19.05.2008 · Mit Altpapier und Schrott verdienen die Entsorger prächtig und ein Ende der steigenden Nachfrage ist nicht abzusehen. An den Haushalten geht die Hausse dieser Rohstoffe vorbei. Sie zahlen hohe Gebühren. Das dürfte sich ändern.
Von Helmut BünderMüll wird zur neuen Rohstoffquelle. Seit die Energie- und Rohstoffpreise explodieren, erreicht die Schatzsuche im Abfall einen neuen Höhepunkt. Ob Altpapier, Metalle, Glas oder Altholz: Die Preise scheinen nur noch den Weg nach oben zu kennen. Nur die privaten Haushalte sehen vom Goldrausch bisher wenig. Sie zahlen weiterhin hohe Gebühren, entweder direkt an ihre Kommune oder versteckt in den Preisen für Milchtüten und Zahnpastatuben. Das könnte sich ändern, glaubt der Abfallwissenschaftler Klaus Wiemer von der Universität Kassel. Er rechnet damit, dass es schon bald kostenlose Entsorgungsmöglichkeiten geben wird und die Haushalte in absehbarer Zukunft für ihren Müll sogar kassieren werden.
Dass diese Hoffnung weniger utopisch ist, als sie klingt, zeigt der in manchen Städten entbrannte Kampf um das Altpapier. Die blauen Papiertonnen werden knapp, weil immer mehr private Müllunternehmen ihre eigenen Behälter an die Straßen stellen wollen. Das ist vor allem in Städten lukrativ, die bisher nur zentrale Sammelcontainer aufgestellt und keine Papiertonnen an die privaten Haushalte verteilt haben. „Angesichts der großen Nachfrage nach Altpapier können wir uns den Luxus veralteter Erfassungssysteme nicht mehr leisten“, sagt Burkhard Landers, Präsident des Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE). Bis zu 100 Euro gibt es für eine Tonne Altware, doppelt so viel wie vor zwei Jahren. Fast 16 Millionen Tonnen sind in Deutschland 2007 verarbeitet und verbraucht worden - so viel, dass zum ersten Mal seit dreißig Jahren Nettoimporte von Altpapier notwendig wurden.
Altpapier wird weltweit nachgefragt
Je nach Marktlage gehen aber auch große Mengen ins Ausland, vor allem nach China. „Altpapier ist ein weltweit nachgefragter und begehrter Sekundärrohstoff“, sagt Landers. Die Kommunen wehren sich vor Gericht gegen die private Konkurrenz - bisher vergeblich. Jetzt rufen sie nach der Politik, weil die „Rosinenpickerei“ die funktionierenden kommunalen Entsorgungssysteme aushöhle. Ohne die Einnahmen aus lukrativen Wertstoffen seien höhere Gebühren für den Restmüll zu befürchten und die umweltgerechte Entsorgung nicht zu gewährleisten, gab der Deutsche Städte- und Gemeindebund zu bedenken.
Der Bundesverband der Entsorgungswirtschaft (BDE) hält dagegen. Es gebe einen funktionierenden Markt, das Argument der Daseinsvorsorge ziehe nicht, sagte ein BDE-Sprecher. BVSE-Präsident Landers hält die Warnungen vor Gebührensteigerung für vorgeschoben. Schließlich seien die Gebühren nicht gesenkt worden, um die Gewinne aus steigenden Altpapiererlösen weiterzugeben.
Verrückt nach Metallschrott
Noch rasanter klettern die Preise für Metallschrott. „Der Markt ist momentan außer Rand und Band“, sagt Landers. „Der weltweite Bedarf der Stahlwerke treibt die Preise in einer nie gekannten Geschwindigkeit in die Höhe.“ Der Zinnpreis hat sich seit 2006 verdreifacht, Stahlschrott ist allein in diesem Jahr um 30 Prozent teurer geworden. Der Vorstandschef des Kölner Recyclingunternehmens Interseroh AG, Johannes Jürgen Albus, rechnet noch in diesem Monat mit einem neuen Allzeithoch von mehr als 300 Euro je Tonne Schrott.
Zusammen mit dem Familienunternehmen Scholz aus Essingen und der TSR-Gruppe, die jetzt dem Entsorger Remondis aus Lünen gehört, dominiert der Kölner Konzern den Markt. Die Geschäfte laufen prächtig: Im vorigen Jahr hat Interseroh, der einzige börsennotierte deutsche Entsorgungskonzern, einen Rekordumsatz von 1,75 Milliarden Euro erzielt. Bis 2010 sollen es 2,5 Milliarden Euro werden. Aber die Entwicklung ist nicht ohne Risiken. Denn der Schrottmarkt ist schwankungsanfällig, die Vertragslaufzeit mit den Stahlwerken in der Regel sehr kurz.
