Home
http://www.faz.net/-gqe-ye3p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bildungspolitik Die ungeliebten Studiengebühren

28.03.2011 ·  Nach dem Machtwechsel in Baden-Württemberg dürften die Studienbeiträge dort wahrscheinlich abgeschafft werden. Bald könnten es nur noch zwei Bundesländer sein, die vom ersten Semester an Studiengebühren von ihren Studenten verlangen.

Von Lisa Becker
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Erst vor kurzem hat die rot-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen - Schulden hin oder her - die Gebühren gestrichen. Und von der nun in Hamburg regierenden SPD wird dieser Schritt auch erwartet. Von den sieben Ländern, die vor vier Jahren einmal Studiengebühren eingeführt hatten, blieben dann nur noch Bayern und Niedersachsen übrig. Offen ist die Frage, wie lange diese beiden Länder ihre Ausnahmestellung gegen den öffentlichen Druck durchhalten werden. Doch selbst wenn sie daran festhalten, muss man wohl konstatieren, dass Studiengebühren in Deutschland vorerst gescheitert sind.

Die Studenten haben die Gebühren von Anfang an mehrheitlich als sozial ungerecht bekämpft. Und sie wenden ein, dass man kaum erkennen könne, was die Einnahmen brächten. Tatsächlich fällt es den Hochschulen oft schwer, ihren Studenten zu vermitteln, welche Vorteile die Gebühren haben und wofür sie ausgegeben werden. In unübersichtlichen Listen werden Einzelmaßnahmen benannt, das große Ganze ist schwer zu erkennen. Das Misstrauen der Studenten wurde auch dadurch geschürt, dass einige Hochschulen größere Teile der Gebühreneinnahmen aufs Konto gelegt haben. Das war Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Diese fragen, wofür man Gebühren zahle, wenn man nicht davon profitiere.

Zweck der Gebühren meist intransparent

Allerdings hätten sie fairerweise berücksichtigen müssen, dass die Hochschulen angesichts des politischen Streits um die Gebühren auf diese Weise auch vorsorgen - für eine Zukunft ohne Studiengebühren. Immerhin decken die Gebühreneinnahmen je nach Bundesland 5 bis 8 Prozent des Hochschulbudgets ab. Die Hochschulen sind misstrauisch, ob ihnen ein Wegfall der Gebühren dauerhaft kompensiert wird. Für dieses Misstrauen ist vor allem die hessische Landesregierung verantwortlich. In Hessen wurde nach der Abschaffung der Gebühren die Einnahmelücke zwar aus Landesmitteln geschlossen, doch wurde später an anderer Stelle gekürzt.

Festzuhalten bleibt, dass die Hochschulen hinsichtlich der Transparenz der Gebührenverwendung oft nicht geschickt agiert haben, dass sie aber in einem Land, in dem viele Menschen Studienbeiträge grundsätzlich ablehnen, kaum Chancen haben, auf Verständnis zu stoßen. Viele wollen nicht zuhören, wenn Professoren vorrechnen, wie viele zusätzliche Stellen mit den Gebühren geschaffen wurden.

Wer nicht studiert, finanziert trotzdem

Dass in Deutschland selbst Studienbeiträgen in einer geringen Höhe von höchstens 500 Euro je Semester so viel Widerstand entgegenschlägt, befremdet. Die Gegner bezeichnen die Gebühren als sozial ungerecht, dabei ist das Gegenteil der Fall: Es ist sozial ungerecht, keine Gebühren zu erheben. Von einem kostenlosen Studium profitieren vor allem Angehörige der Mittelschicht und der Oberschicht. Denn von dort stammt der allergrößte Teil der Studenten. Finanziert wird ihr Studium aber von allen Steuerzahlern, auch von denen, deren Kinder gar nicht studieren oder die selbst nicht studiert haben.

In den meisten Fällen führt ein Studium dazu, dass man später ein höheres Einkommen erzielt. Deshalb lohnt es sich, ein Studium notfalls auf Kredit zu finanzieren. Denn der lässt sich später aus dem relativ hohen Einkommen bedienen. Entsprechende Kreditprogramme muss es geben, wenn Gebühren erhoben werden, damit niemand aus finanziellen Gründen vom Studium ausgeschlossen wird.

In Deutschland gibt es mittlerweile Studiendarlehen, die sozial gerecht ausgestaltet sind. Marktführer ist die staatseigene KfW-Bank. Dort bekommt man einen Studienkredit von bis zu 650 Euro im Monat - ohne Sicherheiten und zu einem moderaten Zinssatz. Die Rückzahlung darf bis zu 25 Jahre dauern. Wer wenig verdient, kann die Tilgung auf 20 Euro im Monat begrenzen; in schwierigen Situationen sind Stundungen möglich.

Gebühren schärfen den Blick für die Leistungen

Sicherlich können auch Studienkredite nicht hundertprozentig verhindern, dass begabte junge Menschen aus sozial schwächeren Verhältnissen nicht studieren. Eine deutlich erkennbare soziale Selektivität konnte den Gebühren bisher aber nicht nachgewiesen werden. Das mag auch daran liegen, dass sie weniger als 100 Euro im Monat betragen und dass die Gründe für den Verzicht auf ein Studium vielfältig sind.

Eine gewisse Eigenverantwortung für die eigene Bildungsbiographie sollte man sowieso keinem erwachsenen Menschen absprechen. Deshalb sollte die Politik nicht beim ersten Gegenwind die Gebühren abschaffen, sondern auf die Kreditprogramme verweisen, die ein Studium notfalls finanzieren helfen. Denn Studiengebühren haben viele Vorteile: Sie sind gerecht, weil die Studenten für eine Leistung bezahlen, von der vor allem sie profitieren. Auch überlegen Studenten sorgfältiger, welches Fach sie studieren. Und sie schauen kritischer auf die Leistungen der Hochschulen und fordern gegebenenfalls eine bessere Lehre ein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 1

29.05.2012 17:27 Uhr
  Vortag
Dax 6.397,47 +1,17%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,44 +1,28%
Dow Jones 12.592,50 +1,11%
EUR/USD 1,2504 −0,30%
Rohöl Brent Crude 107,36 $ +0,09%
Gold 1.574,60 $ +0,32%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.