27.07.2008 · Die Solarindustrie steht vor einer Wende: Sinkende Fördersätze und billigeres Silizium werden Preise und Margen drücken. Die Anbieter müssen richtig kämpfen. Doch sie werden immer noch Margen erzielen, von denen andere Branchen nur träumen können.
Von Holger SchmidtDie deutschen Solarunternehmen haben im Paradies gelebt. Die Einspeisevergütungen sind üppig, die Gewinne hoch. Und es hat Käufer gegeben, die ihnen einfach alles aus den Händen rissen. Stetig steigende Preise für Öl, Gas oder Kohle und eine Klimaschutzpolitik, die den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreibt, haben für ideale Rahmenbedingungen gesorgt.
Doch das Jahr 2008 wird zumindest für den Teil der Branche, der Sonnenenergie in Strom umwandelt, die Wende einläuten. Zwar wird der Markt weiterhin schnell wachsen. Aber der Wettbewerb wird wesentlich härter. Ein wichtiges Datum ist der 1. Januar 2009, wenn die Einspeisevergütungen für den Solarstrom in Deutschland gesenkt werden. „Dann wird nicht mehr jedes Solarmodell automatisch einen Käufer finden. Entsprechend werden die Preise fallen“, sagt Matthias Fawer, Solarfachmann der Schweizer Bank Sarasin. 10 Prozent Preisverfall als Folge der Angebotsausweitung erwartet auch Frank Asbeck, Vorstandschef des Bonner Solarunternehmens Solarworld. Die will er aber intern mit einer Senkung der Kosten ausgleichen.
Produktionsbremse und Preistreiber zugleich
Im kommenden Jahr werden sich die Geschäftsbedingungen für die Solarbranche dann weiter verschärfen. Der Basisrohstoff Silizium, dessen Knappheit bislang Produktionsbremse und Preistreiber zugleich war, wird voraussichtlich in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Viele Zellhersteller haben ihre Kapazitäten bisher nicht voll auslasten können, weil Silizium fehlte. Die Folge waren hohe Siliziumpreise und traumhafte Margen für die Siliziumhersteller von etwa 50 Prozent, die natürlich Neueinsteiger in den Markt gelockt haben.
Inzwischen sind aber rund 100 neue Siliziumproduktionsanlagen in Planung oder in Betrieb gegangen. Damit wird der Mangel vom kommenden Jahr an spürbar sinken. Niedrigere Preise für den Basisrohstoff werden zwar allen Zellherstellern zugute kommen, aber den aufstrebenden asiatischen Herstellern wohl mehr helfen als etwa dem deutschen Branchenprimus Q-Cells. Das Unternehmen hat seine Siliziumlieferungen mit Hilfe langfristiger Verträge abgesichert, während sich die Asiaten zur Zeit auf dem Spot-Markt teuer mit Silizium versorgen müssen. „Diese Verbesserung der Rohstoffbezugspreise versetzt die Q-Cells-Wettbewerber in die Lage, auf einen möglichen Angebotsüberhang an Solarzellen mit entsprechend kräftigen Preisnachlässen zu reagieren, ohne dass ihre Profitabilität darunter (stark) leiden müsste“, erwartet BHF-Bank-Analyst Götz Fischbeck.
Der Angebotsüberhang kommt zustande, weil Deutschland als weltgrößter Nachfrager nach Solarzellen die Förderung gekürzt hat. Große Solarparks werden wohl nicht mehr gebaut werden. Stattdessen verlagert sich der Schwerpunkt in die sonnenreichen Länder wie Spanien, Italien, Griechenland oder Kalifornien. Jedoch steht in vielen Ländern ein Fragezeichen hinter den Förderbedingungen. „In Spanien wird über eine Deckelung für Solaranlagen diskutiert; auch in den Vereinigten Staaten wird erst nach der Präsidentenwahl Klarheit über die künftige Energiepolitik herrschen“, sagt Fawer. Vor allem auf Spanien hatten deutsche Unternehmen als Abnehmerland gesetzt.
