27.03.2006 · Teure Firmenübernahmen zeigen, daß die Medizintechnik hohes Wachstum verspricht. Es bilden sich immer größere Konzerne. Zudem gibt es rege Kaufaktivitäten. Dafür sorgen eine überaltete Bevölkerung und Sparzwang im Gesundheitswesen.
Von Rüdiger KöhnDie Zahlen sprechen Bände: Für 27 Milliarden Dollar kauft die amerikanische Boston Scientific den wesentlich kleineren Konkurrenten Guidant und hat damit den Nebenbuhler Johnson & Johnson, der seinerseits 25 Milliarden Dollar zahlen wollte, ausgebootet. Dabei erzielt Guidant - ein Hersteller von Herzschrittmachern und Elektroschock-Geräten (Defibrillatoren) - „nur“ einen Umsatz von 3,8 Milliarden Dollar. Der Kaufpreis entspricht damit dem Achtfachen des Umsatzes.
Für das Fünfeinhalbfache des Umsatzes von 50 Millionen Dollar hat der niederländische Konzern Philips die amerikanische Stentor, einen Spezialisten für die Bereitstellung medizinischer Bilder, erworben. Und der deutsche Siemens-Konzern zahlte 2005 für die CTI Molecular Imaging, einen Anbieter von Bildgebungstechnik zur Erkennung von Krebs, Nervenstörungen und Herzerkrankungen, mit 1 Milliarde Dollar immer noch das Zweieinhalbfache. Was rechtfertigt derart hohe Preise? Der gewinnbringende und wachstumsträchtige Markt für Medizintechnik.
Gründe sind einfach und nachvollziehbar
„Die Branche ist fundamental gesund, hoch profitabel und wächst im Schnitt um 8 bis 10 Prozent im Jahr“, urteilt BB Medtech, eine schweizerische Gesellschaft, die sich an Medizintechnik-Unternehmen beteiligt. Andere Marktbeobachter setzen die Zuwachsraten etwas vorsichtiger auf 4 bis 7 Prozent an - und das langfristig. Gesundheit wird als einer der wachstumsstärksten Märkte schlechthin eingeschätzt. Die Gründe dafür sind einfach und nachvollziehbar. Die Weltbevölkerung nimmt stetig zu. Die demographische Entwicklung der Bevölkerung mit einer zunehmenden Überalterung in den Industrienationen verlangt nach umfangreicherer medizinischer Betreuung.
Altersbedingte Krankheiten und Verschleißerscheinungen häufen sich damit zwangsläufig, womit die Gesundheitsausgaben steigen werden, was innovative und zugleich kostengünstige Heilverfahren erfordert. Das wachsende Gesundheitsbewußtsein sowie neue Technologien verbessern die Früherkennung und damit die Behandlungsintensitäten. Wachsender Wohlstand in den Schwellen- und Entwicklungsländern zieht auch eine verstärkte Aufmerksamkeit in der Gesundheitsfürsorge nach sich. Und schließlich sorgen technologischer Fortschritt sowie Produktinnovationen insbesondere in der Digitalisierung für einen beschleunigten Ersatz der bestehenden Infrastruktur, was höhere Effizienzen und Kostenersparnisse mit sich bringt.
„Attraktive Branche, die stark reguliert“
Das Wachstum geht auch mit guten Erträgen einher. Denn hohe Markteintrittsbarrieren dämmen die Flut neuer Anbieter, vor allem von Billiganbietern: Patentschutz, hohe Zulassunghürden, etablierte Vertriebsstrukturen, ständige, aufwendige Innovationen. „Es handelt sich um eine attraktive Branche, die stark reguliert und in die schwer hineinzukommen ist“, sagt Hermann Ulrich Krauss, Vorstandsprecher der Carl Zeiss Meditec, ein Anbieter von Geräten für die Augenheilkunde. Er schränkt aber ein: „Innerhalb der Branche herrscht Wettbewerb, der nur durch Innovationen gewonnen werden kann.“
Mit der schon seit Jahren zu beobachtenden hohen Intensität an Akquisitionen formieren sich vor allem große Anbieter für die Zukunft. Es gebe, so Krauss, einen globalen Trend, daß die Großen kleine Unternehmen kauften. Das liegt nahe, denn der Medizintechnik-Markt ist äußerst fragmentiert. Weltweit gibt es schätzungsweise 16.000 Hersteller mit 600.000 Beschäftigten. Das Jahresvolumen wird auf 260 Milliarden Dollar geschätzt. Einige Experten räumen sogar ein Potential von 300 Milliarden Dollar ein. Das entspricht rund 8 Prozent des gesamten Gesundheitmarktes von 3.500 Milliarden Dollar, der Arzt- und Krankenhaus-Behandlungen ebenso umfaßt wie Medikamente.
