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BP-Chef Hayward So unbeliebt wie der Toyota-Chef

31.05.2010 ·  Die Ölpest hat ihn auf die Liste der meistgehassten Topmanager gebracht. Dabei wollte Tony Hayward so gerne der Saubermann sein. Am Golf von Mexiko steht nicht nur die Existenz der BP auf dem Spiel, sondern auch die berufliche Zukunft des Briten.

Von Ulrich Friese
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Der Kriseneinsatz am Golf von Mexiko hinterlässt bei Tony Hayward sichtlich Spuren. Emotional aufgewühlt und übermüdet wirkt der Chef von British Petroleum (BP) im amerikanischen Fernsehen. Sein trotziger Auftritt vor den Kameras, meist in offenem Hemd und mit zerzausten Haaren, suggeriert dem Publikum, dass hier ein Topmanager mit englischem Akzent nach Kräften versucht, durch höchstpersönliches Eingreifen das Öko-Desaster abzuwenden, das nach dem Untergang der Ölplattform „Deepwater Horizon“ droht.

Vorbei die Zeiten, in denen der 53 Jahre alte Brite Mitarbeiter oder Geschäftspartner mit seinem jugendlichen Charme und bubenhaften Lächeln für sich gewinnen konnte. Stattdessen ziehen jetzt Schock und Betroffenheit tiefe Furchen durch sein Gesicht: „Ich bin erschüttert über das Ausmaß der Ölpest“, beschrieb Hayward mit versteinerter Miene seine Eindrücke nach einem Besuch an den von schwarzem Schlick verseuchten Stränden von Alabama und Florida.

An die Fischer und Hoteliers, die um ihre Existenz oder hohe Verdienstausfälle fürchten, wendet sich der rastlose Manager in der Manier eines reumütigen Musterschülers: „Ich kann verstehen, dass sich viele Menschen hier in der Region von uns im Stich gelassen fühlen.“

Es geht um alles oder nichts

Für Hayward, der inzwischen im „Ramada Inn Hotel“ in Houma, Louisiana, Quartier bezogen hat, geht es am Golf von Mexiko um alles oder nichts. Dort steht nicht nur die Existenz des - hinter Shell - zweitgrößten Ölproduzenten in Westeuropa auf dem Spiel, sondern auch die berufliche Zukunft des britischen Vorzeigemanagers. Noch vor wenigen Monaten an der Londoner Börse als erfolgreichster Konzernlenker der heimischen Industrie gefeiert, muss Hayward jetzt die Folgen des größten Ölunfalls in der BP-Geschichte in den Griff kriegen. Es ist ein Unfall, der mit Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe nicht nur die Grundfesten des britischen Traditionskonzerns erschüttern, sondern auch das Ökosystem der Vereinigten Staaten über Jahrzehnte belasten dürfte.

Seit im April die Bohrinsel „Deepwater Horizon“ explodierte, 11 Arbeiter tötete und im Meer versank, schießen nach bisherigen Angaben angeblich jeden Tag mehr als 5.000 Barrel Öl ins Meer. Ein Barrel entspricht 159 Litern. Das Ausmaß der Katastrophe ist allerdings noch weitaus größer als bisher angenommen. Die amerikanische Regierung meldete soeben, dass in den Golf von Mexiko bislang schon 85 Millionen Liter Öl geflossen seien. Das ist mehr als das Doppelte des Schadens, den 1989 der Unfall des Öltankers „Exxon Valdez“ vor der Küste Alaskas verursachte. Andere Schätzungen taxieren die Größe des Ölpest sogar auf 300 Millionen Liter Öl. Genaues weiß niemand.

