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Bildung Eine Privatschule als Start-up-Unternehmen

06.12.2007 ·  Lange Zeit hatte der Staat das Monopol auf Bildung. Jetzt gründen Eltern, Unternehmer und Popstars Schulen. Die Wohlhabenden verabschieden sich aus dem System.

Von Bettina Weiguny
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Der Investmentbanker Peter Ferres ist 20 Jahre lang von Fusion zu Fusion gehetzt, von Börsengang zu Börsengang. Irgendwann hatte er genug. Ferres stieg aus und gründete eine Schule: die Metropolitan School in Frankfurt, eine Grundschule mit Kindergarten. Im Beirat sitzt seine Schwester, die Schauspielerin Veronica Ferres.

Einen guten Steinwurf entfernt wirbt gleichzeitig eine andere private Grundschule um Schüler. Beide Anbieter verfolgen ein ähnliches Konzept: zweisprachiger Unterricht in Deutsch und Englisch, kleine Klassen mit zwei Lehrpersonen, Ganztagsbetreuung. Auch die zweite Gründerin, Béa Beste - auf ihrer Visitenkarte steht Vorstandsvorsitzende -, hat bereits eine Management-Karriere hinter sich (siehe Interview: Phorms-Vorstandschefin Béa Beste).

2800 Privatschulen in Deutschland

Als Unternehmensberaterin bei Boston Consulting befasste sie sich mit der Markenbildung. Auch sie gründet heute lieber Privatschulen. Voriges Jahr startete sie mit ihrer Phorms AG in Berlin die erste Grundschule, inzwischen hat sie drei Filialen - in Frankfurt, München und Köln. Vierzig Standorte sollen es einmal werden. Das Ganze wird getragen von einer Aktiengesellschaft, die bereits vom Börsengang träumt.

Bildung als Ware - das ist neu in Deutschland. Manager leiten Schulen, reden von Bildung als Marke, hofieren Eltern als Kunden. 100 private Schulen haben allein in diesem Jahr ihre Klassenzimmer aufgesperrt, im kommenden Jahr werden noch mehr dazukommen. Die Zahl der privaten Bildungsanbieter schnellt in die Höhe, seit die Pisa-Tests das Vertrauen in das deutsche Bildungssystem erschüttert haben. Etwa 2800 Privatschulen gibt es heute in Deutschland. Anfang der neunziger Jahre waren es 1900.

Bildungsbewusste Mittelschicht

Lange hatte der Staat mehr oder minder das Monopol auf Bildung, allenfalls einige Mitspieler am Rande wurden geduldet. Als größte private Schulträger hatten sich die beiden christlichen Kirchen etabliert, gefolgt von knapp 200 Waldorf-Schulen, den Montessori-Einrichtungen, zwei Handvoll internationalen Schulen und exklusiven Internaten wie Salem am Bodensee.

Dabei garantiert das Grundgesetz jedem das Recht, Schulen in freier Trägerschaft zu gründen. Das nutzt jetzt die bildungsbewusste Mittelschicht. Ein bunt gemischtes Völkchen tummelt sich in der jungen Branche: engagierte Eltern, Unternehmer, Popstars wie Sängerin Nena. Schulen entstehen wie Start-up-Firmen und werden auch so geführt: Zu den erforderlichen Lehrplänen gesellen sich Business-Pläne, neben den Elternabenden steht Fundraising auf dem Wochenplan. Lehrer sind hier keine Beamte, sondern Angestellte mit Sockelgehalt plus leistungsbezogenen Prämien. Das gemeinsame Ziel: eine bessere Förderung der Kinder, kleinere Klassen und eine individuelle Betreuung. Dazu kommen Schwerpunkte, je nach Klientel: mehrsprachiger Unterricht oder naturwissenschaftliche Bildung, freie Zeiteinteilung und altersübergreifendes Lernen ohne Zwang.

„Schule ohne Zwänge und Ängste“

Los geht es in der Regel bescheiden, meist nur mit einem Dutzend Schüler, wie im Esslinger Kinderkosmos, wo zwei Väter einen Kredit über 100.000 Euro als Starthilfe von der Bochumer Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken erhalten haben. Da sich die Großbanken zurückhalten, springen betuchte Sponsoren oder Unternehmen ein.

