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Branchen (5): Touristik Die neue Lust auf Reisen

08.08.2005 ·  Nach drei schwierigen Jahren melden die Reiseveranstalter wieder zweistellige Zuwachsraten. Das befürchtete Reisbürosterben ist zwar ausgeblieben, doch die wachsende Bedeutung des Internet-Vertriebs birgt neue Gefahren.

Von Hans-Christoph Noack
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Die Reiselust der Deutschen ist wieder erwacht. Seit gut einem Jahr melden die großen deutschen Reiseveranstalter steigende Teilnehmerzahlen, nachdem die Terroranschläge des 11. September 2001, Konjunkturschwäche sowie sinkende Nettoeinkommen fast drei Jahre lang zu einem Rückgang der Buchungen geführt hatten. Die TUI AG, Thomas Cook AG oder die Rewe-Touristik, um die Marktführer zu nennen, melden für den Sommer zu zweistellige Wachstumsraten bei den Teilnehmerzahlen - und nur etwas geringere im Umsatz. Wie sich das im Gewinn niederschlägt, wird sich am Ende des Geschäftsjahres zum 31. Oktober zeigen.

Der gesamtwirtschaftliche Produktionswert der Tourismusindustrie betrug 2004 mehr als 185 Milliarden Euro. Die Wertschöpfung der Branche betrug etwa 94 Milliarden Euro. Die Nachfrageschwäche traf die führenden deutschen Reiseveranstalter, die zu den größten in Europa zählen, in einer ohnehin schwierigen Phase.

Europäische Expansion

TUI und Thomas Cook hatten in den Boomjahren große ausländische Veranstalter in Großbritannien und Frankreich übernommen und stellten sich als sogenannte integrierte Reisekonzerne auf. Dabei stand die Vorstellung Pate, über die gesamte touristische Wertschöpfungsstufe vom Reisegast zu profitieren: von der Buchung im Reisebüro über den Transport in der eigenen Fluggesellschaft bis hin zum eigenen Hotel im Zielgebiet. Dort wurde der Kunde von eigenen Agenturen betreut, die nicht nur den Transport zum Hotel, sondern auch Ausflüge organisierten. Aus der Erfahrung der guten Jahre versprach dieses Modell steigende Umsätze und Gewinne.

Die Kehrseite der Medaille bedeutete in Krisenzeiten allerdings, daß bei zu niedrig ausgelasteten Kapazitäten in Flugzeugen und Hotels, die beide eine hohe Kapitalbindung erfordern, die Umsätze einbrachen und sich die Verluste häuften. Die vorhandenen Überkapazitäten mußten über niedrigere Preisen losgeschlagen werden, was zu einem rasanten Anstieg der Last-minute-Reisen führte. Lag der Anteil dieser Billigangebote vor der Krise bei 12 bis 15 Prozent in der Branche, schnellte sie unter dem Druck der Überkapazitäten mitunter auf die Hälfte der verkauften Reisen. Die Folgen blieben nicht aus. Um die Verluste zu begrenzen, wurden bei allen Reiseveranstaltern tiefgreifende Sparprogramme beschlossen und Personal abgebaut.

Ein Sparprogramm jagte das nächste

Bei der TUI jagte ein Sparprogramm das nächste. Rund 2500 Arbeitsplätze wurden abgebaut. Zudem verkaufte der Konzern große Unternehmensteile, die aus der Zeit der Preussag resultierten, deren Kern der Reisekonzern gewesen ist. So wurde die hohe Verschuldung, die aus der Zeit der Akquisition rührte, verringert.

Schlimmer traf es Thomas Cook, die zu gleichen Teilen im Besitz der Lufthansa und des angeschlagenen Warenhaus-Konzerns Karstadt-Quelle ist. Entstanden ist das Unternehmen aus der NUR Touristic - mit den Marken Neckermann-Reisen, Terramar und dem Clubanbieter Aldiana - sowie aus der Charterfluggesellschaft Condor, die von Lufthansa in die Fusion eingebracht wurde. Die Krise kam zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die zusammengeführten Unternehmensteile harmonisierten mit ihren unterschiedlichen Kulturen nicht miteinander. Die Frage, ob der Veranstalter die Fluggesellschaft dominiert, blieb ungelöst. Zudem verschlimmerten überstürzte Markenänderungen und Hotelzukäufe die Lage.