Alle Versuche scheiterten

Angesichts der Drohkulisse am Golf ist Haywards Ansehen im Londoner Finanzdistrikt rapide gesunken. Seit der Explosion der Bohrinsel vor sechs Wochen verlor der BP-Konzern rund 30 Milliarden Pfund an Börsenwert. Die Kosten für Rechtsstreitigkeiten mit Aktionären, ehemaligen Geschäftspartnern oder die Folgekosten für die Schäden dürften mit einem weiteren Milliardenbetrag zu Buche schlagen. Für Hayward, der im Mai 2007 offiziell die Geschäftes seines legendären Amtsvorgängers John Browne übernahm, ist das ein gewaltiger Schlag ins Kontor. Dabei lief für ihn alles so gut. Über lange Zeit war BP der wertvollste Börsenwert Großbritanniens. Und trotz Wirtschaftskrise und zeitweise gefallenen Energiepreisen wies der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr einen Nettogewinn von 14 Milliarden Dollar aus. In den ersten drei Monaten des laufenden Geschäftsjahres erreichte dieser Wert immerhin 6 Milliarden Dollar.

Um die Erosion von Gewinn und Börsenwert zu stoppen, kämpft Hayward jetzt an vielen Fronten. Doch alle Versuche der 2500 von BP angeheuerten Spezialisten, die drei Lecks in 1500 Meter Tiefe abzudichten, scheiterten. Jetzt soll mit der „Top Kill“-Methode der Befreiungsschlag gelingen. Seit Tagen pumpen BP-Techniker in einem komplexen Verfahren so lange Schlamm in die Bohrlöcher, bis kein Öl mehr austritt. Dann werden die so gestopften Lecks mit Spezialbeton versiegelt. Erste Rückmeldungen, ob Haywards riskantes Manöver erfolgreich ist, werden am heutigen Sonntag erwartet.

Chronisches Missmanagement

Unabhängig vom Ausgang des „Top Kill“-Versuchs, rückte der BP-Chef in den Augen der amerikanischen Öffentlichkeit unaufhaltsam zu den unbeliebtesten Wirtschaftsführern auf. Ein fragwürdiger Status, den Hayward mit Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein oder Japans Automanager Akio Toyoda teilt und der fast zwangsläufig Boykott-Aufrufe der nationalen Verbraucherverbände nach sich zieht.

Gerade in den Vereinigten Staaten hat Hayward bis heute mit „Altlasten“ zu kämpfen, die er von seinem Amtsvorgänger Browne geerbt hat. Der Ölkonzern sorgte zunächst 2005 weltweit für Schlagzeilen, als eine BP-Raffinerie im amerikanischen Bundesstaat Texas explodierte. Bei diesem Unglück kamen 15 Mitarbeiter ums Leben, weitere 160 wurden teils schwer verletzt. Ein Jahr später gerieten die Briten durch ein Leck an einer Öl-Pipeline in Alaska in die Kritik, durch das 4.800 Barrel Öl im Erdreich versickerten. Die Ursachen für beide Umweltskandale führten interne und externe Gutachter damals auf eine Mixtur aus chronischem Missmanagement im Konzern, laxen Sicherheitsbestimmungen sowie Sparzwängen der amerikanischen BP-Statthalter zurück.

Fliegender Wechsel an der BP-Spitze

Der Ruf des „sanften Ölmultis“, der sich weltweit mit grünem Logo und der griffigen Formel „Beyond Petroleum“ („Jenseits von Öl“) vermarktete, war nach den Rückschlägen in Texas und Alaska ruiniert. Stattdessen hatte Hayward alle Hände voll tun, intern die Hypothek Brownes abzutragen, indem er den schwerfällig gewordenen Konzern radikal umkrempelte sowie die Glaubwürdigkeit der Führung bei Belegschaft und Investoren reparierte. „BP wird zu rigide geführt, und wir hören zu wenig auf das, was uns die Mitarbeiter vor Ort sagen“, übte der frisch gekürte Konzernchef vorsichtig Kritik an seinem langjährigen Vorgesetzten

Haywards Abrechnung mit der „Ära Browne“ war für den damals 50 Jahre alten Aufsteiger ein „emotionaler Kraftakt“, berichten Vertraute heute. Schließlich hatte der Manager aus dem Londoner Vorort Slough, der sich direkt nach seinem Geologiestudium vor 25 Jahren von BP unter Vertrag nehmen ließ, seine steile Karriere der Gunst des schillernden Konzern-Doyens Browne zu verdanken. Direkt im Machtzentrum von BP erlebte Hayward mit, wie „Sonnenkönig“ Browne in seiner zehnjährigen Amtszeit den einstigen Energieversorger des „British Empire“ durch eine Serie von Zukäufen amerikanischer Konkurrenten in die Spitzenliga der weltweit größten Ölproduzenten katapultierte. Fast beiläufig verneunfachte Browne den Börsenwert von BP.

