Home
http://www.faz.net/-gqe-6z42m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bilfinger Berger Koch am Bau

 ·  Seit bald einem Jahr führt der ehemalige hessische Landeschef den Dienstleistungskonzern Bilfinger Berger. Die Liaison funktioniert überraschend gut.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Eines habe er von Helmut Kohl gelernt, sagt Roland Koch. „Bevor man in einen Hubschrauber steigt, sollte man auf die Toilette gehen.“ Diesen Rat habe der Kanzler stets allen Mitreisenden mit auf den Weg gegeben. Denn Hubschrauberflüge können lange dauern. Das ist in der Politik nicht anders als in der Wirtschaft.

Der Himmel über Brüssel ist grau an diesem März-Morgen, eine frische Brise lässt die kleine Gruppe von Bilfinger-Mitarbeitern frösteln. Koch zwängt sich mit seinem Team in die Kabine des Hubschraubers, kurz danach hebt der Eurocopter N3 Dauphin dröhnend ab. Von Brüssel aus geht es nach Holland, ins Hafenterminal des Küstenstädtchens Vlissingen. Dort koordiniert Bilfinger Berger den Bau der Windräder für „London Array“, den größten Windpark Europas in der Mitte des Ärmelkanals. Man könnte auch sagen: Dort arbeitet der ehemalige Baukonzern Bilfinger an seiner Zukunft.

Koch lässt keinen kalt

Roland Koch hebt ab - das Bild könnte von seinen Öffentlichkeitsarbeiter nicht besser arrangiert sein. Seit er vor einem Dreivierteljahr die Konzernleitung übernommen hat, ticken die Uhren bei Bilfinger anders. Bilfinger, das ist seither vor allem der Konzern mit dem ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten an der Spitze. Unternehmensberichte sind vor allem Koch-Porträts. Der Chef ist gefragt: als Hobbykoch, als Merkel-Kritiker, als ehemaliger Fraport-Aufsichtsrat, als Ratgeber für die hessische CDU und eben als Vorstandschef des Bau- und Dienstleistungskonzerns Bilfinger. Die Personalisierung könnte für das Unternehmen ein Problem werden, noch aber gereicht es Bilfinger zum Vorteil. Wo Koch auftaucht, wird über ihn geredet, mal laut und mal hinter vorgehaltener Hand - Koch lässt keinen kalt. Der holländische Terminalbetreiber hat eigens einen Fotografen bestellt und sogar die Deutschland-Fahne über der Verwaltung gehisst.

Bilfinger steht gut da. Das Unternehmen ist krisenfest, hat eine volle Kasse, die Aufstellung als Dienstleister wird von den Investoren begrüßt. Dennoch spielte bei der Bilanzvorlage vor zwei Wochen vor allem Kochs Gehalt eine Rolle. 1,5 Millionen Euro für zehn Monate hat er bekommen - deutlich mehr als in der Politik. Und natürlich wurde er gefragt, ob er sich eine Rückkehr in die Politik vorstellen kann, schließlich bereitet er seit kurzem den Leitantrag für den CDU-Bundesparteitag mit vor. Nein, sagt er, er habe kein politisches Amt, und „ich werde auch kein politische Amt mehr anstreben“. Was wäre, wenn er gerufen würde, sagte er nicht.

Als Unternehmenschef macht der 53 Jahre alte Jurist jedenfalls keine schlechte Figur. Er hätte es leichter haben und sich als Türöffner für Finanzinvestoren oder Lobbygruppen verdingen können. Stattdessen hat er den Schritt in die Führungsriege eines veritablen Industrieunternehmens gewagt. Bilfinger und Koch, das funktioniert bislang überraschend gut. Kritik gibt es kaum, Arbeitnehmer und Geldgeber sind zufrieden, selbst mit dem kürzlich eingestiegenen Finanzinvestor Cevian scheint er zurechtzukommen.

