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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Börse Fischer statt Facebook

 ·  Die Familienunternehmer mögen die Börse nicht mehr. Mancher hat das Parkett schon verlassen, andere wie Douglas wollen weg. So mag Facebook kommen, Fischer eher nicht.

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© dpa Der Eingang zur Frankfurter Börse - ein Weg, den immer weniger Familienunternehmen beschreiten

Das Motto wäre schön. Es könnte lauten „Fischertechnik statt Facebook“. Daher die Frage des Moderators auf dem Podium: „Wäre die Börse nicht etwas für Ihr Unternehmen, Herr Fischer?“ Doch der junge Chef des grundsoliden Dübel- und Spielzeugherstellers aus dem Nordschwarzwald, Jörg Klaus Fischer, kann da nur lächeln: „Nein, ein Börsengang steht für Fischertechnik nicht zur Debatte“, sagt er. Sein Familienunternehmen, das er nun in der dritten Generation, gemeinsam mit seinem Vater Klaus als Inhaber führt, brauche keine Aktien, um sich zu finanzieren. Man sei mit der Rechtsform hoch zufrieden.

So geht es auch anderen Unternehmen, zum Beispiel Merz Pharma aus Frankfurt, einem Familienbetrieb, der in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Wachstumsgeschichte geschrieben hat, seine Geschäftsberichte so erstellt, als sei das Unternehmen am Kapitalmarkt, diesen aber allenfalls als Emittent von Anleihen nutzen will. Börsengang? Nicht vorgesehen, heißt es aus dem Unternehmen. Zwar stellen sich die meisten großen Familienkonzerne heute in Bilanzpressekonferenzen der Öffentlichkeit. Aber nehmen wir einmal Oetker: Die Bielefelder Dynastie und die Börse passten ungefähr so gut zusammen wie Schneesturm und Sahara.

Genug Finanzierungsmöglichkeiten jenseits der Börse

Angst vor mangelhafter Kapitalausstattung (beim Eigenkapital) oder gar einer Kreditklemme (beim Fremdkapital) hat sowieso niemand: Die deutschen Unternehmen, die schön genug für die Börse wären, sind derzeit meist blendend finanziert. Im Maschinenbau zum Beispiel ist die durchschnittliche Eigenkapitalquote zuletzt auf fast 30 Prozent erhöht worden. Und wenn die Banken keinen Kredit geben, gibt es ja noch die staatliche Förderbank KfW. Die KfW agiert deshalb zunehmend als Exportfinanzierer des deutschen Mittelstands. Dies trifft vor allem für die Mittelständler zu, die zu klein sind, um eigene Anleihen zu begeben, aber andererseits zu groß, um ihre Geschäfte rund um den Globus nur mit ihrer Hausbank zu finanzieren. So findet ein jeder seine Finanzierungsnische.

Die Börse aber hat für familiengeführte Unternehmen ihre Anziehungskraft verloren: Der Handelskonzern Douglas würde seine Aktien gerne vom Börsenzettel streichen oder mindestens in ein weniger beachtetes Segment wie den General Standard delegiert sehen. Liz Mohn hat sich vor einigen Jahren sehr viel Geld leihen müssen, um einen drohenden Börsengang ihres Medienkonzerns Bertelsmann zu verhindern. Das Vorbild Springer, in dem noch immer die Gründerwitwe Friede Einfluss hat, konnte sie nicht überzeugen.

Und wenn nach den nahenden Osterfeiertagen tatsächlich neue Börsengänge kommen sollten, werden sich auf diesem Weg Finanzinvestoren von Anteilen trennen, nicht aber Familien nach dem großen Börsenbahnhof suchen. Unter den ohnehin wenigen Börsenneulingen der vergangenen Jahre finden sich denn auch keine klassischen Familienunternehmen mehr. Und das Soziale Netzwerk Facebook in Amerika wird man kaum als solches bezeichnen können, auch wenn dort der Gründer Mark Zuckerberg nach dem Börsengang noch lange maßgeblichen Einfluss haben wird.

