11.06.2006 · „Investition in Bildung zahlt die besten Zinsen“, hatte schon Benjamin Franklin erkannt. Doch das deutsche Bildungssystem ist seit 30 Jahren rückständig. Kein Wunder, daß die Wirtschaft so langsam wächst.
Von Inge KloepferDie Deutschen sind zu dumm. Sie lernen zuwenig und zu schlecht - und das schon seit 30 Jahren. Die Konsequenzen daraus, da sind sich die Ökonomen weitgehend einig, sind fatal. Die Wirtschaft wächst langsamer als in anderen Ländern, die Wohlstand sinkt, das ganze Land fällt zurück.
„In modernen Volkswirtschaften ist das Humankapital der wichtigste Produktionsfaktor“, sagt der Ökonom Stefan Bergheim von der Deutsche Bank Research. Und da steht Deutschland nicht gerade strahlend da. Die Veränderung des Humankapitals ist - unbestritten - ein Wachstumstreiber. In Deutschland aber hat sich in den vergangenen 30 Jahren kaum etwas verändert. Immer noch machen gerade 22 Prozent eines Jahrgangs einen Hochschulabschluß. Andere Länder haben uns längst überholt. Spanien und Korea zum Beispiel oder Indien und China; Länder, die seit Jahren auch Wachstumsgeschichte schreiben.
„Ineffizientes“ Bildungssystem
Was aber läuft schief in Deutschland? Geben wir zuwenig Geld für Bildung aus? Axel Plünnecke, Wirtschaftswissenschaftler im Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), sagt: „Unser Bildungssystem ist nicht unterfinanziert. Es ist ineffizient. Wenn man mehr Geld in eine ineffizientes System steckt, wird es nicht besser. Positive Effekte auf das Wirtschaftswachstum wird es dadurch keinesfalls geben.“
Die aber braucht Deutschland dringend. „Das Humankapital in Deutschland ist bis in die 80er Jahre kräftig gestiegen, seither stagniert es“, sagt Bergheim. „Und das schlägt sich auch in den niedrigen Wachstumsraten nieder.“
Dabei machen die Forscher vor allem zwei Dinge aus, die Deutschlands Köpfe über die Jahre gegenüber anderen Ländern ins Hintertreffen gebracht haben: erstens das Schul- und Hochschulsystem, das sich jeglicher Kontrolle der Leistungen verweigert hat. Der Münchener Wirtschaftswissenschaftler Ludger Wößmann drückt das so aus: „Wir haben nie darüber nachgedacht, ob wir gute Ergebnisse, also einen qualitativ hochwertigen Output, hervorbringen. Schulen und Lehrer etwa wurden für gute Leistungen ihrer Schüler nie belohnt. Und das ist immer noch so.“
Und zweitens gibt es viel zuwenig Menschen mit höheren, sprich, Universitätsabschlüssen. Die Humankapitalausstattung hat sich nicht verbessert. Die 111 Milliarden Euro, die Deutschland jährlich ins Bildungssystem investiert, sind also schlecht angelegt.
Längst vergangene Tage aus der Planwirtschaft
Dabei hat Deutschlands System nach Meinung von IW-Forscher Plünnecke einen großen Fehler: „Gerade am Anfang der Ausbildung steht ein hoher privater Finanzierungsanteil. Eltern zahlen für den Kindergarten.“ Dabei werde dort der größte gesellschaftliche Nutzen oder die Rendite erzielt.
Anders wiederum sieht es am oberen Ende des Bildungssystems, also bei den Hochschulen aus. „Hier wird die höchste private Rendite erzielt, aber der Student beteiligt sich nicht an den Kosten“, sagt Plünnecke. Genau diese Finanzierungsverhältnisse gelte es umzudrehen, um eine höhere Rendite für die Gesellschaft zu erzielen, die Mittel also besser anzulegen. Soviel zur Finanzierungsseite.
Doch auch die Organisation der Bildung erinnert an längst vergangene Tage aus der Planwirtschaft. Der Münchener Ökonom Wößmann macht das am Beispiel der Lehrer fest. „Wie in einer zentralen Planwirtschaft werden sie den Schulen zugewiesen, obwohl doch die Schulen selbst besser wissen müßten, welche Lehrer zu ihnen passen.“ Und: „Es fehlt die Flexibilität in der Besoldung. Boni zum Beispiel sind kaum möglich. Lehrer bekommen immer das gleiche Gehalt, egal, ob sie gute Schülerleistungen produzieren oder nicht.“
„Wie verschütten Potential“
Berthold Wigger, Volkswirt und Bildungsökonom an der Universität Erlangen, nennt noch einen weiteren Punkt: „Unser Schulsystem hat sich an die veränderte demographische Struktur nicht angepaßt.“ Es trage dem Wandel durch die stark steigende Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund nicht Rechnung. „Es behindert soziale Mobilität“, sagt Wigger, „viele Talente nutzen wir dadurch nicht, wir verschütten vielmehr Potential.“ In volkswirtschaftlicher Hinsicht ein Schaden, der kaum zu beziffern ist.
In gewisser Weise leidet das deutsche Bildungswesen auch noch unter einem Abschlag, den der Föderalismus mit sich bringt. Zwar gestehen die Ökonomen dem Wetteifern der Länder um die besten Pisa-Ergebnisse auch positive Aspekte zu. Doch erzielen die Länder, die ihre Bildung zentral steuern, bessere Ergebnisse. „Wenn wir nicht 22, sondern 40 Prozent eines Jahrgangs mit Hochschulabschluß in den Arbeitsmarkt schicken wollen, dann muß das auf nationaler Ebene als Ziel formuliert werden“, sagte Deutsche Bank-Ökonom Berheim.
„Investition in Bildung zahlt die besten Zinsen“
Wößmann aus München hegt gegenüber dem föderalistischen System auch im Hinblick auf die Chancengleichheit große Bedenken. Hinzu komme, daß in allen wichtigen bildungspolitischen Reformen zwischen den Ländern Einstimmigkeit herrschen müsse. Der Langsamste halte somit alle auf.
„Investition in Bildung zahlt die besten Zinsen“, hatte schon Benjamin Franklin erkannt. In Deutschland werden sich Politiker erst jetzt bewußt, daß Bildung eine hochverzinsliche Investition ist. IW-Wissenschaftler Plünnecke ist zuversichtlich: „In 10 Jahren können wir die bildungsbedingte Wachstumslücke schließen“, sagt er. Es brauche eben Zeit, bis ein Bildungssystem effizienter werde und höhere Leistungen hervorbringe.
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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