Neues Sanierungsprogramm

Angekündigte Sparprogramme wurden nur teilweise umgesetzt. Die Verluste stiegen - und mündeten in der Absetzung von Vorstandschef Stefan Pichler. Seit zwei Jahren setzt Wolfgang Beeser ein Sanierungsprogramm durch. Es soll das Überleben sichern, was aber durch das halbherzige Zutrauen der Anteilseigner erschwert wurde. Die Lufthansa hat das Interesse an der Touristik verloren, was Spekulationen über eine andere Zukunft des Unternehmens Tür und Tor geöffnet hat. Die Fluggesellschaft plant einen zügigen Ausstieg. Doch die Gespräche mit dem möglichen Investor Günther Herz, der den Lufthansa-Anteil von 50 Prozent übernehmen sollte, scheiterten. Verhandlungen mit anderen Interessenten sind noch nicht weit gediehen.

Thomas Middelhoff, der neue Vorstandsvorsitzende und Sanierer von Karstadt-Quelle, scheint indes an der Touristiksparte festhalten zu wollen - aber am liebsten ohne Condor. Schon vor einem Jahrzehnt brachte die damalige NUR Touristic fast die Hälfte des Vorsteuergewinns des Karstadt-Konzerns ein. Und die Veranstalter von Thomas Cook könnten nach Abschluß der Sanierung diese Rolle wieder spielen. Ob dann alle Marken noch bestehen, ist unklar: Der Clubanbieter Aldiana soll teilweise an Finanzinvestoren veräußert werden.

Rewe reagierte rascher

Einen anderen Weg ist die Rewe Touristik gegangen. Als drittgrößte Gruppe im deutschen Markt hat sie zwar auch die Krisenjahre gespürt. Als loser Verbund unter dem Rewe-Dach hat sie aber eine höhere Reaktionsgeschwindigkeit bewiesen. Zudem ist aus der Beteiligung von 40 Prozent an der Fluggesellschaft LTU, die weniger stark in die Veranstalterpolitik einbezogen ist als Condor oder Hapag Lloyd (TUI), noch keine schwere Hypothek erwachsen.

Rewe spielt einen Vorteil in ihrer Struktur aus und ist im deutschen Sprachraum umfassend aufgestellt: mit dem Pauschalreiseveranstalter IST für breite Schichten, mit Tjaereborg für billige Reisen, mit Jahn-Reisen für gehobene Ansprüche sowie mit Meier's Weltreisen und dem Spezialisten Dertour für individuelle Urlaubswünsche. Zudem besitzt Rewe, deren touristischer Umsatzanteil schon 10 Prozent ausmacht, mit dem Deutschen Reisebüro, Atlas-Reisen, Derpart den zweitgrößten Reisebürovertrieb in Deutschland - nach TUI. Diesen stationären Vertriebsweg pflegt Rewe, wobei sie unattraktive Standorte schließt und im Online-Vertrieb eher verhalten agiert.

52 Online-Marken unter dem TUI-Signet

TUI schlägt eine andere Richtung ein, indem sie den Online-Vertrieb forciert. Insgesamt 52 Online-Marken versammeln sich unter dem TUI-Signet, zu denen im Frühjahr der erste virtuelle Reiseveranstalter Touropa hinzugekommen ist. Vorstandsvorsitzender Michael Frenzel ist trotz gewisser Anlaufschwierigkeiten überzeugt, daß sich die getätigten Investitionen in den Online-Auftritt auszahlen werden. Der Online-Umsatz der gesamten Reiseveranstalterbranche - mit den Internetreiseagenturen wie Opodo und Expedia - beträgt 15 Prozent.

Vergleichsweise gut behauptet haben sich hierzulande die mittleren und kleineren Veranstalter. Öger, Alltours, Studiosus oder der Aufsteiger Schauinsland-Reisen haben Boden gutgemacht und füllen mehr als nur Nischen aus. Die Kleinveranstalter spezialisieren sich in Marktnischen, wo Spezialisten mit wenigen hundert oder tausend Gästen gut leben können.

Differenzierter sieht die Lage bei den Reisebüros aus. Das seit Jahren prognostizierte Reisebürosterben ist zwar ausgeblieben, doch die ohnehin niedrigen Margen verringern sich weiter. Die Streichung der Vertriebsprovisionen durch Fluggesellschaften lassen die traditionellen Einnahmequellen (Provisionen) der Reisebüros abschmelzen. Der Handelsvertreter-Status der Agenturen steht zur Disposition. Die ausgeweiteten Malusanteile in den Provisionsstaffeln der Veranstalter sind nur ein Vorgeschmack für Vertriebskostensenkungen. Und es droht eine weitere Herausforderung: Die Bereitschaft der Kunden, im Internet zu buchen, nimmt unaufhaltsam zu.

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