Früher war alles anders

Das war früher anders. Zum Beispiel im Oktober 1985, auf dem Parkett der Rheinisch-Westfälischen Börse zu Düsseldorf: Konrad Henkel nebst Gattin Gabriele und Sohn Christoph waren da, ebenso Deutsch-Bankier Friedrich W. Christians und Dresdner-Bank-Chef Wolfgang Röller. Das traditionsreiche Düsseldorfer Familienunternehmen Henkel feierte, begleitet von großer öffentlicher Aufmerksamkeit, im Großen Saal unter flimmernder Kurstafel sein Börsendebüt. Die Erstnotiz lag im Übrigen bei 285 DM. Ein Jahr früher hatte der schillernde Paderborner Unternehmer Heinz Nixdorf sein Computerunternehmen mit großen Furore an die Börse gebracht. Und gut zwanzig Jahr zuvor hatte schon die Hagener Kaufmannsfamilie Eklöh den Sprung aufs Parkett gewagt. Damals hieß ihr Unternehmen allerdings noch Hussel. Längst ist es dem Aktionär als Douglas Holding bekannt.

Das sind drei Beispiele für Familienunternehmen, die an die Börse gegangen sind. Und es sind auch drei Varianten, wie die Dinge sich danach entwickeln können: Die Henkel-Familie ist heute an einem erfolgreichen Dax-Unternehmen beteiligt und fühlt sich ganz offensichtlich wohl in dieser Position. Man hat sich in der Rechtsform einer AG & Co. KGaA so sortiert, dass die Familie trotz der Börsennotierung bestimmend geblieben ist. Und selbst der dänische Chef Kasper Rorsted redet noch immer ganz im Familienduktus einfach von „der Firma“.

Heinz Nixdorfs Imperium hingegen ist nach einigen Irrungen und Wirrungen weitgehend untergegangen und findet sich in Teilen nur noch in dem im Nebenwerte-Index M-Dax notierten Kassensystem-Hersteller Wincor-Nixdorf. Und die Nachfahren des Douglas-Gründers, die Familie Kreke, wollen die Börse trotz einiger Erfolge in der Vergangenheit heute aus freien Stücken hinter sich lassen: Das hektische Kurzfristdenken des Kapitalmarktes in Quartalen, verbunden mit den hektischen Ausschlägen des Kurses, sind aus ihrer Sicht im operativen Alltagsgeschäft störend. Hinzu kommt der mit der Börsennotierung verbundene hohe Aufwand für Hauptversammlungen, die Berichtspflicht und der gesamten Investor- Relations-Apparat.

Börse zu unberechenbar für langfristige Strategien

Langfristig orientierte Strategien ließen sich ohne den täglichen Blick auf den Kurszettel sehr viel besser umsetzen, so lautet die heutige Erkenntnis. Die Entwicklung lässt sich nicht nur in Deutschland beobachten: Die italienische Textildynastie Benetton hat ebenfalls die Nase voll von der unberechenbaren Börse und möchte zurück in die privatere Familienunternehmenssphäre. Natürlich gibt es, sogar in derselben Branche auch Gegenbeispiele. So etwa die beiden ostwestfälischen, von Familienmitgliedern geführten Textilunternehmen Gerry Weber und Ahlers. Aber auch sie sind trotz fast jahrzehntelanger Zugehörigkeit zur Kapitalmarktgemeinde stets das geblieben, was sie immer waren: Unternehmergeprägte, noch immer stark auf die Familie zugeschnittene, von Namensträgern geführte Mittelständler. Anonyme Aktiengesellschaften, die sich vom Votum der Analysten abhängig machen lassen wollen? Fehlanzeige.

