14.04.2005 · Viele japanische Unternehmen finden ihre einstmals dunklen Hinterzimmer in diesen Tagen hell erleuchtet. Nach Bilanzskandalen und Verhaftungen ist die alte Garde der Japan AG schwer in Bedrängnis.
Von Stephan Finsterbusch, TokioViele japanische Unternehmen finden ihre einstmals dunklen Hinterzimmer in diesen Tagen hell erleuchtet. Neue Vorstände, Behörden und Anteilseigner versuchen mit dem Aufdröseln der Überkreuzbeteiligungen der alten Japan AG Licht in die Machenschaften der Vergangenheit zu bringen. Betroffen sind Konglomerate wie Mitsubishi, Familienimperien wie Kokudo oder Bankgruppen wie UFJ.
In der vergangenen Woche erhielt selbst der amerikanische Chiphersteller Intel seitens der japanischen Wettbewerbshüter eine Abmahnung für seine jahrelange Vertragspraxis. Und in dieser Woche hat ein Unternehmen der Itochu-Gruppe, eines von Japans großen Handelshäusern, seine Bilanzen für die vergangenen sieben Jahre korrigieren, Umsätze um einen dreistelligen und Betriebsgewinne um einen einstelligen Millionenbetrag streichen müssen.
Finanziell angeschlagen
Große Aufmerksamkeit erregte der Skandal um die Kanebo Ltd. Der traditionsreiche Mischkonzern, dessen Produktpalette vom Fruchtsaft über die Baumwollbluse bis hin zum Lippenstift reicht, hat gerade eingestanden, seine Bücher über Jahre hinweg frisiert und die Gewinne um mindestens 1,1 Milliarden Euro aufgebauscht zu haben. Daraufhin fiel die Aktie in den vergangenen beiden Tagen um knapp 15 Prozent.
Das finanziell angeschlagene Unternehmen, dessen angepeilte Fusion mit der japanischen Kao-Gruppe Anfang 2004 gescheitert war, steht seit einem Jahr unter der Obhut der staatlichen Sanierungsgesellschaft IRCJ. Es wurden die obersten Führungsspitzen ausgetauscht, tiefgreifende Restrukturierungen eingeleitet und die alten Geschäftsbücher genauer in Augenschein genommen. Dabei traten die Bilanzfälschungen zu Tage. Nun droht Kanebo der Ausschluß vom Tokioter Börsenhandel.
Nun droht die Zerschlagung
Den hat Seibu Railway bereits hinter sich. Die Aktien der Eisenbahn- und Immobiliengesellschaft sind im Dezember vom Börsenhandel ausgeschlossen worden. Gründe waren schwere Verstöße gegen die Wertpapierhandelsgesetze. Im März nahmen die Behörden Yoshiaki Tsutsumi fest. Dem Chef eines der größten japanischen Unternehmensimperien wird vorgeworfen, über die Familienfirma Kokudo Corp. die Bilanzen und Beteiligungsverhältnisse an der Seibu Railway Corp. jahrzehntelang manipuliert zu haben.
Auch soll er mit Aktien massiv Insiderhandel betrieben haben. Tsutsumi ließ sich 1987 mit einem Vermögen von 13 Milliarden Dollar als reichster Mann der Welt ausrufen. Sein Vater hatte das Konglomerat nach dem Krieg durch Immobiliengeschäfte mit Japans abgedanktem Altadel aufgebaut. Nach dessen Tod übernahm Yoshiaki Tsutsumi die Führung. Heute umfaßt das Imperium etwa hundert Firmen. Ihm droht nun die Zerschlagung.
Kapitalzuschüsse und Umschuldungsprogramme
Die konnte der Autohersteller Mitsubishi Motors vorerst abwenden. Nach großen Qualitäts- und Vertuschungsskandalen, die bis in die achtziger Jahre zurückreichen, rettete die weitgespannte Mitsubishi-Gruppe ihre Autosparte ein ums andere Mal. In den vergangenen zwölf Monaten sicherte sie Kapitalzuschüsse und Umschuldungsprogramme für weitere fünf Milliarden Euro zu. Die alte Führungsspitze aus den neunziger Jahren ist vor Gericht gestellt und mit Schadenersatzforderungen in zweistelliger Millionenhöhe seitens des einstigen Arbeitgebers konfrontiert worden.
Der Nutzfahrzeughersteller Fuso, der vor zwei Jahren aus Mitsubishi Motors ausgegründet und von Daimler-Chrysler anteilig übernommen worden war, hatte nach einer Reihe schwerer Verkehrsunfälle aufgrund technischen Versagens im März 2004 eine Rückrufaktion für eine Million Laster, Transporter und Busse gestartet. Die von dem neuen deutschen Management eingeleitete Aktion soll Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Bis dahin steht das Unternehmen unter konstanter Überwachung des Transportministeriums.
Milliardenhohe Problemkredite
Ihre Kontrollen hatte auch die Finanzaufsichtbehörde FSA vor drei Jahren deutlich verschärft. Damit sollten die aufgrund milliardenhoher Problemkredite in einer Dauerkrise steckenden Großbanken zu den notwendigen Umstrukturierungen ihrer Kapitalbasis gezwungen werden.
In diesem Zusammenhang hatten sich die Behörden im August 2003 die Kreditbücher der UFJ Holdings, der viertgrößten Megabank Japans, genauer angesehen. Im Juni 2004 nahm die Bank dann Verhandlungen mit der Finanzgruppe von Mitsubishi über eine Fusion auf.
Ein gut verschließbarer Raum
Zuvor hatte sich UFJ einen neuen Vorstand gegeben. Die alte Führung stand vor Gericht. Ihr wurde vorgeworfen, das wahre Ausmaß der notleidenden Kredite vertuscht zu haben. Es ging um eine Summe von 33 Milliarden Euro. Nach Fehlbeträgen von 14 Milliarden Euro in den beiden Vorjahren brauchte die einstige Führung dringend Erfolge. Dabei steckte die UFJ-Bilanz voller Problemkredite. Der alte UFJ-Vorstand ließ einen Monat vor der FSA-Inspektion handverlesene Mitarbeiter in nächtelangen Aktionen belastende Akten in einen unauffälligen, gut verschließbaren Raum bringen.
Doch die Behörden erhielten einen Tip. Sie fanden das Hinterzimmer und griffen sich die Dunkelmänner. UFJ mußte 2004 anstelle des anvisierten Gewinns einen weiteren Milliardenverlust ausweisen. Die Vorstände wurden entlassen. Das Bankhaus stand vor dem Aus. Vor diesem Hintergrund griff die Finanzgruppe von Mitsubishi zu. Es bot UFJ die Fusion an. Nun soll von Oktober an das Zusammengehen vollzogen werden. Damit entsteht zwar die ihrer Bilanzsumme nach größte Bank der Welt. Doch unerfreuliche Überraschungen kann Mitsubishi nicht ausschließen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,44 | +1,28% |
| Dow Jones | 12.592,50 | +1,11% |
| EUR/USD | 1,2504 | −0,30% |
| Rohöl Brent Crude | 107,36 $ | +0,09% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
Anonym bewerben? Ist das gut?