In der Landwirtschaft steckt schon immer viel Energie. Alle Produktion hängt am Boden, direkt und indirekt, denn auch das Vieh kann nur fressen, was vorher gewachsen ist. Wer bestimmt, was mit der Fläche gemacht wird, entscheidet darüber mit, was die Märkte bekommen: Brot oder Sprit, Teller oder Tank. Weil beides knapp ist und die Politik sich in Versuchen übt, durch Anreize alles gleichzeitig zu bekommen, sitzen die Bauern grinsend auf ihrer Scholle und denken darüber nach, wie denn am meisten zu kassieren sei - als Landwirt oder als Energiewirt.
Die vergnügliche Auswahl hat für die Entscheider freilich einen Schönheitsfehler: Ein einfaches Menü, aus dem sich der schlaue Bauer bedienen könnte, gibt es nicht. Pflanzen speichern Energie mit Hilfe des Sonnenlichts in Form von Kohlenstoffverbindungen. Ob die später wieder als Kraft und Wärme in einem Körper oder einem Motor freigesetzt wird, ist ihnen zwar einerlei, die Entscheidung über die Verwendung fällt aber oft erst in nachgelagerten Produktionsstufen, etwa der Ölmühle. Dann können aus den pflanzlichen Rohstoffen auch Kosmetika, technische Fette oder Kunststoffe entstehen. Als Nahrungsmittel eignet sich außerdem nur ein Teil der Pflanze, es fallen Koppelprodukte und Reste an, die wiederum verschiedene Verwendungsmöglichkeiten finden - sie werden als Nährstoff untergepflügt, wandern in den Ofen, die Biogasanlage oder auf den Kompost. Die Folge ist, dass der Bauer manchmal selbst nicht weiß, was aus welchem Teil seiner Ernte wird. Eine Förderung des Anbaus von Energiepflanzen hat wenig Sinn, subventioniert wird deshalb die Verwendung, sei es für Strom, Gas, Treibstoff, Wärme oder eine Kombination aus diesen.
Vorschriften, Auflagen und Fördertöpfchen
Dort, wo er selbst darüber entscheiden kann, ob seine Produkte (überwiegend) im Tank oder auf dem Teller landen, fällt das dem Landwirt nicht immer leicht. Die Erzeugerpreise für die wichtigsten Nahrungsmittel schwanken, die Tendenz ist langfristig steigend. Bioenergie-Unternehmen sind hingegen an längerfristigen Lieferverträgen interessiert, weil die teuren Anlagen kontinuierlich zu festen Rohstoffkosten laufen sollen, damit die Investitionsrechnung stimmt. Sonst steht die Biogasanlage still, weil der Bauer jetzt Weizen anpflanzt statt Energiemais. „Die Energieproduktion ist für die Landwirtschaft ein zweites Standbein“, sagt Achim Schaffner von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG). Es sei einfach nur ein zusätzlicher Absatzmarkt.
Der ist nicht leicht zu durchschauen. Um das Gestrüpp von Vorschriften, Auflagen und Fördertöpfchen zu entwirren, ist der Bauer auf die Hilfe des Fachmanns angewiesen - der mit seinem Rat auch nicht immer richtig liegt. Die Ansicht, der Landwirt brauche nur die Hand aufzuhalten, steht in auffälligem Kontrast zu den Klagen der Betroffenen, ihre Pläne zur Energieerzeugung seien in der Bürokratie steckengeblieben.
Das muss sich durchaus nicht nur auf Anbau von Pflanzen beziehen. „Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bietet den Bauern hochinteressante Möglichkeiten“, sagt Schaffner. Denn wer die Fläche hat, kann darauf Windräder oder Sonnenzellen stellen - vorausgesetzt, die Behörden lassen das zu. Viele landwirtschaftliche Betriebe hätten sich Photovoltaikanlagen aufs Gehöft geholt, mit sinkender Förderung werde das aber weniger attraktiv. Windkraft sei aber weiter ein Thema; die Bauern schließen sich für die Investitionen zusammen oder verpachten die Fläche für zwei Jahrzehnte. Um die Sockel wird dann herumgemäht.
Es ist eine Zugabe mit steigender Bedeutung für den Energiewirt. Kerngeschäft sind noch die Energiepflanzen, der Klassiker unter ihnen ist der Raps. Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war er wegen seines bitteren Geschmacks nicht sonderlich genusstauglich, immerhin lies sich das Öl gebrauchen. Durch Neuzüchtung wurde der Raps als Lebens- und Futtermittel attraktiv. Sein Öl ist als reines Pflanzenöl im Handel. „Das aus dem Raps gewonnene Öl ist ein Nebenprodukt“, sagt Peter Schrum, der Präsident des Bundesverbands biogene und regenerative Kraft- und Treibstoffe. Der Presskuchen sei ein hochwertiges Futtermittel. Der Biodiesel sei einst erfunden worden, weil niemand gewusst habe, wohin mit all dem Rapsöl. „Mit der vorhandenen Kapazität von fast 5 Millionen Tonnen im Jahr könnten die Biodieselerzeuger 18 Prozent des Dieselverbrauchs decken“, bestätigt Dieter Bockey von der Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen (Ufop). Die aktuelle deutsche Produktion reicht rechnerisch für knapp die Hälfte davon.
Versuche mit Zuckerrüben
Konkurrenz für den Raps als Ölpflanze kommt von der Sojabohne und aus Indonesien in Form von Palmöl. Die Plantagen sind wegen der Urwaldrodungen in Verruf geraten, allerdings versuchen die großen Hersteller, sich Nachhaltigkeit zertifizieren zu lassen, wie von der EU gefordert. Der Ertrag an Öl ist dreimal so hoch wie jener des Raps. „Die Motoren vertragen das Palmöl zum Glück nicht gut“, sagt Bockey. Es ist zu dickflüssig.
Für den Bauern harmoniert der Raps in der Fruchtfolge prächtig mit Getreide, er bereitet den Boden vor. Die für die Nahrungsmittelproduktion bei weitem wichtigste Sorte ist Weizen. Wenn nicht gerade Brot daraus gemacht wird, lässt sich das Getreide auch direkt verbrennen. Wegen der Feinstaubentwicklung und Schlackebildung im Ofen bleibt das aber auf einige Ausnahmen in landwirtschaftlichen Betrieben beschränkt. Wichtiger ist die Verwendung als Rohstoff für Bioethanol. Der Weizen ist dafür eigentlich viel zu wertvoll“, sagt Schaffner. Bockey sieht das auch so, verweist aber auf die Weltmärkte: „Ethanol aus Weizen wäre kein Thema, wenn Äthiopien sich das teure Getreide leisten könnte.“ Derzeit wird daher für das Bioethanol, das dem Benzin beigemischt wird, in Deutschland vor allem Weizen verwendet. „Dafür werden rund 3,5 Prozent der Anbaufläche gebraucht,“ sagt Schaffner. Etwa zwei Drittel des für den Verkehr benötigten Ethanols werden in Deutschland produziert, weil aus dem Ausland nicht genügend nachhaltig produzierter Alkohol geliefert werden kann. Dass das eine Übergangslösung ist, hält Schrum für ausgemacht. „In Zukunft kommt das Ethanol aus Brasilien. Dort ist man gerade dabei, sich die Zuckerohrplantagen zertifizieren zu lassen.“ Die Produktionskosten sind dort nur etwa halb so hoch.
Bis es soweit ist, gehen die Versuche mit Zuckerrüben weiter. Daraus kann Ethanol oder auch Biogas gewonnen werden. Ist der Zucker extrahiert, wird der Rest als Viehfutter vermarktet. Die Energieausbeute ist größer als die des Weizens, die Rübe ist aber in der Lagerung empfindlich, was ihre Verwendbarkeit einschränkt.
Die Diskussion Tank oder Teller
Höchst in Mode als Energiepflanze ist in diesen Tagen der Mais; keine andere ist ergiebiger. Der Anbau ist vor allem in Regionen attraktiv, in denen viel Vieh gehalten wird. Denn zur Verwendung in Biogasanlagen darf die Vergütung für den Einsatz nachwachsender Rohstoffe mit dem Bonus für Gülle kumuliert werden. In der Region hat der Maisanbau die Pachtpreisen in die Höhe getrieben. Biogas lässt sich grundsätzlich aus fast allem herstellen, was grün ist. Die Bakterien freuen sich aber über homogene Rohstoffe, die Betreiber über die guten Erträge des Mais.
Die Bundesregierung hat als Ziel 6 Milliarden Kubikmeter Biomethan bis zum Jahr 2020 ausgegeben, 2010 wurden aber nur 200 Millionen produziert. Möglich seien jetzt schon 8 Milliarden, wenn alle Quellen genutzt würden, meinen die Branchenverbände. Am Mais zeigt sich zugleich, wie die Ansichten auseinandergehen. Denn noch nicht einmal die Annahme, jeder Boden könne nur einmal verwendet werden, ist richtig. Manche Energiepflanzen lassen sich als sogenannte Zwischenfrüchte anbauen, die Fläche ist dann im Jahresverlauf doppelt belegt. Allerdings geht das nicht immer und überall, Boden, Wasserversorgung und Klima müssen passen. Die Diskussion Tank oder Teller werde damit nur verlagert, meint Schaffner, man könne auch Nahrungsmittel als Zwischenfrüchte anbauen. Energiemais eigne sich dafür gut, weil er in unreifem Zustand geerntet werden kann, argumentiert die Biogasbranche.
Auf entlegenen Flächen kann es für den Landwirt günstig sein, schnellwachsende Hölzer wie Weide oder Pappel zu pflanzen, die man anschließend ein paar Jahre in Ruhe lässt. Das Prinzip war schon im Mittelalter als Niederwald bekannt, aus dem sich die Leute bedient haben. Heute heißen sie Energiewälder oder Kurzumtriebsplantagen. Erste Versuche sind vielversprechend, die Erträge erstaunlich. Das Holz wird zu Hackschnitzeln oder Pellets verarbeitet.
Die Grundsatzfrage bleibt umstritten
Viele Rohstoffe, viele Nutzungsmöglichkeiten. Das macht die Bioenergie so unübersichtlich. Neben der direkten Verfeuerung der Biomasse und der Gaserzeugung steht die Verbrennung in Motoren mit Biotreibstoffen der ersten Generation - Biodiesel und Bioethanol - und der zweiten Generation zur Wahl. Der unter der Bezeichnung Biomass to Liquid (BtL) bekannte synthetische Sprit kann ebenfalls grundsätzlich aus fast allen Pflanzen (und Tieren) hergestellt werden. Nach derzeitigem Stand der Technik ist dazu noch ein homogener Ausgangsstoff notwendig, in der Praxis wird dafür Holz genommen. Seit Jahren werde viel versprochen und nichts gehalten, krittelt Bockey.
Dass die Technologien für den Energiemix der Zukunft weiterentwickelt werden müssen, ist unter Fachleuten nicht umstritten. Große Hoffnungen wird in Öl aus Algen gesetzt, die Anbaufläche im Meer wäre fast unbegrenzt. Heute gibt es nur einen Minimalkonsens, dass Pflanzen, die nicht für Lebensmittel tauglich sind, und Reste zur Energiegewinnung beitragen sollten. Die Grundsatzfrage bleibt umstritten. Nicht mehr als 3 bis 4 Prozent der Welt-Agrarfläche würden für Energiepflanzen verwendet, sagt Schrum. In Deutschland sind es 6 Prozent, rechnet Bockey vor. Einen Einfluss auf die Lebensmittelpreise sehen beide nicht, außer vielleicht in bestimmten Regionen, zum Beispiel durch die Mais-Förderung in Amerika. Schaffner sieht das anders. Lebensmittel würden insgesamt teurer, eine Konkurrenz Tank oder Teller gebe es schon. Und das Gesamtpotential sei übersichtlich: Wenn man die gesamte Agrarfläche der Welt nähme, würden damit nur 15 Prozent des Energiebedarfs gedeckt.
So gesehen soll die Politik ihre tollpatschigen Versuche, in den Treibstoff etwas Grünes hineinzuschütten, besser lassen. Wenn Gras über die Sache gewachsen ist, kann man daraus ja Biogas machen.
Die Lüge von den Bauern als Energiewirte...
(theblueyonder)
- 12.03.2011, 17:57 Uhr
Fast alle Argumente für Bioenergie sind an den Haaren herbeigezogen und ...
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 12.03.2011, 18:50 Uhr
Biomasse versus Lebensmittel
Eberhard Strobel (OldScool)
- 12.03.2011, 18:56 Uhr
Ist doch völlig normal, dass
Stefan Klein (St.Klein)
- 12.03.2011, 18:57 Uhr
Wo Bio draufsteht, ist nicht immer Bio drin
Florian Adler (Florianadler)
- 12.03.2011, 21:17 Uhr