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Veröffentlicht: 23.06.2017, 12:01 Uhr

Ein Gespräch über Frankfurt „Das ist keine gemütliche Stadt“

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff lebt seit 1970 in Frankfurt. Ein Gespräch über Bücher, Banken, Bahnhofsviertel – und warum ein Schriftsteller auch ein Unternehmer sein muss.

von
© Junker, Patrick Bodo Kirchhoff, 68, Schriftsteller. Gegenwärtig schreibt er an seiner Autobiographie

Wir treffen den Schriftsteller Bodo Kirchhoff (68) an einem regnerischen Tag im Mai in der „Brasserie du Sud“ im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, sozusagen „um die Ecke“ von seiner Arbeitswohnung. Sachsenhausen ist der auf der anderen Seite des Mains gelegene Teil der Stadt jenseits von Banken- und Bahnhofsviertel („dribb de Bach“). Kirchhoff, Träger des Deutschen Buchpreises 2016, hat für ein Mittagessen seine Schreibklausur, die Arbeit an seiner Autobiographie („Legenden einer Sexualität“) unterbrochen, ist dafür aber am Morgen eine Stunde früher aufgestanden, um keinen Verlust des täglichen Arbeitspensums zu haben. Es gibt eine leichte französische Fischsuppe und Wasser; „Wein erst nach Sonnenuntergang und nach getaner Arbeit“, sagt Kirchhoff.

Rainer Hank Folgen:

Herr Kirchhoff, Sie leben seit 1970 in Frankfurt. Mögen Sie diese Stadt?

Ja. Aber von Stadt würde ich nicht reden. Es ist dieser Stadtteil hier, Sachsenhausen, den ich mag. Ich hatte in meinem Leben noch zwei andere Heimaten. Die eine Heimat war eine Gegend im Südschwarzwald, die sich mir sehr eingeschrieben hat, wo mein Elternhaus stand und ich die Volksschulzeit verbrachte. Und später gab es den unteren Bodensee, dort war ich zehn Jahre im Internat, auch diese Landschaft hat sich eingeschrieben. Und hier in Frankfurt entstand schließlich ein definitives Gefühl von zu Hause, nicht von Heimat – ein Gefühl von Wahlheimat entstand dagegen am Gardasee, in dem Ort Torri, wo meine Frau und ich im Sommer wohnen und arbeiten.

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Was heißt „zu Hause“?

Zu Hause heißt für mich, sich am richtigen Ort zu fühlen. Hier in Frankfurt sind das nur ein paar Straßen in Sachsenhausen. Müsste ich heute ins Frankfurter Nordend ziehen, würde ich mich mit Sicherheit in der Fremde fühlen.

47 Jahre immer im selben Kiez?

Kiez, was ist das? Nein, ich wohnte zunächst zehn Jahre im Ostend, als das Ostend noch richtig schrecklich war. Das habe ich damals gar nicht gemerkt, weil ich völlig verpuppt war, in mir verkapselt.

Dass Sie in Frankfurt landeten, ist völlig beliebig? Es hätte auch Göttingen oder München sein können?

Nein, ich bin schon sehr bewusst nach Frankfurt gegangen nach meiner Militärzeit und einem längeren Amerika-Aufenthalt.

Warum?

Weil hier der Suhrkamp Verlag war und ich schon damals, im Alter von 21 das Ziel hatte, dass ich dort einmal einen Fuß reinbekommen wollte. Mich hat diese geistige Unruhe interessiert, die damals in Frankfurt an der Uni und in ihrem Umfeld herrschte, das hat mich angezogen.

In Berlin wäre in diesen 68er Jahren noch viel mehr los gewesen.

Berlin kam für mich nie in Frage, gerade weil alle meine Internatsfreunde damals nach Berlin gingen. Die wollten der Bundeswehr entgehen, und ich ging in eine Ausbildungseinheit, um für den bewaffneten Kampf gegen den Polizeistaat zu trainieren. Und während sich die anderen, mit wem auch immer, in Berliner Betten gewälzt haben, habe ich mich mit Rekruten im Schlamm gewälzt. Das fand ich schließlich ungerecht. Immerhin: In Frankfurt, so mein Eindruck, wurde die geistige Auseinandersetzung ernster betrieben als in Berlin. Da war mehr Substanz. Berlin dagegen schien mir eher die Stadt des Spektakels zu sein. Umso mehr hat es mich getroffen, dass sich der Suhrkamp Verlag von Frankfurt verabschiedet hat – obwohl ich mich damals schon vom Suhrkamp Verlag verabschiedet hatte.

Was für ein Verlust war der Wegzug von Suhrkamp?

Das hat ein geistiges Loch in dieser Stadt hinterlassen. Aber zum Glück gibt es ja noch literarische Verlage hier. Sehr schlimm wäre es allerdings, wenn jetzt ein Chinese die F.A.Z. kaufen würde und der Ansicht wäre, die Zeitung wäre besser in München beheimatet als in Frankfurt . . .

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