Förderdiskussion macht nervös
Wie stark einige Unternehmen der Solarbranche von den Förderbedingungen in einem Land abhängen, zeigt das Beispiel Solon. Schon die Diskussion über die Subventionskürzung in Spanien hat gereicht, dass die Investmentbanken Lehman Brothers und UBS das Kursziel des Berliner Unternehmens, das Solarmodule und Photovoltaik-Komplettsysteme baut, um etwa 20 Euro gesenkt haben. Solon sei in hohem Maße vom spanischen Markt abhängig und erziele dort schätzungsweise 40 bis 45 Prozent seines Umsatzes und 60 Prozent des Ergebnisses vor Zinsen und Steuern. Es werde damit gerechnet, dass Solons Spanien-Geschäft im kommenden Jahr vermutlich um mindestens 50 Prozent zurückgehen werde, urteilt Analyst Patrick Hummel von der UBS. Das Wachstum in Italien und Griechenland könne diesen Ausfall nicht ausgleichen. Einen Verfall der Margen hat auch Rupesh Madlani von Lehman Brothers zur Herabstufung der Aktie veranlasst. Solon bemühe sich zwar um eine vertikale Integration, also mehr Nähe zum Endkunden. Langfristige Entscheidungen könnten aber die Margen kurzfristig nicht schützen, urteilt der Analyst.
Genau darin liegt die Herausforderung für die gesamte Photovoltaik-Industrie: Die Margen geraten unter Druck und werden wohl eine Konsolidierung anstoßen. „Die Großen wie Solarworld oder Q-Cells sind für den Margenverfall gut positioniert. Sie haben die neuesten Produktionsanlagen mit der höchsten Effizienz und können den Margendruck aushalten. Kleinere Anbieter wie Sunways oder Solarfabrik werden es schwer haben, denn ein Kapazitätsausbau mit sinkenden Margen ist schwierig“, urteilt Fawer. Der Übergang von einem Verkäufermarkt zu einem Käufermarkt werde Unternehmen in der gesamten Wertschöpfungskette unter Druck setzen. „Die guten Unternehmen werden statt heute 20 Prozent nur noch 5 Prozent Rendite erzielen. Die schlechten Unternehmen werden vom Markt verschwinden“, erwartet Jürgen Meyer von SEB Invest.
Margenerosion auf breiter Ebene
Auch Q-Cells bleibt von der Margenerosion nicht verschont, glaubt Fischbeck. „In den kommenden beiden Jahren steigt die Menge an verfügbaren Silizium für die Solarindustrie um 80 Prozent per anno. Mit einer ähnlichen Rate steigt die jährliche Zellproduktion. Gleichzeitig verschärfen sich die Förderbedingungen in den drei wichtigsten Absatzmärkten Deutschland, Spanien und Vereinigte Staaten. Hieraus resultiert ein Überangebot, welches nur über deutliche Preisrückgänge abgebaut werden kann. Wir erwarten daher, dass Q-Cells seine durchschnittlichen Verkaufspreise um mehr als 15 Prozent senken muss. Dieser Wert übersteigt die Kosteneinsparpotentiale von Q-Cells“, schreibt Fischbeck.
Denn auch der Druck aus dem Ausland nimmt zu: Große amerikanische Unternehmen wie First Solar, ebenso asiatische Anbieter wie Suntech (China) und Sharp (Japan) werden die Deutschen stärker herausfordern. Analysten rechnen damit, dass große Industriekonzerne den erwarteten Rückgang der Unternehmensbewertungen nutzen werden, um sich wie Bosch in den Solarmarkt einzukaufen. Selbst wenn die Wachstumsaussichten nicht mehr ganz so rosig sind: Von mindestens 20 Prozent Zuwachs im Jahr können die meisten Unternehmen in reifen Märkten nur träumen. Vom Jahr 2012 an dürften sich die Vorzeichen nochmals umdrehen: „Wir rechnen angesichts der Erhöhung der Produktionskapazitäten und sinkender Modulpreise noch vor 2012 mit der Netzparität. Die Erzeugung von Strom aus Photovoltaik ist dann zu gleichen Kosten möglich wie bei den klassischen Energieträgern“, sagt Karl Kuhlmann, der Vorstandsvorsitzende der S.A.G. Solarstrom AG aus Freiburg. Die Netzparität wird zunächst in sonnenreichen Gebieten mit hohen Strompreisen erreicht, sich dann aber Jahr für Jahr ausdehnen.
Hohe Ölpreise spielen der Solarenergie in die Hände
Dem kleineren Teil der Branche, die Sonnenenergie in Wärme umwandelt, spielt der hohe Ölpreis noch mehr in die Hände. „Das Überschreiten der 100-Dollar-Marke beim Ölpreis hat viele Verbraucher geweckt. Die gestiegenen Kosten der letzten Heizperiode haben gezeigt, dass an erneuerbaren Energien und Energiesparen kein Weg vorbeiführt,“ sagt Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft. „Solarheizungen bieten eine technisch ausgereifte Möglichkeit, mit der Kraft der Sonne Warmwasser und Raumwärme zu erzeugen und damit die Abhängigkeit von Öl und Gas deutlich zu reduzieren. Insgesamt nehmen bereits drei Millionen Menschen in Deutschland die Energiegewinnung selbst in die Hand.“
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