Die Liste der Familienunternehmen, die einst mit großen Erwartungen an die Börse gegangen und längst wieder vom Kurszettel verschwunden sind, ist inzwischen lang. Da gab es den traditionsreichen Feinpapierhersteller Zanders aus Bergisch Gladbach, der längst im finnischen Papierkonzern M-Real aufgegangen ist. Oder die Familie Grohe, deren Name heute in unzähligen Badezimmern dieser Welt auf Wasserhähnen und Duschköpfen prangt. Nach nicht einmal zehn Jahren Börsenzugehörigkeit verabschiedete sie sich 1999 mit dem Verkauf an BC Partners vollständig aus ihrem Engagement. Die Börse sei eben nicht immer das geeignete Finanzierungsinstrument, kommentierte der damalige Unternehmenschef Peter Körfer-Schün seinerzeit mit Blick auf die unbefriedigende Kursentwicklung, die dem eigentlichen Wert des Unternehmens nie richtig gerecht geworden sei. Ob der später in das Zentrum der Heuschreckendebatte geratene Sanitärarmaturenhersteller, der erst nach dem Weiterverkauf an TPG und Credit Suisse First Boston zur heutigen Stärke fand, nach wechselvoller Geschichte bald einen zweiten Anlauf auf die Börse nimmt, steht dahin.

Schicksale verschiedener Branchen

Die Schicksale, die einst börsennotierte Familienunternehmen genommen haben, sind so variantenreich wie die Branchen, aus denen sie stammen. Sie reichen vom Verkauf an in- und ausländische Mitbewerber oder an Finanzinvestoren bis hin zur Insolvenz, der Auferstehung daraus oder zum völligen Vergessen: Da sind der Badausstatter Burgbad, der Polstermöbelfabrikant Rolf Benz, der Gerüstbauer Plettac, das Spanplattenunternehmen Glunz, Schwarz Pharma, der Telefonkomponentenbauer Quante, das Technologieunternehmen Girindus, der Leichtmetall-Spezialist Honsel, der Fertighausbauer Kampa, der Modehersteller Hirsch oder die später mit Sinn fusionierte und dann in die Schieflage des Karstadt-Quelle-Konzerns geratene Bekleidungskette Leffers. Die Liste ließe sich beliebig fortschreiben. Der einstige Börsenliebling Medion ist zwar noch börsennotiert. Nachdem der Gründer und langjährige Hauptaktionär Gerd Brachmann im vergangenen Sommer der Offerte der chinesischen Lenovo-Gruppe erlegen ist, dürfte aber auch das nur noch eine Frage der Zeit sein.

Als bekannte Unternehmerfamilien und Mittelständler von der Mitte der achtziger Jahre an - forciert vor allem von dem damaligen Großbankentrio Deutsche, Dresdner und Commerzbank - fast schon in Scharen an die Börsen strebten, standen für sie vor allem drei Argumente im Vordergrund: die Beschaffung von Eigenkapital zur Finanzierung der geplanten Expansion, der (Teil-)Ausstieg der Alteigentümer und - nicht zu unterschätzen - der Zuwachs an Prestige und öffentlicher Bekanntheit. Sich mit den Aktien eine Akquisitionswährung zu beschaffen, war zumindest für die kleineren Unternehmen allenfalls ein praktischer Nebeneffekt.

Zumindest was die ersten beiden Punkte anbelangt, stehen den Unternehmern heute ganz andere Möglichkeiten offen. So nutzen Mittelständler beispielsweise verstärkt den Markt für Unternehmensanleihen. Erst jüngst hat der in Europa führende Herrenhemdenschneider Seidensticker im Segment Mittelstandsmarkt der Düsseldorfer Börse eine Unternehmensanleihe begeben. Selbst die in Frankfurt und Umgebung sehr bekannte Bäckereikette Heberer verkauft neben Brot und Brötchen inzwischen auch eine Unternehmensanleihe, etwas vermeintlich Handfestes, sozusagen. Wer mag da noch an die Börse denken?

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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