Die Unternehmerschaft am BilfingerStammsitz in Mannheim ist jedenfalls von dem Neuzugang aus Hessen und seinen informellen Kennlerntreffs angetan. Aussetzer wie in der Politik, etwa die Falschdeklarierung von Parteispenden als jüdische Vermächtnisse oder die Bezeichnung der lärmgeplagten Flughafenanrainer als Sonderopfer, hat Koch bislang vermieden - sein Instinkt als Unternehmer hat ihn bislang nicht getrogen.

Koch ist angetreten, das Erbe seines Vorgängers Herbert Bodner fortzuführen. Nach Fehlschlägen bei Großprojekten hat Bodner den Konzern als Dienstleister für Industriebetriebe, Kraftwerke und Immobilien positioniert. Der Bau spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Ganz kappen will Koch das ehemalige Baugeschäft dennoch nicht, sondern weiterentwickeln zum ingenieurgetriebenen Dienstleister, wie er es nennt.

Die Details dem Fachmann überlassen

Auch deshalb ist der kleine Ausflug an die holländische Küste perfekt. Wo sonst könnte man Modethemen wie die Energiewende mit der Tradition des Baukonzerns besser verknüpfen? Zusammen mit dem dänischen Baukonzern Per Aarsleff baut Bilfinger hier an der Küste 170 Fundamente und Gründungen für den größten Windpark der Welt - Auftragswert immerhin gut 400 Millionen Euro. Stahlpfeiler, die dreimal so viel wiegen wie ein Großraumflugzeug vom Typ A 380 und die mit so lautem Krach in den Meeresboden gerammt werden, dass sogar ein Lärmschutz gebraucht wird, um die vorbeiziehenden Schweinswale nicht zu schädigen. Und die am Ende nur mit einer Abweichung von 0,25 Grad aus dem Wasser ragen dürfen - so lauten klassische Herausforderungen für Ingenieure.

Von Rostock aus werden die Pfeiler nach Holland geschleppt, vom dänischen Aarlberg kommen die Stahlaufsätze hinzu, später dann werden Siemens-Turbinen draufgesattelt. Bis zu 200 Meter hoch sind die Windmühlen am Ende. Gearbeitet wird im Schichtbetrieb zwei Wochen auf offener See, dann können die Arbeiter zwei Wochen nach Hause. Einmal habe ein Bautrupp ein paar Tage auf einem Pfeiler ausharren müssen, seither gehöre ein Kartenspiel zum Notfallpaket, erzählt einer. Das sind Geschichten nach dem Geschmack alter Bilfinger-Leute - die Augen der Männer leuchten.

Die Welt von Roland Koch ist das nicht. Es ist an Bauvorstand Joachim Enenkel, die Mitarbeiter zu loben, nachzufragen und in Details zu gehen. Koch ist politischer Kopf geblieben. 640 Fundamente seien bislang in der Nord- und Ostsee gesetzt worden, ein Drittel davon von Bilfinger, sagt er. 1000 pro Jahr kämen nun dazu, diese Perspektive spreche für sich. Zweifel am Erfolg hat Koch nicht. Die Probleme mit den Anschlüssen der Windparks ans Festland gebe es nur in Deutschland. Dass die kapitalstarken deutschen Energieversorger ihre Netze an einen kapitalschwachen Netzbetreiber verkaufen mussten - „da“, sagt Koch, „sind politische Fehler gemacht worden“.

Mit überflüssigen Details hält er sich nicht auf. Kein Gepäck, keine Unterlagen, nur mit dem Smartphone steigt er zurück in den Hubschrauber. Mal sehen, ob die Deutschland-Fahne nachher noch hängt, ruft einer der Bilfinger-Leuten den Holländern zu. Dann schließt sich die Tür. Kochs Höhenflug geht weiter.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

Jüngste Beiträge

Mütter der (Solar-)Subvention

Von Lisa Nienhaus

Wieso regen wir uns auf über billige chinesische Solarmodule? Eigentlich sollten wir uns einfach bedanken und freuen, dass die Energiewende so etwas günstiger vonstatten geht. Mehr 21 33

Umfrage

Gentests machen Aussagen über das Risiko künftiger Krankheiten. Wollen Sie Ihr Risiko kennen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --