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Branchen (2): Bauwirtschaft Zwei Schweden, fünf Franzosen und 40 Deutsche

18.07.2005 ·  Es gibt nur wenige große Baukonzerne in Deutschland - die Branche ist in eine Vielzahl kleinster Firmen atomisiert, denen der Niedergang droht. Im Ausland dagegen arbeiten die großen und mittelständischen Bauunternehmen erfolgreich.

Von Michael Psotta
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Auf den ersten Blick ist die deutsche Baubranche der Verlierer unter den wichtigen deutschen Wirtschaftszweigen. Nach zehn Jahren Talfahrt werden aller Voraussicht nach auch 2005 Umsätze und Beschäftigung sinken.

Damit ist der Bau eine der Ursachen für die Wachstumschwäche Deutschlands: Wissenschaftler haben errechnet, daß die deutsche Wachstumsrate mit einer Bautätigkeit auf dem Niveau der frühen neunziger Jahre um mehr als einen halben Prozentpunkt höher läge.

750.000 Beschäftigte

Andererseits lahmt die Branche gerade wegen der schlecht laufenden Wirtschaft. Es fehlen Erweiterungsinvestitionen der deutschen Unternehmen und damit Aufträge für neue Fabrikbauten. Es fehlt an Kaufkraft und am Zukunftsvertrauen potentieller privater Bauherren, so daß der Bau von Eigenheimen selten geworden ist. Und es fehlt an öffentlichen Mitteln, weshalb weniger in Straßen, Schulen oder in das Kanalwesen investiert wird. Es deutet nichts darauf hin, daß sich diese Entwicklung in absehbarer Zeit wieder umkehrt. Zum Branchenbild paßt, daß zwei der prominentesten Pleiten der vergangenen Jahre in der Bauwirtschaft stattfanden: Holzmann und Walter Bau.

Neben Hochtief und - mit Abstrichen - Bilfinger Berger weist die früher stolze und kraftstrotzende Branche heute keine größeren Konzerne mehr auf, wenn man von der in österreichischem Besitz befindlichen Strabag einmal absieht. Vielmehr atomisiert sich die Bauwirtschaft in eine Vielzahl kleiner und kleinster Anbieter. Obwohl sich die Zahl der Beschäftigten seit 1995 von mehr als 1,4 Millionen auf 750.000 fast halbiert hat, liegt die Zahl der Bauunternehmen wie vor zehn Jahren noch immer bei knapp 80.000. Darin spiegelt sich zum einen, daß kleine, handwerklich orientierte Anbieter in Nischen wie bei der Sanierung von Altbauten durchaus erfolgreich überlebt haben. Zum anderen aber wirft die Entwicklung ein Schlaglicht auf die Schwarzarbeit. Viele Baufirmen bestehen nur noch aus wenigen deutschen Führungskräften, die bei Bedarf Kolonnen billigerer Kräfte aus dem Ausland anheuern.

„Immer diesselben Unternehmen“

Das wiederum hängt damit zusammen, daß die Baubranche der Vorreiter bei den Mindestlöhnen war, die bereits seit 1997 den deutschen Arbeitsmarkt vor der Billigkonkurrenz abschotten sollen. Selbst der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, der zu den Befürwortern des Mindestlohns gehört, räumt ein, daß dieses Instrument die Schwarzarbeit beflügelt hat. Der erste Blick zeigt also ein Bild des bejammernswerten Niedergangs, zumal es kaum Anzeichen für Besserung gibt. Und dennoch herrscht auf dem deutschen Bau keineswegs nur Tristesse. Das liegt am Auslandsgeschäft.

Dort sind keineswegs nur die beiden Marktführer Hochtief und Bilfinger Berger erfolgreich. Vielmehr weist Deutschland eine Fülle von Mittelständlern auf, die zum Teil äußerst erfolgreich in aller Welt agieren. Damit unterscheidet sich die deutsche Branche stark von der Konkurrenz. „Es sind immer dieselben Unternehmen aus Europa, die sich um große Auslandsaufträge bewerben: zwei Schweden, fünf Franzosen und 40 Deutsche“, sagt Klaus-Dieter Ehlers, Vizepräsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie und Repräsentant von Bilfinger Berger.

Stärke des deutschen Baus

Zu den international ausgerichteten deutschen Mittelständlern gehört der Fassadenbauer Josef Gartner GmbH aus dem bayerischen Gundelfingen, der zum Beispiel die Außenwände des mit gut 500 Meter derzeit höchsten Gebäudes der Welt gestaltet hat, des Wolkenkratzers Taipeh 101 in Taiwan. Die technische Herausforderung bestand darin, das Gebäude gegen häufig auftretende Erdbeben zu schützen. Die meisten Bürotürme Frankfurts tragen die Handschrift von Josef Gartner, der im Fassadenbau zu den Führenden der Welt zählt.

