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Bis 7. Oktober dicht : Riesenschaden durch die gesperrte Rheintalstrecke

Am Bahntunnel Rastatt haben sich die Gleise abgesenkt. Jetzt müssen die aufwendig saniert werden. Bild: dpa

Durch die Sperrung der Rheintalbahn drohen der Wirtschaft Einbußen in Millionenhöhe. Manche Unternehmen sind sogar existenzgefährdet.

          Die Sperrung der Rheintalbahn, die bis 7. Oktober andauern soll, wird bei den Güterbahnen zu Umsatzausfällen in dreistelliger Millionenhöhe führen. Einige Unternehmen sind sogar in ihrer Existenz bedroht. Der Verband Netzwerk Europäischer Eisenbahnen (NEE) schätzt, dass die Güterbahnen seit Beginn der Sperrung am 12. August wöchentlich zwölf Millionen Euro Umsatz verlieren – mit steigender Tendenz. „Im September, wenn die Ferien zu Ende gehen, werden die Umsatzeinbußen auf 15 bis 20 Millionen Euro pro Woche ansteigen“, sagte NEE-Geschäftsführer Peter Westenberger der F.A.Z. am Mittwoch in Berlin. „In den acht Wochen bis Oktober kommen wir, wenn wir den Zusatzaufwand einbeziehen, auf einen dreistelligen Millionenbetrag.“ Besonders hohe Ausfälle muss SBB Cargo, die Güterbahn der schweizerischen Staatsbahn SBB, hinnehmen.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          In der Hochrechnung nicht enthalten sind die Schäden der Verlader – wohl aber die Einbußen des Unternehmens mit dem höchsten Marktanteil auf der Strecke, nämlich DB Cargo. Die Deutsche Bahn hat die Ausfälle ihrer Tochtergesellschaft noch nicht beziffert. Auf der Rheintalstrecke fahren üblicherweise täglich bis zu 200 Züge, davon rund 60 Züge von DB Cargo.

          Die Transporte über Ausweichstrecken werden die Ausfälle nur zu einem geringen Teil ausgleichen. „Wir rechnen zur Zeit damit, dass nur 20 Prozent des Ladungsvolumens über Umleitungsstrecken gefahren werden können“, sagte Westenberger. „Außerdem verursachen die Umleitungen einen zusätzlichen Aufwand an Maschinen und Personal – und damit zusätzliche Kosten in einem Geschäft mit geringen Margen.“ Zwei kleinere Unternehmen seien in Existenznot geraten.

          Bild: dpa

          Die Umleitungen zu organisieren, erweist sich als nicht trivial – auch weil überall Bauarbeiten stattfinden, die den Betrieb behindern. Hinzu kommt, dass die Güterzüge nicht einfach auf ein anderes Gleis gesetzt werden können, um die Baustelle am Tunnel Rastatt zu umfahren. Oft können auf Ersatzstrecken nur kürzere Züge fahren, oder sie müssen sich einer Diesellokomotive bedienen, weil die Strecken noch nicht elektrifiziert sind. Teilweise sind die Tunnel zu klein für die Durchfahrt von Containern oder Sattelauflegern.

          Weil die Umleitungen länger dauern, werden mehr Züge und mehr Lokführer gebraucht. Die Deutsche Bahn sagte den Güterbahnen am Mittwoch zu, dass sie keine höheren Trassenpreise berechnen werde, auch wenn die Umleitung teurer wäre. Zudem will sie die nötigen Diesel-Schlepploks zur Verfügung stellen. Viele Baumaßnahmen auf Ausweichstrecken werden jetzt wegen der Sperrung der Rheintalbahn verkürzt oder verschoben. Ferner wird auf einigen Ausweichstrecken die betriebsfreie Nachtruhe vorübergehend aufgehoben.

          Wer kommt für die Schäden auf?

          Auch DB Cargo reagiert auf die Sperrung. „Wir ziehen verfügbare Lokomotiven und Lokführer aus dem Norden und Nordosten Deutschlands ab, um die Engpässe im Süden zu überbrücken“, sagte die Sprecherin der DB Cargo. Um Ausweichstrecken in Frankreich in den nächsten Wochen, wenn der Verkehr zunehme, besser nutzen zu können, sei man mit der französischen SNCF über Loks und Lokführer im Gespräch.

          Ein nennenswerter Anteil der Fracht wird derzeit auf Lastwagen oder Schiffe verlagert. Die Bahnsprecherin betonte, es gehe darum, dass die Kunden schnell wieder auf die Schiene zurückkehrten. Für viele ist die Sperrung nach elf Tagen schon deutlich zu spüren. „Versorgungsengpässe zu Lasten der Bevölkerung sind nicht zu befürchten“, versicherte die Bahnsprecherin. „Aber Industriekunden müssen ihre Logistik- und Produktionsprozesse teilweise schon anpassen. Vereinzelt kann es auch zu Produktionsengpässen kommen.“ Um dem Druck zu begegnen, arbeitet DB Cargo mit den Kunden an einer Prioritätenliste. Leidtragende sind besonders die Chemie-, Papierbranche und die Mineralölbranche.

          Noch ungewiss ist, wer am Ende für die Schäden einstehen muss. Aus Sicht der Güterbahnen kämen die DB Netz sowie die Bauunternehmen in Betracht. Die Netznutzungsbedingungen der Bahn sehen allerdings in solchen Fällen keinen Schadensersatz vor. „Das ist eine sehr unbefriedigende Rechtslage“, sagte Westenberger. Die Güterbahnen sind auf Kulanzen der DB Netz angewiesen. Sie hoffen auf „unbürokratische Hilfe“. Der Verband NEE hat den Verkehrsausschuss des Bundestages aufgefordert, sich in einer Sondersitzung Anfang September mit der Havarie zu befassen. Dabei müsse auch über das Baustellen- und Risikomanagement der Deutschen Bahn gesprochen werden.

          Quelle: F.A.Z.

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