Spätestens seit dem Rauswurf des kommunistischen Parteisekretärs Bo Xilai ist die chinesische Metropole Chongqing weltbekannt. Nach einem undurchsichtigen Skandal um den örtlichen Polizeichef und nach dem Mord an einem britischen Geschäftsmann wurde der charismatische Anführer der Linken im innerchinesischen Machtkampf all seiner Ämter enthoben; seine Ehefrau steht unter Mordverdacht.
Auch ohne solche Räuberpistolen ist die Stadt am Mittellauf des Jangtse in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Um Chinas unterentwickelten Westen aufzuwerten, wurde sie Ende der neunziger Jahre für „regierungsunmittelbar“ erklärt und so stark vergrößert wie nie eine Stadt zuvor. Durch Fusion mit dem östlichen Teil der Provinz Sichuan wuchs sie auf die Fläche Österreichs heran. Mit 33 Millionen Bewohnern gilt die Agglomeration heute als einwohnerreichste Stadt der Welt.
Seit dem Bau des Dreischluchtenstaudamms ist Chongqing ganzjährig über den Fluss erreichbar, was die wirtschaftliche Attraktivität gesteigert hat. Hinzu kamen viele Fördermilliarden im Zuge der chinesischen „Go-West“-Strategie. In den vergangenen Jahren floss zusätzlich der Löwenanteil des größten Konjunkturprogramms der Welt von 4000 Milliarden Yuan (490 Milliarden Euro) in den Westen und ins Zentrum des Landes, darunter nach Chongqing. Auch deshalb wuchsen diese Landstriche stärker als die Industrieregionen im Süden und Osten.
Vor allem Chongqing strotzt vor Kraft. Seit Bo Xilai 2007 Parteichef wurde - der Posten ist wichtiger als der eines Gouverneurs oder Bürgermeisters - hat sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf das Niveau Neuseelands verdoppelt. Jedes Jahr ist die Wirtschaft durchschnittlich um real 15,8 Prozent gewachsen, im ganzen Land waren es 10,5 Prozent. Bo setzte dabei auf staatliche Lenkung, staatliche Bauprojekte, staatliche Unternehmen, staatliche Transfers. Das trieb zwar den Aufschwung voran, führte aber zu exorbitanten Schulden. Die als Schattenhaushalte geführten Finanzgesellschaften der Stadt hatten bis 2011 fast 423 Milliarden Yuan (52 Milliarden Euro) an Verbindlichkeiten aufgenommen, rund 42 Prozent des BIP. Das war mehr als das Doppelte des nationalen Durchschnitts.
„Da lauern etliche Risiken“, warnt Qu Hongbin, Chefvolkswirt für China der Bank HSBC in Hongkong, die Chongqings Aufstieg untersucht hat. „Wir halten das regierungsgelenkte Modell langfristig für unhaltbar. Es verzerrt die Rohstoffpreise, schafft hohe Verschuldungsraten und erhöht die Gefahr von Kreditausfällen.“ Die Haupttreiber der Wirtschaft seien wenig rentable Anlageninvestitionen, etwa in die Infrastruktur oder den Wohnungsbau. Diese hätten unter Bo bis zu 80 Prozent des BIP ausgemacht; früher waren es höchstens 33 Prozent. Ein Fünftel dieser Investitionen werde auf Pump finanziert.
Aufstieg und Fall des Bo Xilai wurden flankiert von einem Gegenmodell, das außerhalb Chinas weitgehend unbekannt ist. Genauso lange wie Bo amtiert in der Südprovinz Guangdong (Kanton) der Parteisekretär Wang Yang. Zuvor hatte er diesen Posten in Chongqing inne, war also Bos Vorgänger. Ansonsten verbindet die beiden wenig. Bo, der sich als Arbeiterführer stilisierte, ist der Sohn eines einflussreichen Parteikaders. Wang hingegen gehört zu den wenigen Spitzenkadern, die wirklich als Arbeiter begannen. Wenn er Glück hat, rückt er im Oktober in den Ständigen Ausschuss des Politbüros. Auf einen Sitz in diesem wichtigsten Machtgremium Chinas hatte auch Bo spekuliert.
