29.04.2006 · Die Abfallwirtschaft erreicht in Deutschland ein Marktvolumen von 39 Milliarden Euro. Die Branche ist mit rund 3000 Unternehmen noch mittelständisch geprägt. Doch die wenigen großen Anbieter dominieren zunehmend.
Private-Equity-Gesellschaften sind als kühle Rechner bekannt. Sie investieren dort, wo die höchsten Renditen winken. Ihr Interesse an der deutschen Entsorgungsbranche zeigt, daß sich mit Müll gutes Geld verdienen läßt. Mit KKR, Apax und Blackstone sind schon drei der großen Fonds in das Geschäft mit dem Abfall eingestiegen. Der Markt ist in Bewegung. Fusionen und Übernahmen bestimmen das Bild.
Der deutsche Marktführer Remondis hat sich durch den Kauf von RWE Umwelt auf Platz fünf der internationalen Rangliste geschoben, das Herforder Unternehmen Sulo folgt nach der Übernahme von Cleanaway Deutschland auf Platz acht der weltgrößten Entsorger. Auch in der zweiten Reihe tut sich etwas. Das Berliner Familienunternehmen Alba greift nach der Kölner Interseroh AG, die ihrerseits am größten deutschen Recycling-Unternehmen TSR interessiert ist. Für Gesprächsstoff in der Branche sorgt das Duale System Deutschland (DSD). Angeblich wird das Grüne-Punkt-Unternehmen gleich von mehreren Interessenten, darunter ebenfalls Beteiligungsfonds, umworben. Verkaufsabsichten werden vom Eigner KKR jedoch so regelmäßig dementiert, wie die Gerüchte aufflackern.
Für internationale Investoren attraktiv
„Deutsche Entsorgungsunternehmen sind für internationale Investoren attraktiv, weil sie innovativ und ökonomisch erfolgreich sind“, sagt Stephan Harmening, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE). Es winkt ein Markt für die Abfallwirtschaft von 39 Milliarden Euro. Das Geschäft teilen sich mehr als 3000 private Unternehmen und die kommunale Wirtschaft.
Weitgehend privatisiert ist in Deutschland nur die Entsorgung von Abfällen aus Industrie und Gewerbe. Die Verantwortung für Restmüll, Sperrmüll und Bioabfälle aus Privathaushalten tragen weiterhin die Kommunen. Auch sie greifen allerdings in großem Umfang auf private Anbieter zurück. Nur etwa ein Drittel des Hausmülls wird noch von rein kommunalen Betrieben weggeschafft. Ein Sonderfall ist die Entsorgung von Verkaufsverpackungen, Altglas und Papier. Sie wird zum größten Teil vom DSD und ihren Konkurrenten organisiert, welche die Aufträge wiederum an kommunale und private Unternehmen ausschreiben.
Weil im Müllgeschäft Geld zu verdienen ist, wird die Konkurrenz der Städte und Gemeinden wieder schärfer. „Auf allen Ebenen beobachten wir Versuche der kommunalen Seite, das Rad der Privatisierung zurückzudrehen“, kritisiert BDE-Chef Harmening. „Es ist nicht nachvollziehbar, daß Krankenhäuser landauf, landab privatisiert werden, die Müllabfuhr hingegen unbedingt staatlich bleiben soll.“ Vorübergehend gebremst wurde diese Entwicklung vom Müllstreik in Hamburg und in Baden-Württemberg. Die hinterlassenen Abfallberge haben Kommunalpolitiker veranlaßt, neu über Vor- und Nachteile der Privatisierung nachzudenken.
Privat ist´s nicht immer billiger
Ob die Gebühren mit kommunaler oder privater Müllabfuhr günstiger werden, läßt sich nicht verallgemeinern. In vielen Fällen ist die Belastung nach der Vergabe an Private tatsächlich gesunken. Es gibt aber auch eine Reihe von Gegenbeispielen. Die Branchenriesen beschränken ihr Geschäft längst nicht mehr auf Deutschland. Vor allem der Markt in Mittel- und Osteuropa bietet neue Chancen. Gleichzeitig dringen ausländische Unternehmen auf den deutschen Markt. Zu den Großen hierzulande gehört Sita, eine Tochtergesellschaft des französischen Versorgungskonzerns Suez.
