04.04.2005 · Die Ware Bildung kann Exportschlager sein. Amerika macht das seit langem vor. Jetzt dämmert es auch den Deutschen. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn spricht gar schon von der Trendwende.
Von Carsten Germis und Inge KloepferBildungsministerin Edelgard Bulmahn spricht schon von der Trendwende. "Unser Land ist ein Magnet für junge Nachwuchsforscher geworden", sagt sie. Den meisten Praktikern an den Universitäten erscheint dieses Bild reichlich optimistisch.
Anne-Barbara Ischinger, Vizepräsidentin an der Berliner Humboldt-Universität, wünscht sich jedenfalls mehr Engagement der Hochschulen im Werben um die besten Studenten und Forscher der Welt. "Nur so wird uns eine wirklich bedeutende Internationalisierung nachhaltig gelingen", sagt sie.
Bildungsexport bring volkswirtschaftliche Gewinne
Bildung ist eine Ware. Nur wenn sie gut ist, sind auch Ausländer interessiert. Dann kann Bildung zum Exportschlager und die Hochschulen zu einer Wachstumsbranche werden. Was die angelsächsischen Länder mit ihren häufig wie Wirtschaftsunternehmen betriebenen Hochschulen schon seit langem wissen, dämmert den Deutschen nun auch: Bildungsexport bringt vor allem langfristig volkswirtschaftliche Gewinne.
Der Ökonom Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger HWWA-Instituts für Wirtschaftsforschung, predigt die Botschaft schon lange: Keine amerikanische Hochschule wird sich die Chance nehmen lassen, die Auslandsstudenten schon während des Studiums zu hegen und zu pflegen, wohl wissend, daß am Tag des Hochschulabschlusses Ehemalige geschaffen werden, denen nicht nur die eigene Uni, sondern auch die Zukunft Amerikas am Herzen liegt.
Einreise Erschwernisse in Amerika - Chance für Deutschland
Dabei handeln die amerikanischen, britischen oder australischen Hochschulen bei ihrem Werben um die Besten anderer Länder nicht nach gesamtwirtschaftlichem Kalkül, sondern nur in eigenem Nutzen. Die ausländischen Studenten kommen als Zahler von Studiengebühren ins Land und bringen den Universitäten zunächst einmal Geld. Allein die Sommerkurse der Universitäten sind ein blühendes Geschäft, in dem Millionen erwirtschaftet werden. Eine Entwicklung, die die deutschen Hochschulen weitgehend verschlafen haben. Genauso wichtig ist den Hochschulen ein steter Strom an guten Nachwuchskräften für Forschung und Lehre.
Doch Amerika erschwert ausländischen Akademikern seit geraumer Zeit die Einreise; ihre Zahl ist im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit langer Zeit zurückgegangen. Da müßten die Deutschen eigentlich eine Chance im Wettbewerb wittern. "Wegen der unglaublichen Nabelschau der deutschen Bildungspolitik ist in Vergessenheit geraten, wie wichtig es ist, daß Deutschland weiter im internationalen Vergleich als führend in Naturwissenschaften oder in der Ingenieurausbildung angesehen wird", sagt die Bildungsexpertin der Boston Consulting Group, Antonella Mei-Pochtler. Sie will, daß Deutschland für die jungen Eliten aus anderen Ländern attraktiver wird. "Sie müssen wissen, daß sie hier eine Spitzenausbildung und damit schnell gute Jobs finden", sagt Mei-Pochtler. "Die Diskussion über den Export von Bildung als Schlüssel zur Zukunft wird hier immer noch nicht geführt."
Viele Hochschulen schlafen noch den Schlaf der Gerechten
Tatsächlich schlafen hierzulande viele Hochschulen noch den "Schlaf der Gerechten", wie Straubhaar meint. "Warum sollten wir ausländische Studenten anwerben", heißt es an der Universität Köln, "wenn wir mit den Mengen an Studenten schon jetzt nicht klarkommen?" Dabei verhält die deutsche Universität sich zunächst ganz rational. Ausländische Studenten bringen ihr kein Geld. Das Anwerben wäre sogar noch teuer.
Deshalb sind Studiengebühren wichtig. Um die attraktive Ausbildung bieten zu können, die Deutschland für ausländische Eliten interessant macht, brauchen die Hochschulen mehr Geld. "Wir müssen auf zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten hinarbeiten", meint Barbara Ischinger. Mei-Pochtler wird deutlicher: "Studiengebühren sind wichtig, weil wir damit in den hohen Standard unserer Bildung investieren können." Dazu gehört auch, den Studierenden eigene Studiengänge in englischer Sprache anzubieten.
Nur die Besten bringen Gewinn
Die Humboldt-Universität hat das mit ihrem Studiengang "Master of Economics and Management" erfolgreich gemacht. Insgesamt 14,6 Prozent der Humboldt-Studenten kommen aus dem Ausland. Wenn sie in Berlin sind, wollen die meisten auch Deutsch lernen. "Das wird von vielen unterschätzt", sagt Vizepräsidentin Ischinger. "Wir sollten die deutsche Sprache nicht aus der Lehre verbannen."
Heute ist die Bundesrepublik bei der Zahl der ausländischen Studierenden nach den Vereinigten Staaten und Großbritannien auf Platz drei. Etwa 180.000 Ausländer sind an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Darunter sind 24.000 Chinesen, die sich zum größten Teil an den natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen einschreiben.
Bei den hohen Zahlen stellt sich allerdings die Frage nach der Qualität: Studieren an den deutschen Unis wirklich die künftigen Eliten? Oder kommen eher die Drittbesten, die schlau genug sind zu wissen, daß es in Deutschland Bildung zum Nulltarif gibt? Nur die Besten nämlich bringen den einzelnen Hochschulen und der gesamten Volkswirtschaft Gewinn. Christian Müller vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst winkt ab: Mit der Qualität hapere es noch. Die Auswahl der einzelnen Studenten ist Sache der Hochschulen selbst. Und die rechnen oft noch anders als die angelsächsische Konkurrenz.
Dabei sind Hochschulen wie die TU München oder Aachen weltweit führend in der Ingenieurausbildung. Diese Stärken müßten ausgebaut werden, fordert Mei-Pochtler. Die neue technische Elite werde sonst zu einem immer größeren Teil in Asien ausgebildet. Auch wissenschaftliche Institutionen wie die Max-Planck- oder die Fraunhofer Institute müßten den internationalen Vergleich nicht scheuen. "Wir haben die Basis für Spitzenleistungen", sagt Mei-Pochtler, "das müssen wir ausbauen."
Carsten Germis Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.
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Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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