Die Anne-Sophie-Schule in Künzelsau begann mit 48 Kindern und soll auf 700 wachsen. Gründerin ist Bettina Würth, die Tochter des Schraubenmilliardärs Reinhold Würth. Hinter der Phorms AG in Berlin steht Alexander Olek, der Gründer des Biotech-Unternehmens Epigenomics. Wer es sich leisten kann, kauft sich heute eine Schule. Bildung ist schick. Popstar Nena hat in diesem Sommer in Hamburg eine Villa erworben, um eine „Schule ohne Zwänge und Ängste“ zu verwirklichen.

Staatliche Zuschüsse

So ganz frei ist die Marktwirtschaft in der Schulbranche freilich nicht. Schließlich deckt der Steuerzahler den Großteil der Kosten. Nach drei bis fünf Jahren werden die privaten Anbieter - je nach Bundesland - vom Schulamt anerkannt und mit staatlichen Zuschüssen versorgt. In der Regel erhalten sie 80 bis 90 Prozent von dem, was eine vergleichbare staatliche Schule kosten würde. Bei den Privaten deckt dies wegen kleinerer Klassen und mehr Lehrpersonal meist nur 60 Prozent des laufenden Unterhalts. Den Rest bringen die Eltern über Schulgebühren auf.

Schulämter und Ministerien beobachten die heranwachsende Konkurrenz argwöhnisch. „Die Grundversorgung darf durch freie Schulen nicht gefährdet werden“, warnt Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD). Die Kritiker beschwören ein Ausbluten des staatlichen Schulsystems: Die Hauptschule ist schon Restschule, als Nächstes verschwinde die Realschule. Übrig bliebe das Gymnasium als unfreiwillige Gesamtschule und daneben der wachsende Sektor der Privaten. Denn im Anwerben von Kunden sind sie unbestreitbar erfolgreich. Bei ihnen reichen die Wartelisten häufig bis ins Jahr 2012.

Diskussion um soziale Auslese

Als Argument gegen die privaten Neulinge führen Politiker die soziale Auslese an: Wenn Vermögen und Status der Eltern über den beruflichen Aufstieg entscheidet, sei das erstens ungerecht und zweitens eine volkswirtschaftliche Verschwendung der Talente schlechter gestellter Schüler, lautet das Argument.

Denn Privatschulen kosten Geld. Im Schnitt verlangen sie 300 Euro für einen Ganztagsplatz. Investmentbanker Ferres wie die Phorms AG betonen jedoch, auf die Ausgewogenheit ihrer Klientel zu achten. Die Gebühren richten sich jeweils nach dem Einkommen der Eltern, zudem gibt es Stipendien für mittellose Schüler.

Staatliches Sprungtuch

Auch von den Privaten werden nicht alle überleben. Wie jede blutjunge Branche haben die Schulfirmen den Ausleseprozess noch vor sich. In Überlingen wurde bereits eine Sudbury-Schule wegen Schulpflichtsverletzungen geschlossen. In Berlin ließ die Schulverwaltung im Sommer an der Novalis-Schule mehrere Klassen schließen, nachdem der Elternverein den Vertrag mit den Lehrern gekündigt und ihnen Hausverbot erteilt hatte. Interner Streit führte dazu, dass an der Berliner Metropolitan School zeitweise zwei Geschäftsführungen parallel um die Schüler buhlten.

„Das sind Ausnahmefälle“, beruhigt die Schulaufsicht in der Hauptstadt. Zu dauerhaften Schließungen kommt es nie, immer findet sich ein neuer Träger, ein neuer Investor - oder eine Behörde. Denn anders als im freien Spiel der Kräfte hält der Staat im Bildungsmarkt im Falle der Misswirtschaft stets das Sprungtuch hin; schließlich kann man schulpflichtige Kinder nicht auf der Straße sitzenlassen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.12.2007, Nr. 48 / Seite 46
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