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Branchen (119): Private Equity Das Ende des Übernahmerauschs

12.11.2007 ·  Jahrelang haben Beteiligungsfonds immer größere Konzerne gekauft und hohe Schuldenberge aufgetürmt. Nun müssen die Finanzinvestoren wieder kleinere Brötchen backen. Von Daniel Schäfer.

Von Daniel Schäfer
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Noch vor einigen Monaten schien das Undenkbare machbar: Große Konzerne wie Siemens, Daimler oder Continental wurden von amerikanischen und britischen Beteiligungsgesellschaften mit gierigem Blick beäugt. Es gab schon Sandkastenspiele für ihre Übernahme. Der Gründer des amerikanischen Beteiligungsfonds Blackstone, Stephen Schwarzman, war nach eigener Aussage nicht allzu weit davon entfernt gewesen, ein 50 Milliarden Dollar teures Dax-Unternehmen zu kaufen. Doch seit drei Monaten ist der Goldrausch der Firmenjäger vorbei. Durch ihr Treiben haben die großen Finanzinvestoren eine Kreditblase aufgepumpt, die nun geplatzt ist. Die Banken bleiben auf Krediten sitzen, die sie den Firmenjägern zugesagt haben.

Eigentlich ist Beteiligungskapital nichts anderes als eine Art der Unternehmensfinanzierung. Der Anglizismus „Private Equity“ steht für privates Eigenkapital und gilt als Gegenstück zu dem öffentlich an Börsen gehandelten Eigenkapital der Aktiengesellschaften. In Deutschland wird Private Equity meist gleichgesetzt mit großen Unternehmenskäufen, im amerikanischen Raum dagegen werden auch Wagniskapital und Minderheitsbeteiligungen an größeren Wachstumsunternehmen dazugezählt.

Schnäppchenjagd in Deutschland

In den vergangenen Jahren haben sich die außerbörslichen Beteiligungskapitalgeber in Deutschland eine Vielzahl von Firmen einverleibt. Aus der Obhut großer Konzerne, von Gründerfamilien oder der Börse wechselten beispielsweise die hinter dem Grünen Punkt, den Märklin-Eisenbahnen und den Brillengläsern von Rodenstock stehenden Unternehmen in den Besitz zumeist angloamerikanischer Beteiligungsgesellschaften. Dadurch hat sich Beteiligungskapital zu einem der größten deutschen Arbeitgeber gemausert. Nach Zahlen des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) beschäftigten von Private Equity finanzierte Firmen im Jahr 2006 mehr als 960.000 Mitarbeiter mit einem Umsatz von 188,5 Milliarden Euro.

Bis vor kurzem konnten sich die zeitweiligen Herrscher der Finanzmärkte ihre Schnäppchenjagd in Deutschland locker leisten. Mehr als 6000 Beteiligungsfonds gibt es weltweit, die schätzungsweise 1,3 Billionen Dollar Eigenkapital im Köcher haben. Nach Zahlen des britischen Forschungsinstituts Preqin versuchen in diesem Jahr mehr als 1000 Fonds, gut 600 Milliarden Dollar an neuem Kapital einzuwerben. Doch einige dürften angesichts der jüngsten Verwerfungen auf den Kapitalmärkten damit wohl scheitern. Durch die Krise wird sich nach Ansicht von Beobachtern die Spreu vom Weizen trennen - die erfolgreichsten Fonds erhalten weiterhin Geld, für die nur mäßig guten wird es schwierig.

Nicht alle leiden unter dem Abschwung

Die Branchengröße Blackstone denkt ungeachtet der Finanzmarktturbulenzen schon wieder ans Geldeinsammeln - auch dieses Mal könnten Rekordsummen im Spiel sein, allerdings möglicherweise verteilt auf einige regionale und branchenorientierte Fonds. Erst im vergangenen Jahr hatte Blackstone mit 21,7 Milliarden Dollar einen neuen Rekordfonds auf die Beine gestellt. Dabei hat die Gesellschaft ebenso wie wichtige Wettbewerber wie Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR), die Texas Pacific Group, Permira, Apax oder Apollo den Vorgängerfonds mehr als verdoppelt.

Eigenkapital ist zwar noch in Hülle und Fülle da. Aber die Einkaufsmacht der großen Finanzinvestoren nimmt dennoch dramatisch ab. Denn sie finanzieren ihre Übernahmen meist zu mehr als zwei Dritteln mit Schulden. Diese Kredite werden nach dem Erwerb dem gekauften Unternehmen aufgebürdet. Die Banken sitzen aber auf mehr als 300 Milliarden Dollar an Übernahmekrediten, die sie am Markt nur allmählich loswerden. Daher sind sie derzeit selten bereit, neue Darlehen auszugeben. Übernahmen im Volumen von mehr als 1 Milliarde Euro sind kaum mehr möglich. Laut dem Datenanbieter Thomson Financial ist die Finanzierung solcher Übernahmen zwischen Juli und Oktober in Europa gänzlich eingebrochen. Käufe im Wert von einer halben Milliarde Euro oder darunter gibt es dagegen weiterhin häufig. Die auf diesem Feld aktiven Finanzinvestoren haben die Zeit der Übertreibungen nicht mitgemacht und leiden nun nicht unter dem Abschwung.