Auch regional große Unterschiede
Die Branche ist inhomogen. In einigen Bereichen erzielen Unternehmen Wachstumsraten von mehr als 30 Prozent, wenn es etwa um den Einsatz von Informationstechnologien und Dienstleistungen geht. Andere Geschäftsfelder etwa im Bereich einfacher Handelsprodukte bringen es nur auf 5 Prozent Wachstum. Auch regional sind große Unterschiede auszumachen. Am vielversprechendsten sind der nordamerikanische Markt, Japan oder die großen Schwellenländer. Anders in Deutschland: Im drittgrößten Markt der Welt sieht es mau aus. Laut Branchenverband Spectaris ging der Inlandsumsatz der 1.234 deutschen Hersteller im vergangenen Jahr ein weiteres Mal um 2 Prozent auf 5,6 Milliarden Euro zurück.
Sie suchen ihr Heil daher zunehmend im Ausland, wo sie ihren Umsatz um 17 Prozent auf 9,2 Milliarden Euro kräftig erhöhten. Die Schere zwischen Inlands- und Auslandsgeschäft wird sich weiter öffnen. Eine spürbare Verbesserung im Inland, sagt Hauptgeschäftsführer Sven Behrens, sei nicht zu erwarten. Der Investitionsstau von - vorsichtig geschätzt - 10 bis 15 Milliarden Euro verlange nach einer substantiellen Reform im Gesundheitswesen mit der Schaffung eines wettbewerbsfähigen Marktes und investitionsfreudigen Rahmenbedingungen. „Ein funktionierender Inlandsmarkt ist mittel- und langfristig die Voraussetzung für den Erhalt der Spitzenposition der deutschen Medizintechnikunternehmen im Ausland“, sagt Behrens. Dabei ist es ein schwacher Trost, daß sich die Märkte europäischer Nachbarländer aus ähnlichen Gründen ebenso verhalten entwickeln.
Kleine Happen statt großem Schlag
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht die Gefahr, daß deutsche Unternehmen in der Konsolidierungswelle zwischen die Mühlsteine geraten könnten. Einerseits ist die Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten stark, die neben einem großen Heimatmarkt auch vom technologischen Potential profitieren. Andererseits dringen asiatische Anbieter vor, die technologisch aufholen würden. Wer im amerikanischen und japanischen Markt nicht präsent ist, urteilt BB Medtech, wird kaum die Margen seiner Wettbewerber erreichen können. Nicht umsonst blicken europäische Konzerne wie Siemens und Philips auf den amerikanischen Markt. Die Niederländer etwa haben sich mit ihrer Medizintechnik erst durch Akquisitionen zum Weltspieler emporgearbeitet.
Zwischen 1998 und 2002 haben sie rund 5 Milliarden Euro in die Hand genommen und zahlreiche amerikanische Unternehmen gekauft - und das aus heutiger Sicht zum Spottpreis. Philips Medical Systems ist so für den Konzern zum strategischen Wachstumsfeld gereift, in dem Akquisitionen eine wesentliche Rolle spielen. Doch der finanzkräftige Konzern schreckt noch vor dem großen Schlag zurück - und gibt sich derweil mit kleinen Happen zufrieden. Die Teilnahme am Konzentrationsprozeß im großen Stil will angesichts der Preise, wie sie Boston Scientific zahlt, überlegt sein.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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