Hohes internationales Renommee genießt zum Beispiel auch der Tiefbauspezialist Bauer aus Schrobenhausen, der nicht nur Tiefbauten ausführt, sondern auch die dazu erforderlichen Maschinen entwickelt und herstellt. Derartige Mittelständler symbolisierten die nach wie vor vorhandene Stärke des deutschen Baus, erläutert Hans-Ulrich Litzner, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Beton- und Bautechnik-Vereins.

Innländischer Niedergang

Trotz ihres mittelständischen Zuschnitts heben sich diese Anbieter oft durch technische Kenntnisse hervor, die nicht nur in Nischen des Weltmarkts Erfolge sichern. Dabei arbeiten deutsche Unternehmen oft Hand in Hand.
So bauen Hochtief und Bilfinger Berger in der Schweiz am Gotthard-Basistunnel mit, der einmal mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt sein wird. Die Tunnelbohrmaschinen stammen von Herrenknecht. Dieses Mitte der siebziger Jahre in Lahr im Schwarzwald gegründete Unternehmen hat sich zum international führenden Anbieter von Tunnelvortriebsanlagen emporgearbeitet.

Mit technischer Expertise auf zahlreichen Gebieten wartet die Baugesellschaft Max Bögl aus Neumarkt in der Oberpfalz auf: Sie hatte beispielsweise die Federführung für den Bau der Transrapidstrecke in Schanghai. Zu ihren Werken zählt aber auch die Cargolifterhalle in Brand bei Berlin, eine der größten freigespannten Hallen der Welt. Aus der Sicht von Ehlers und Litzner hat die deutsche Bauwirtschaft also trotz ihres inländischen Niedergangs ihre internationale technische Spitzenposition gewahrt.

Eine untergeordnete Rolle

Die härtesten Konkurrenten kommen nach Erkenntnissen von Ehlers aus Frankreich, wo der Brückenbau herausragend sei, sowie aus Japan, wo die Verbindung zwischen Bauwirtschaft und Maschinenbau ebenfalls besonders ausgeprägt sei. Außerdem genössen die japanischen Konkurrenten große Vorteile bei der Finanzierung. Die Vereinigten Staaten dagegen seien zurückgefallen. So hinke dieses Land bei der Betonverschalung zehn Jahre hinter der deutschen Technik hinterher.

Für die erfolgreichen Mittelständler, vor allem aber für Hochtief und Bilfinger Berger spielt der deutsche Baumarkt längst nur noch eine untergeordnete Rolle. So haben sich die beiden Marktführer sowohl regional - mit Geschäftsschwerpunkten im Ausland - als auch mit ihrem Leistungsspektrum neu aufgestellt: Immer mehr Gewicht erhalten Dienstleistungen und Komplettangebote, wobei die einfacheren Arbeiten etwa mit Mörtel und Kelle meist an kleinere Unterauftragnehmer weitergegeben werden. Beide Unternehmen stehen in vorderster Reihe bei öffentlich-privaten Infrastrukturprojekten.

Neuer Markt für Straßenbetreiber?

Diese PPP-Projekte (Public Private Partnership) bilden einen der wenigen Lichtblicke am deutschen Baumarkt. Da öffentliche Mittel knapp sind, gehen immer mehr Gebietskörperschaften dazu über, öffentliche Gebäude gegen eine feste Gebühr privat bauen, sanieren und betreiben zu lassen. Dazu benötigen sie private Auftragnehmer mit einem langen finanziellen Atem, da diese Verträge meist auf Jahrzehnte ausgelegt sind. Das größte bisherige PPP-Projekt im öffentlichen Hochbau hat sich Hochtief gesichert. Es handelt sich um die Sanierung und den Betrieb von 49 Schulen im Landkreis Offenbach.

Auch die Mauterfassung kommt allmählich in Fahrt. Damit wächst die Hoffnung, daß zumindest der Fernstraßenbau auflebt, da ein großer Teil der Maut hierfür verwandt werden soll. Langfristig dürften der Bau und der Betrieb von Straßen der attraktivste Teil des Baumarktes werden. Deutschland kommt wohl nicht umhin, ähnlich wie in vielen Nachbarländern auch für Personenwagen eine Gebühr für die Nutzung von Fernstraßen zu erheben. Damit würde nicht nur die Baunachfrage wachsen, sondern auch ein neuer Markt für Straßenbetreiber entstehen, auf dem sich nach ausländischen Erfahrungen größere Baugesellschaften bisher erfolgreich geschlagen haben.

Quelle: F.A.Z. / 16.07.2005 / Seite V38
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Jahrgang 1957, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.

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