ihre Rechte gestritten. Wenigstens das hat sich bis heute nicht geändert.
Lukas Weber Jahrgang 1957, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend und Wirtschaft“.
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