Wangs Triumph ist auch einer seiner Überzeugungen. Er gilt als Reformer, glaubt an Transparenz, Partizipation und an die Privatwirtschaft. Als eine der ersten Großstädte machte die Provinzhauptstadt Guangzhou ihren Haushalt öffentlich. 2011 ließ Wang die Proteste in dem Fischerdorf Wukan gegen die korrupte Ortsleitung nicht etwa niederschlagen, sondern er erlaubte den Einwohnern, ihre eigene Führung zu wählen. Das macht das KP-Mitglied noch nicht zu jemandem, der das System abschaffen und die Demokratie einführen will. Aber die Beispiele zeigen, was innerhalb der herrschenden Ordnung möglich ist und wie weit die Flügelkämpfe zwischen Modernisierern und Rückwärtsgewandten reichen.
Gleichwohl ist Wangs Spielraum begrenzt. Als er im Februar Angela Merkel empfing, wurde der Besuch der Bundeskanzlerin bei der moderat kritischen Zeitung „Nanfang Zhoumo“ kurzfristig abgesagt, weil die Behörden eine Diskussion um die Pressefreiheit fürchteten. Auch konnte Wang ein neues, vergleichsweise fortschrittliches Arbeitsrecht in Kanton nicht durchsetzen. Es hätte Tarifverträge ermöglicht und sogar das Streikrecht wiedereingeführt, das 1982 aus der Verfassung gestrichen worden war.
Dennoch dürfte Wang weiter an politischem Gewicht gewinnen. Nicht nur, weil er wie der künftige Regierungschef Li Keqiang und wie der amtierende Partei- und Staatspräsident Hu Jintao aus der Ostprovinz Anhui stammt und dort Hus einflussreiche Jugendliga mitbetreute. Sondern auch, weil Wang in Kanton ein Wirtschaftsmodell verfolgt, das im Einklang mit den Wünschen der Führung in Peking steht, mit dem Fünfjahresplan und mit den Empfehlungen internationaler Organisationen wie der Weltbank.
Kanton, dessen BIP so hoch ist wie das der Niederlande, hängt vor allem vom Export ab. 91 Prozent des BIP stammen aus dem Außenhandel, fast doppelt so viel wie im nationalen Durchschnitt und fünfmal so viel wie in Chongqing. Bankfachmann Qu nennt Kanton daher „eine der offensten Wirtschaften in China“. Zwar mache das anfällig für externe Schocks, aber auch effizient und wandlungsfähig. Als der Export in der Finanzkrise einbrach, hätten viele Unternehmen erfolgreich auf den Binnenmarkt umgesattelt.
Ganz im Sinne des gewünschten Strukturwandels für ganz China setzt die Region statt auf billige Massenprodukte jetzt verstärkt auf höherwertige Güter, auf Dienstleistungen und die Finanzwirtschaft. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Börsengänge wie in Shenzhen. Viele führende Konzerne werden privat geführt, etwa die Netzwerkausrüster Huawei und ZTE, der Batterie- und Autobauer BYD oder der Internetriese Tencent. Massenhersteller wie der iPhone-Fertiger Foxconn sehen sich gezwungen, Löhne und Arbeitsbedingungen zu verbessern oder abzuwandern. 37 Prozent aller Exporte sind heute schon Hochtechnikprodukte, in ganz China erst 29 Prozent. Auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind mit einem BIP-Anteil von 1,8 Prozent höher als im nationalen Durchschnitt und viel höher als in Chongqing. Derweil schreitet die Privatisierung voran. In ihrem Vergleich mit Chongqing haben Qu und seine Mitarbeiter herausgefunden, dass in Kanton nur noch 15 Prozent der Industrieproduktion aus staatlichen kontrollierten Betrieben stammt. In ganz China seien es 27 Prozent, in Chongqing sogar 40 Prozent. „Das legt nahe, dass Chongqing mindestens zehn Jahre hinter Kanton zurückliegt“, sagt Qu.