Ein Element des Wirtschaftskreislaufs

Die These, der Markt für große Übernahmen durch Finanzinvestoren drohe zu überhitzen, kursierte schon länger. Jedoch hatte niemand ernsthaft damit gerechnet, dass ausgerechnet die Schwierigkeiten wenig betuchter amerikanischer Hauskäufer die Kreditmaschine zum Stoppen bringen würden. Doch die in Bankkreisen „Subprimemania“ genannte Krise drehte die Stimmung gänzlich. Auf einmal ist „Risiko“ für die Anleger kein Fremdwort mehr und die Zeit des billigen Geldes vorbei. Investmentbanker und Beteiligungsmanager hofften zwar anfangs darauf, dass kein Einbruch, sondern lediglich eine Normalisierung des Marktes bevorstehe. Doch das entpuppte sich alsbald als reiner Zweckoptimismus. Die Zeichen für einen dauerhaften Abschwung sind allgegenwärtig. Der stetige Kapitalstrom in Hedge-Fonds und Spezialanleihen wird immer dünner. Die Banken halten das Heft wieder fester in der Hand und werden restriktiver in der Kreditvergabe an Hedge-Fonds und Beteiligungsgesellschaften. Für die großen Beteiligungsfonds wird das Geschäft schwieriger.

In Deutschland fehlen ohnehin die ganz großen Fonds. Denn das Geschäft mit der Bereitstellung von Eigenkapital für Unternehmen war hierzulande lange Zeit ein Zubrot für deutsche Banken und Versicherungen. Sie investierten einen Bruchteil ihrer Anlagegelder direkt in Unternehmensbeteiligungen. Selbständige Fondsgesellschaften, wie sie in Nordamerika und Großbritannien seit Jahrzehnten Usus sind, gab es so gut wie nicht. Im angloamerikanischen Raum indes sind die Fonds seit den Zeiten der aggressiven Firmenjäger in den achtziger Jahren zu einem Element des Wirtschaftskreislaufs avanciert. Gesellschaften wie Carlyle oder Warburg Pincus speisen sich aus den sprudelnden Geldquellen wie Pensionsfonds, Versicherungen, Stiftungen oder reichen Privatleuten.

Asien rückt in den strategischen Blick

Die deutschen Gesellschaften backen kleinere Brötchen. Die Ausnahme ist der Private-Equity-Arm der Allianz, die Allianz Capital Partners. Sie hat - jedoch bislang fast ausschließlich aus Geldern des Konzerns - auch in größere Unternehmensbeteiligungen wie der Druckmaschinensparte von MAN investiert. Ansonsten verfügen die größten Gesellschaften wie Odewald oder die Deutsche Beteiligungs-AG über Fonds mit weniger als 1 Milliarde Euro. Der Grund: Dank des umlagefinanzierten Rentensystems fehlt es hierzulande an finanzstarken Pensionskassen als Investoren. Auch kapitalkräftige Stiftungen sind rar. Während in Amerika bekannte Pensionsfonds wie die der Universitäten Harvard oder Yale 15 bis 30 Prozent ihres Anlagegeldes Private Equity anvertrauen, investieren die deutschen Versicherungskonzerne noch nicht einmal 1 Prozent in diese Anlageklasse.

Trotz der jüngsten Finanzkrise sind die Finanzinvestoren zu einem dauerhaften Teil des deutschen Wirtschaftskreislaufs avanciert. Beteiligungskapitalgeber kaufen Unternehmen und versuchen, binnen einiger Jahre deren Wert zu steigern, um sie dann mit hohen zweistelligen Renditen abzustoßen. Sie besitzen hierzulande immer noch große Unternehmen wie Pro Sieben Sat.1, den Yachthersteller Bavaria oder die Pharmasparte von Altana. Und sie nehmen den Konzernen nicht mehr geliebte Sparten ab, wie die Aufspaltung des Autoherstellers Daimler-Chrysler in diesem Jahr beweist. Abnehmer des amerikanischen Herstellers Chrysler war der Finanzinvestor Cerberus.

Derzeit rückt zwar Asien in den strategischen Blick der Firmenjäger, denn der Markt dort wächst rasant, und zuletzt kauften die Beteiligungsfonds dort einige größere Unternehmen. Doch man wird sich in Deutschland an die Präsenz der Finanzinvestoren dauerhaft gewöhnen müssen. Bedarf für vernünftig eingesetztes Beteiligungskapital wird es immer geben.

Quelle: F.A.Z., 12.11.2007, Nr. 263 / Seite 23
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