Den Ärger der Aktionäre über den Aktienkurs der Commerzbank kann Martin Blessing nachvollziehen, denn er ist selbst einer. Der Commerzbank-Chef, dessen Jahresgehalt seit 2009 wegen des Rückgriffs der Bank auf Staatshilfe auf 500.000 Euro gedeckelt ist, bekannte am Donnerstag ganz entspannt, er habe mit seinen eigenen Commerzbank-Aktien einen Verlust erlitten, der vier Netto-Jahresgehälter übertreffe. Der staatliche Bankenrettungsfonds hingegen habe mit seiner stillen Einlage in die Commerzbank - ursprünglich 16 Milliarden Euro - keinen Verlust erlitten. Denn mit der von der Commerzbank geleisteten „Strafzahlung“ von 1 Milliarde Euro für die vorzeitige Rückführung um 14 Milliarden Euro habe der Bund für die stille Einlage mehr erhalten als seine Refinanzierungskosten. Das ist aber höchstens die halbe Wahrheit.
So sind 9 Prozent Zins auf die stille Einlage vereinbart. Doch die Commerzbank zahlt dem Rettungsfonds Soffin auch für 2011 und damit zum dritten Mal in Folge keine Zinsen. Zwar hat die Bank nach internationalen Bilanzregeln (IFRS) einen Konzerngewinn von 0,6 Milliarden Euro erzielt. Ob sie den Soffin bedienen muss, hängt vom Einzeljahresabschluss nach deutschen Bilanzregeln (HGB) ab. Und nach HGB wird aus dem IFRS-Gewinn ein riesiger Verlust von 3,6 Milliarden Euro - unter anderem wegen abermals hoher Abschreibungen auf die Tochtergesellschaft Eurohypo.
Seltsam mutet nicht nur die Gewinn-Akrobatik an. Merkwürdig auch, dass die Commerzbank in Osteuropa das zweite Jahr in Folge mehr Gewinn macht als mit elf Millionen Privatkunden in Deutschland. Auffällig ist ebenso, wie leicht es der Bank gelingt, die von der Aufsicht bemängelte Kapitallücke von 5,3 Milliarden Euro zu füllen. Weil sie ihre Griechenland-Anleihen nun - endlich? - abschreiben muss, beträgt der für die Staatsschuldenkrise prophylaktisch zu bildende Kapitalpuffer nur noch 4,4 Milliarden Euro. Inzwischen konnte er sogar auf 1.8 Milliarden Euro verkleinert werden. Die nun überraschend angekündigte Kapitalerhöhung ist ein weiterer Schritt zum rettenden Ufer. Um mit 25 Prozent beteiligt zu bleiben, tauscht der Soffin für 0,3 Milliarden Euro stille Einlagen gegen Aktien. Die Geschäftsentwicklung der Commerzbank aber bleibt schwer berechenbar, wie die vielen Merkwürdigkeiten in der Bilanz zeigen. Damit werden alle Aktionäre noch eine Weile leben müssen.