Vom jähen Abgang Brownes, der nach peinlichen Enthüllungen über seine Beziehung zu einem männlichen Geliebten vorzeitig seinen Hut nehmen musste, wurde Hayward vor drei Jahren kalt erwischt. Doch die Londoner City bejubelte den fliegenden Wechsel an der BP-Spitze, der in der Londoner Zentrale das Ende des „Managements by Gutsherrenart“ markierte.

Detailverliebtheit, Disziplin und Ordnungssinn

Hayward ist kein Sprössling der Oberschicht, mit Eton- und Oxford-Gütesiegel. Das älteste von sieben Kindern stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und zeigt als leidenschaftlicher Anhänger des Fußballvereins „Westham United“ auch keinerlei Scheu vor Kontakten mit Londons Arbeitermilieu. In Finanzkreisen genieße er den Ruf eines „bodenständigen Managers ohne Extravaganzen und Allüren“, sagt ein britischer Investor.

Seine Stärken - Detailverliebtheit, Disziplin und Ordnungssinn - spielte der Techniker nach seinem Sprung an die BP-Spitze zunächst geschickt aus: Nach den Störfällen in Nordamerika versprach er öffentlich, das Augenmerk der BP-Führung künftig „wie einen Laserstrahl auf Aspekte der Sicherheit und verlässliche Arbeitsabläufe im Konzern“ auszurichten. Doch sein kühnes Versprechen wirkt angesichts der jüngsten Umweltkrise am Golf von Mexiko wie eine hohle Floskel. „Die technischen Herausforderungen sind für uns in der Tiefsee ähnlich groß wie in der Raumfahrt“, sagt Hayward. Und die Notwendigkeit der Raumfahrt hätte schließlich auch niemand in Frage gestellt, auch nicht nach dramatischen Rückschlägen wie der Beinahe-Katastrophe von „Apollo 13“. Auch mit diesem Vergleich wagt sich Hayward abermals hoch hinaus.

Der Mensch

Tony Hayward wird am 21. Mai im Londoner Vorort Slough geboren. „Als ältester Bruder mit sieben Geschwistern lernt man in der Familie früh, Verantwortung zu übernehmen“, sagte der BP-Chef, der seine Karriere im Konzern vor 25 Jahren startete. Nach dem Studium an den Universitäten Birmingham und Edinburgh trat der promovierte Geologe seinen ersten Dienst bei BP im Rohstoff-Zentrum der schottischen Ölstadt Aberdeen an. Früh erfuhr Hayward die Förderung durch Konzernmanager John Browne, der zwischen 1997 und 2007 den BP-Konzern führte. Hayward profilierte sich auf diversen Positionen in 7 Ländern, bevor er als Chef der Konzernsparte „Ölförderung“ im Mai 2007 auf den Chefsessel rückte.

Das Unternehmen

Der Traditionskonzern British Petroleum (BP) ist in Nordamerika seit Jahren fest verankert. Bis Ende der 90er Jahre investierte der ehemalige Energieversorger des British Empire insgesamt mehr als 100 Milliarden Dollar, um amerikanische Konkurrenten wie Amoco, Atlantic Richfield oder den Schmierstoff-Hersteller Castrol zu übernehmen. Damit stieg der zweitgrößte Ölkonzern in Westeuropa hinter dem amerikanischen Branchenprimus Exxon Mobil zum zweitgrößten Produzenten in des Landes auf. Doch die Zukäufe in Übersee wurden von den Briten zu hastig integriert. Jahrelanges Missmanagement bei den amerikanischen Tochtergesellschaften waren die Folge.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft.

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