Noch immer mittelständisch geprägt
Dünner wird die Luft im harten Kampf um Marktanteile für die vielen kleinen und mittleren Entsorgungsunternehmen. Denn die Branche ist noch immer überwiegend mittelständisch geprägt: Von den rund 3000 deutschen Unternehmen ist bisher nur ein rundes Dutzend überregional unterwegs. Branchenkenner sind davon überzeugt, daß die steigenden technischen und logistischen Anforderungen den Konsolidierungsprozeß beschleunigen werden. Zunächst einmal hat sich die Branchenkonjunktur in jüngster Zeit deutlich belebt. Sowohl der BDE als auch der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgungswirtschaft (BVSE), der die kleinen und mittleren Unternehmen vertritt, erwarten für ihre Mitglieder in diesem Jahr steigende Umsätze. Haupttreiber sind nicht höhere Mengen, sondern die Preisentwicklung, wie das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung erläutert. Durch die seit dem Sommer vorigen Jahres in der Technischen Anleitung Siedlungsabfall (Tasi) verpflichtend vorgeschriebene Vorbehandlung von Abfällen sind die Preise explodiert. Mit 180 bis 200 Euro kostet die Beseitigung einer Tonne Gewerbeabfall in einer Verbrennungsanlage dreimal soviel wie noch vor wenigen Monaten.
„Vermeiden, verwerten, beseitigen“
Der deutsche Gesetzgeber hält die Geschäfte der Müllbranche in Gang. „Vermeiden, verwerten, beseitigen“ lautet die Zielhierarchie des Kreislaufwirtschaftsgesetzes. Sie funktioniert. Während die anfallenden Mengen allmählich zurückgehen, steigen die Anforderungen an die Entsorgung durch neue Recycling- und Verwertungsvorschriften. Jeder deutsche Einwohner hat im vorigen Jahr im Durchschnitt 456 Kilogramm Abfall produziert. Davon entfiel mit 207 Kilogramm weniger als die Hälfte auf den Haus- und Sperrmüll. Diese Fraktion ist seit Jahren rückläufig. Aus dem Entsorgungsnotstand mit überquellenden Deponien ist durch das Kreislaufwirtschaftsgesetz ein Müllnotstand geworden, bei dem sich die Unternehmen um die Mengen streiten.
Gleichzeitig steigt der Anteil der Wertstoffe, die aufwendig getrennt erfaßt und verwertet werden. Von den 37,6 Millionen Tonnen Haushaltsabfällen gingen im vorigen Jahr schon 21,3 Millionen in irgendeine Form der Wiederverwertung, worunter die Kompostierung organischer Abfälle ebenso fällt wie das Recycling von Kunststoff, Glas und Papier. Einen neuen Schub bringt die im März in Kraft getretene Regelung zur getrennten Entsorgung von Elektroschrott. Mehr als 1,8 Millionen Tonnen Altgeräte sollen nicht mehr in der grauen Tonne landen, sondern in einer der rund 2500 Sammelstellen für Recycling. Die vom Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) auf eine halbe Milliarde Euro im Jahr veranschlagten Kosten werden sich in den Bilanzen der Entsorger wiederfinden. Gute Geschäfte verspricht spezialisierten Dienstleistern das Einweg-Pfand auf Dosen und Flaschen. Rücknahmeautomaten müssen installiert werden, das Leergut ist abzuholen und zu verwerten, in Zählzentren muß das Pfand bilanziert werden. Profitieren wird die Branche von der Hausse der Rohstoffpreise. „Aus Entsorgern sind heute längst Versorger geworden, die einen wichtigen Anteil an der Rohstoffsicherheit haben“, sagt Harmening.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.395,16 | +1,34% |
| Dow Jones | 12.595,80 | +1,13% |
| EUR/USD | 1,2488 | −0,42% |
| Rohöl Brent Crude | 107,07 $ | −0,18% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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