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Bildungsstandort Deutschland Knappheit an den Hochschulen

10.01.2012 ·  Gerade in Zeiten des öffentlichen Sparzwangs müsste sich die Erkenntnis Bahn brechen, dass sich Private stärker an den Kosten der Hochschulausbildung beteiligen müssen. Denn der Staat kann es alleine nicht richten.

Von Lisa Becker
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Vor Beginn des Wintersemesters herrschte wieder einmal Katastrophenstimmung am Bildungsstandort Deutschland. Doppelte Abiturjahrgänge sollten die Hochschulen überrennen, das Geld vorne und hinten nicht reichen, die Studienbedingungen noch schlechter werden. So schlimm ist es nicht gekommen. Wer sich an den Universitäten umhört, spürt vor allem Aufregung über eine schwierige Wohnsituation und Schlangen in den Mensen. Voll ist es auch in den Hörsälen, zu Beginn des Semesters war es teilweise zu voll. Doch hat sich die Lage wieder normalisiert. Vieles sei auch nicht anders als in den Jahren zuvor, heißt es.

Keine Frage: In der Bildung liegt in Deutschland einiges im Argen, auch in der Hochschulausbildung. So ist der Akademikeranteil anders als in vielen anderen Ländern über einen langen Zeitraum nicht gestiegen; vor allem in manchen Schwellenländern hat ein atemberaubender Aufholprozess begonnen. Andererseits besitzt die deutsche Hochschulausbildung einen guten Ruf auf der Welt, was zum Beispiel für die Vereinigten Staaten nur in Teilen gilt: Bei aller Bewunderung für die dortigen Eliteuniversitäten wird oft vergessen, dass in der Breite die akademische Ausbildung unter dem deutschen Niveau liegt. So mancher, der in Deutschland die duale Berufsausbildung durchlaufen hat, ist höher qualifiziert als ein Amerikaner, der das College besucht hat. Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn Akademikerquoten verglichen werden: Quantität ist nicht gleich Qualität.

Auch eine andere Gleichung geht in der Bildung oft nicht auf: Höhere Ausgaben führen nicht automatisch zu höherer Qualität. Es muss gut überlegt werden, wie viel durch den Einsatz knappen öffentlichen Geldes erreicht werden kann. Das hat die Politik zum Beispiel getan, als sie den „Qualitätspakt Lehre“ beschloss. Denn die Qualität der Lehre gilt als Sorgenkind der akademischen Ausbildung. Geld aus dem Pakt bekommen die Hochschulen, wenn sie damit die Studienbedingungen verbessern. So werden Initiativen gefördert, die den Einstieg in das Studium erleichtern und helfen, die hohen Abbrecherquoten zu senken.

Zwei erfreuliche Entwicklungen

Auf der anderen Seite ist unzweifelhaft, dass die deutschen Hochschulen finanziell nicht üppig ausgestattet sind. Auch für die zusätzlichen Studienanfänger, die wegen der doppelten Abiturjahrgänge und des Aussetzens der Wehrpflicht an die Hochschulen drängen, fließen die staatlichen Mittel eher spärlich. Doch kann man derzeit auch sehen, dass der Zwang zum Sparen zu kostengünstigen und passgenauen Maßnahmen führt. Sehr genau haben die Hochschulen im vergangenen Jahr überlegt, wie sie vorhandene Kapazitäten besser ausnutzen. So wurden Vorlesungszeiten ausgeweitet und die Lehrverpflichtung der Professoren erhöht. Mit dem zusätzlichen Geld wurden Lehrkräfte eingestellt, um Übungsgruppen klein zu halten. Denn dort ist gemeinsames Lernen besonders wirkungsvoll.

Zudem hat die Knappheit in manchen Fächern an westdeutschen Hochschulen zwei erfreuliche Entwicklungen angestoßen: Mehr Studenten entschieden sich 2011 für ein Studium in Ostdeutschland; mehr junge Menschen haben ein Studium in einem mathematischen, technischen oder naturwissenschaftlichen Fach begonnen.

Die Hochschulleiter in Bayern und Niedersachsen - den beiden Bundesländern mit den doppelten Abiturjahrgängen im Jahr 2011 - werden sich außerdem über die Studienbeiträge gefreut haben, die nur in ihren Ländern bestehen bleiben. Diese Einnahmen werden in den anderen Bundesländern fehlen, wenn dort die doppelten Jahrgänge die Gymnasien verlassen.

Immer mehr duale Studienplätze

Eigentlich müsste sich gerade in Zeiten des starken öffentlichen Sparzwangs die Erkenntnis Bahn brechen, dass sich Private stärker an den Kosten der Hochschulausbildung beteiligen müssen. Am heftigsten wehren sich freilich die dagegen, die den größten Nutzen aus dem Studium ziehen: die Studenten. Lieber als auf finanzielle Beteiligung setzen ihre offiziellen Vertreter auf Mitleid mit einer Generation, die in eine unsichere Zukunft blicke. Das ist überzogen. Studenten gehören in Deutschland zu einer privilegierten Gruppe, viele kommen aus privilegierten Elternhäusern. Und gerade für Absolventen der stark nachgefragten Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sind die beruflichen Aussichten gut. Mit Arbeitslosigkeit müssen sie - und auch viele andere Jungakademiker - kaum rechnen.

Die Wirtschaft immerhin beteiligt sich - den Fachkräftemangel vor Augen - immer stärker an der akademischen Ausbildung. So bieten Unternehmen zusammen mit Hochschulen immer mehr duale Studienplätze an; 2011 waren es schon 46 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das Studium, das abwechselnd im Unternehmen und in der Bildungseinrichtung stattfindet, genießt allerorten ein hohes Ansehen.

Seit einem Jahr gibt es eine weitere Möglichkeit für Private, sich an der Hochschulausbildung finanziell zu beteiligen. Die ersten Deutschlandstipendien, die zur Hälfte vom Bund und von Privaten finanziert werden, sind vergeben worden. Bisher profitieren erst wenige Studenten, das Programm nimmt nur langsam Fahrt auf. Es bleibt zu hoffen, dass sich das ändert. Denn der Staat kann es an den Hochschulen nicht alleine richten.

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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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