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Billiges Erdgas Plötzlich blüht in Amerika die Industrie

 ·  Chemie, Maschinen, Computer: Alles wird jetzt wieder in Amerika produziert. Vor allem, weil Energie so billig ist. Das billige Erdgas zieht immer mehr Investoren an.

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© J.C. Leacock / Aurora Photos Vergrößern Made in USA: Viele Investoren wollen neue Werke bauen

George Biltz zeigt in diesen Tagen gerne eine Liste her. Der amerikanische Chemiekonzern Dow Chemical, bei dem Biltz als Vice President für Energiefragen zuständig ist, hat sie zusammengestellt. Mehr als 100 Investitionsprojekte auf amerikanischem Boden sind aufgeführt: neue Produktionsanlagen, Erweiterungen bestehender Betriebe, sogar Reaktivierungen stillgelegter Werke. Dow Chemical ist mit sechs Projekten dabei, daneben viele prominente Großkonzerne von Shell über Alcoa bis Caterpillar.

Die Gesamt-Investitionssumme beziffert Dow Chemical auf 80 Milliarden Dollar. Biltz sieht das als Beleg für eine Renaissance der verarbeitenden Industrie in Amerika. Zu verdanken ist dies nach seiner Meinung vor allem einem Standortvorteil, der für die Vereinigten Staaten neu ist und der dem Land lange erhalten bleiben könnte: extrem billiges und reichhaltig vorhandenes Erdgas. Dafür sorgt der jüngste Boom in der Förderung von früher schwer erschließbaren Rohstoffen in Schiefergestein mit der umstrittenen „Fracking“-Methode. Für Unternehmen, die viel Erdgas brauchen, ergibt sich damit eine ganz neue Kalkulation bei der Wahl von Produktionsstandorten. Ein Paradebeispiel ist die Chemieindustrie, die Erdgas sowohl als Rohmaterial für ihre Erzeugnisse als auch als Energiequelle zum Betreiben ihrer Werke nutzt. Entsprechend euphorisch gibt sich Dow Chemical. Biltz spricht von einer „Chance, die nur einmal im Leben kommt, die verarbeitende Industrie in den Vereinigten Staaten wiederzubeleben“.

Wirtschaftliche Erholung

Es wäre eine Umkehr eines jahrzehntelangen Niedergangs, den nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch andere westliche Industrieländer erlebt haben. In den fünfziger Jahren stand die verarbeitende Industrie in Amerika noch für mehr als 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, zuletzt waren es 11,5 Prozent. Zur Jahrtausendwende hatten noch mehr als 17 Millionen Amerikaner hier Jobs, jetzt sind es noch knapp 12 Millionen.

Präsident Barack Obama hat sich die Stärkung der heimischen Industrie auf die Fahnen geschrieben, erst recht nachdem die jüngste Wirtschaftskrise Finanzdienstleister in Ungnade fallen ließ. Im vergangenen Wahlkampf zeigte er sich gerne bei Unternehmen, die Produktionskapazitäten in Amerika aufgestockt oder gar aus anderen Ländern zurückgeholt haben. Er kann auf ermutigende Signale in den Statistiken verweisen: So sind seit dem Tiefstand der Rezession mehr als eine halbe Million Industriejobs entstanden. Andererseits: Das Vorkrisenniveau ist noch fern. Das könnte heißen, die geschaffenen Stellen reflektieren einfach die allgemeine wirtschaftliche Erholung - und nicht gleich einen fundamentalen Reindustrialisierungstrend.

Robert McCutcheon von der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) ist aber vom Strukturwandel überzeugt: „Hier passiert noch etwas ganz anderes als eine zyklische Erholung.“ Erdgas ist für ihn der mit Abstand größte Impulsgeber; ein „game changer“, der den Vereinigten Staaten als Industriestandort einen immensen Wettbewerbsvorteil gebe. Eine von McCutcheon mitverfasste PwC-Studie sagt voraus, dass der Schiefergaseffekt allein bis 2025 eine Million Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie Amerikas schaffen wird. Zudem werde er der Industrie bis dahin jährliche Einsparungen von bis zu 11,6 Milliarden Dollar bescheren. Ein solcher Effekt auf das produzierende Gewerbe wäre aus amerikanischer Sicht ein hochwillkommenes Nebenprodukt des gegenwärtigen Rohstoffbooms.

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