Florierender Markt für Recyclingprodukte
In der Beseitigung von Leichtverpackungen aus Kunststoff ist die Duales System Deutschland GmbH (DSD) führend. Mit der Grüne-Punkt-Gesellschaft in Köln hatte die Mülltrennung in Deutschland einst begonnen. Inzwischen tummelt sich ein rundes Dutzend Anbieter auf dem Markt und organisiert die Abholung, Sortierung und Verwertung der Verpackungsabfälle. Doch mit einem Umsatz von knapp 1,2 Milliarden Euro im Jahr 2006 kommt die DSD noch immer auf einen Marktanteil von etwa 60 Prozent. „Mittelfristig rechnen wir damit, dass sich der DSD-Marktanteil bei 50 bis 55 Prozent stabilisieren wird“, sagte ein Sprecher. Noch kostet die Kunststoffverwertung Geld. Aber der Nettoaufwand aus Kosten abzüglich der Verkaufserlöse für das Granulat ist nach Angaben von Michael Heyde, Leiter Technik bei der DSD, auf weniger als 100 Euro je Tonne gesunken. Vor wenigen Jahren waren es noch 400 Euro. Moderne Technik und die mit dem Ölpreis steigenden Preise für Neukunststoffe machten es möglich.
In den neunziger Jahren glaubte man, bei einem Ölpreis von 100 Dollar je Fass werde die Kunststoffverwertung zu einem lohnenden Geschäft. „Ganz so weit sind wir noch nicht. Aber wir nähern uns allmählich der Schwelle“, sagt Heyder. Für die Recyclingprodukte gebe es einen florierenden Markt. Große Mengen nimmt zum Beispiel die Autoindustrie ab. So entstehen aus ausgedienten Shampooflaschen Kunststoffelemente für Radkästen oder im Unterbodenbereich.
Kampf gegen Trittbrettfahrer
„Aber nicht für jede Sorte rechnet sich das Recycling. Wir wählen je nach Marktlage den effizientesten Weg, um Mischkunststoffe zu verwerten“, sagt Heyde. Etwa 60 Prozent würden werkstofflich verwertet. Der Rest wird als Ersatzbrennstoff verwendet, etwa in der Zementindustrie: oder er geht als Reduktionsmittel in die Hochöfen von Stahlwerken.
Die nach langen Auseinandersetzungen beschlossene Novelle der Verpackungsverordnung soll Trittbrettfahrern das Handwerk legen, die die Entsorgungsgebühr für den Verpackungsmüll prellen. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung rechnet im besten Fall mit einem zusätzlichen Marktvolumen von rund 1,5 Milliarden Euro. Die Blütenträume der neu in den Markt drängenden alternativen dualen Systeme werden sich dennoch nicht alle erfüllen. Interseroh-Chef Albus glaubt, dass nicht mehr als vier Anbieter übrig bleiben werden.
Neben der DSD haben dabei große Entsorgungskonzerne die besten Chancen, die wie Interseroh ein eigenes duales System betreiben. Zu dieser Gruppe gehört der Branchenprimus Remondis, der mit seinem System Ekopunkt schon 20 Prozent des Marktes erobert hat. Nummer vier des Quartetts ist Sita, die vor wenigen Monaten das duale System von Belland erworben hat. Nur der französischen Veolia, die nach dem Kauf von Sulo und Cleanaway hinter Remondis zum zweitstärksten Spieler auf dem deutschen Markt aufgestiegen ist, fehlt noch ein eigener Systembetrieb. Deshalb gibt es immer wieder Spekulationen, dass sie an der DSD interessiert sein könnte. Dagegen sprechen aber nicht nur kartellrechtliche Hindernisse. Ein DSD-Sprecher versichert, ein Verkauf des Unternehmens sei „kein aktuelles Thema“.
Synergieeffekte werden überschätzt
Die Branche hat bereits eine kräftige Konsolidierungswelle hinter sich. Jetzt geraten allmählich die Unternehmen der zweiten Reihe in den Blick. „Die Konkurrenzsituation in der Branche kann mittlerweile durchaus als Verdrängungswettbewerb bezeichnet werden“, schreibt das Ifo-Institut. Differenzierter beschreibt BVSE-Präsident Landers die Lage. Synergieeffekte bei Fusionen seien häufig überschätzt worden, und auch Finanzinvestoren hätten die Lust an der Branche verloren. „Nicht umsonst erwartet Roland Berger nur noch relativ wenige Gelegenheiten für größere Firmenübernahmen“, sagt Landers. Aber auch er berichtet von einem extrem harten Wettbewerb, in dem Großunternehmen mit zum Teil nicht auskömmlichen Preisen versuchten, kleine und mittlere Unternehmen vom Markt zu drängen.
Sonderseite Branchen und Märkte: Alle Folgen