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Brain AG Kosmetika aus dem Werkzeugkasten der Natur

Das Biotech-Unternehmen Brain AG aus Zwingenberg hat 60 Millionen Euro bei Investoren eingesammelt. Mit dem Geld will Brain unter anderem auf dem Kosmetikmarkt wachsen. Ein großer Name soll dabei helfen.

© Wohlfahrt, Rainer Vergrößern Bioökonom: Biologe Holger Zinke will seine Brain AG auf Wachstum trimmen.

Ein technisches Problem, das mit Biologie zu tun hat, ist lösbar, sagt Holger Zinke gerne. So forscht sein Biotechnologie-Unternehmen Brain AG zum Beispiel an Bakterien, die klimaschädliches Kohlendioxid in Rauchgas binden und dadurch wachsen. Zudem vermögen sie Milchsäure zu erzeugen, aus der sich ein Kunststoff herstellen lässt. Längst im Alltag massenhaft angewendet wird ein von dem Mittelständler aus Zwingenberg entwickelter Eiweißstoff, der es als Beigabe zu Waschmitteln erlaubt, Textilien bei 40 Grad statt bei 60 Grad zu reinigen. Das Enzym findet sich in Waschmitteln von Henkel und hilft Haushalten, Energie zu sparen. Fortan will Brain aber nicht mehr nur technische Probleme lösen, indem sich die Firma aus dem Werkzeugkasten der Natur bedient, wie Zinke es formuliert. Die Zwingenberger möchten sich auch auf dem Kosmetikmarkt einen Namen machen. Dabei haben sie nicht zuletzt Asien im Blick.

Thorsten Winter Folgen:    

Diesem Zweck sollen die 60 Millionen Euro dienen, die das Unternehmen bei Investoren eingesammelt hat (F.A.Z. vom 28.November). Eine Riesensumme, gemessen am Jahresumsatz von rund sechs Millionen Euro, die das Stammhaus von Brain erzielt. Das Geld stamme von der MP Beteiligungs-GmbH aus Kaiserslautern, vom MIG Fonds, einem Münchener Kapitalgeber, sowie von weiteren nicht namentlich genannten Investoren. Das ist die bisher größte Finanzierungsrunde für die Firma und außerdem die größte in der industriellen Biotechnologie in ganz Europa, wie Zinke als Chef von 102 Mitarbeitern sagt. Holger Bengs, auf die Biotech-Branche spezialisierter Unternehmensberater von BCNP Consultants in Frankfurt, bestätigt dies. Und er hebt hervor: „Da hat Holger Zinke etwas geschaffen, mit dem niemand gerechnet hat und das seinesgleichen sucht - das ist ein Leuchtturm.“

Später kam noch Parfüm dazu

Dieser Leuchtturm steht jedoch nicht allein da. Vielmehr hat die Brain AG in der Vergangenheit weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit schon Tochterfirmen und Beteiligungen erworben, die zur Kosmetik-Strategie passen. So zählt seit rund drei Jahren eine chemisch-kosmetische Fabrik, die auch für andere Firmen als Lohnfertiger tätig ist, zu Brain. Zweitens zählt eine Vertriebsgesellschaft in Eschborn zum Konzern. Vor allem aber verfügt Brain seit knapp einem Jahr über die Mehrheit an Monteil Cosmetics mit Sitz im Rheingau. Dieses Kosmetikunternehmen geht auf Germaine Monteil zurück, eine Französin, die im vergangenen Jahrhundert in New York als Modeschöpferin und Kosmetikerin arbeitete und 1936 mit ihrem Mann die Germaine Monteil Cosmetiques Corp. gründete. Diese Firma bot Cremes und andere Hautprodukte an. Später kam Parfüm hinzu. Wie im Fachmagazin „Transkript“ zu lesen ist, blieb diese Marke bis in die siebziger Jahre in Amerika präsent und erlöste 100 Millionen Dollar im Jahr. Zunächst vom Parfüm-Konzern Coty übernommen, ging sie infolge des Verkaufs von Coty 1963 an den Pharmakonzern Pfizer über.

1992 gab es den nächsten Besitzerwechsel, Coty und Monteil gehörten fortan zum deutschen Spezialchemie-Unternehmen Benckiser, das Monteil 2006 an die Wilde-Gruppe in Oestrich-Winkel weiterreichte. Heute ist Monteil eine Gemeinschaftsfirma von Brain und Wilde, wobei die Zwingenberger die Mehrheit besitzen. Die Marke „Monteil Paris“ sitzt nicht in Frankreich, sondern ebenso im Rheingau.

Wohlwollen bei den Aktionären

Durch diese Mehrheitsbeteiligung hat die Brain AG die Wertschöpfungskette geschlossen, wie Zinke hervorhebt. Die Zwingenberger steuern Wirkstoffe aus dem Werkzeugkasten der Natur zu den Monteil-Produkten bei, für die Wilde das Marketing macht. „Unser Partner hat den molekularen Prozess der Hautalterung verstanden“, wird Wilde-Geschäftsführer Michael Kalow zitiert. Die von Brain gekaufte chemisch-kosmetische Fabrik in Bayern sorgt für die Produktion. Hinzu kommt die Vertriebsgesellschaft in Eschborn. Und Brain befindet sich ständig in Gesprächen, die in weiteren Beteiligungen münden könnten, wie der Vorstandschef sagt.

Den Einstieg bei Monteil „haben die Aktionäre mit Wohlwollen verfolgt, zudem stellen sich erste Erfolge ein“, berichtet Zinke. Gleichzeitig stellt er klar: „Brain ist von Know-how getrieben, wir wollen kein Kosmetikunternehmen werden.“ Deshalb blieben die Tochterfirmen und Beteiligungen an ihrem jeweiligen Standort und würden von Brain unterstützt - mit Geld oder Wirkstoffen. Anders als bisher kann Brain den Kosmetikmarkt nun beeinflussen und mit dem Partner etwa entscheiden, in Asien eine Monteil-Linie einzuführen. Der Dienstleister wächst dadurch zur Industriefirma.

Quelle: F.A.Z.

 
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