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Bilanz nach zehn Jahren Prestigeobjekt Dosenpfand

 ·  Deutschland sollte durch die Einführung des Dosenpfands ein Stück umweltfreundlicher werden. Fast genau zehn Jahre später fällt die Bilanz des Prestigeobjektes der rot-grünen Bundesregierung ernüchternd aus.

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© F.A.Z.-Marcus Kaufhold Vergrößern Ein deutsches Symbol: die Dosen-Debatte

Es war eines der Prestigeprojekte der rot-grünen Bundesregierung, und es sollte Deutschland ein Stück umweltfreundlicher machen: „Das Pfand dämmt die Einwegflut ein, die mit zunehmender Wucht ökologisch vorteilhafte Mehrwegsysteme vom Markt drängt“, frohlockte der frühere Umweltminister Jürgen Trittin von den Grünen zur Einführung des Dosenpfandes. Am 1. Januar 2003 war es soweit.

Fast genau zehn Jahre später fällt die Bilanz ernüchternd aus. Zwar verschmutzen Bierdosen nicht weiter Parks und Innenstädte, sie sind fast vollständig aus den Regalen der Supermärkte verschwunden. Doch Trittins Vorhaben, durch den Aufpreis auf Bier, Mineralwasser und Erfrischungsgetränke in Dosen und Einwegflaschen die Mehrwegquote zu erhöhen, ist grandios gescheitert: Nicht einmal jede zweite Flasche wurde im Jahr 2010 wiederbefüllt - 2004 waren es immerhin noch zwei von drei Flaschen, zeigen Erhebungen der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung. Besonders drastisch ist der Rückgang beim Mineralwasser, die Mehrwegquote hat sich seit 2004 auf weniger als 35 Prozent halbiert.

Warum das Zwangspfand seine Lenkungswirkung verfehlt hat? „Der Aufstieg der Einwegflaschen hat mehrere Gründe“, sagt Günter Birnbaum, Getränkemarktexperte der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Zum einen sei es der günstige Preis von beispielsweise 19 Cent für die 1,5 Liter-Flasche Mineralwasser, der die Kunden im Discounter zur PET-Flasche greifen lässt. Zum anderen spielten strukturelle Veränderungen eine Rolle: „Die Menschen sind im Schnitt älter“, sagt Birnbaum, „außerdem gibt es mehr Single-Haushalte.“ Beides führe dazu, dass schwere Getränkekisten zum Ladenhüter werden und Kunden lieber einzelne, vergleichsweise leichte Plastikflaschen einkaufen.

Die Kehrtwende, die „Mister Dosenpfand“, Jürgen Trittin, nicht geschafft hat, will Umweltminister Peter Altmaier (CDU) jetzt mit einer verschärften Kennzeichnungspflicht einleiten. „Für den Handel wird die Verpflichtung eingeführt, bei der Abgabe bepfandeter Getränkeverpackungen darauf hinzuweisen, ob es sich um Einweg- oder Mehrwegverpackungen handelt“, heißt es in einem aktuellen Verordnungsentwurf des Umweltministeriums.

Mit „deutlich sicht- und lesbaren Informationsschildern“ über den Regalen sollen Getränkehändler über die Verpackungskategorien aufklären. Altmaier erhofft sich, dass Kunden durch eine klarere Kennzeichnung häufiger zu wiederverwendbaren Flaschen greifen. Denn, so zeigten es Studien, selbst Käufer, die bewusst Mehrweg kaufen wollen, seien derzeit häufig verwirrt, weil sie die verschiedenen Flaschenarten kaum voneinander unterscheiden könnten. Verwirrung entstehe durch ähnliches Design und „rechtswidrig falsche Deklaration in den Geschäften“, heißt es in dem Entwurf.

Während der Getränkefachhandel, der besonders viele Mehrwegflaschen vertreibt, die mögliche Verordnung als einen „wichtigen ersten Schritt bezeichnet“, bezweifeln Experten, dass eine verschärfte Kennzeichnungspflicht tatsächlich das Konsumverhalten verändert. „Auf die Preisdifferenzen und die strukturellen Ursachen hätte die Verordnung keinerlei Einfluss“, sagt GfK-Experte Birnbaum.

Der Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes HDE, Kai Falk, fordert die Politik auf, anzuerkennen, dass durch Pfandregelungen keine Steuerung erzielt werden könne: „Die Händler jetzt abermals einseitig zu Pfandkennzeichnungen zu verpflichten ist nicht nur ungerecht, sondern belastet die Unternehmen wirtschaftlich.“ Nach Berechnungen des Umweltministeriums würden die Pflicht zur Kennzeichnungen den Handel zunächst einmalig 5,6 Millionen Euro kosten, danach jährlich 700.000 Euro.

Doch selbst wenn die Schilder wirken - sind Mehrwegflaschen überhaupt per se besser für die Umwelt als Einwegflaschen? Experten streiten darüber. „Pauschalurteile zur ökologischen Verträglichkeit von Mehrweg und Einweg greifen zu kurz“, sagt Benedikt Kauertz, Verpackungsforscher am Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu). Studien vom Anfang des Jahrtausends, die Plastikflaschen ein miserables Öko-Zeugnis ausstellten, seien inzwischen veraltet. Kauertz: „Eine moderne PET-Einwegflasche ist heute nur noch etwa halb so schwer wie vor 10 bis 15 Jahren.“

Wer glaubt, mit dem Griff zur Glasflasche der Umwelt etwas Gutes zu tun, kann leicht danebenliegen. Mehrere Studien zeigen, dass Mehrwegflaschen aus Plastik deutlich weniger Emissionen verursachen als solche aus Glas. In einer Analyse, die das ifeu-Institut im Auftrag der Kunststoffindustrie angefertigt hat, ist eine moderne PET-Einwegflasche sogar einer durchschnittlichen Mehrwegglasflasche nahezu ebenbürtig. Zwar stimmen diesem Ergebnis nicht alle Experten zu, nicht von der Hand zu weisen scheint jedoch, dass PET-Flaschen durch geringer werdendes Gewicht, höhere Anteile von aufbereitetem PET und kürzer werdende Distributionswege im Vergleich aufholen.

„Die Fokussierung auf Mehrweg ist ein politisches Ziel, das eventuell mehr als nur ökologische Gründe hat“, sagt deshalb ifeu-Experte Kauertz. Eine höhere Mehrwegquote käme in erster Linie kleinen Abfüllbetrieben und Fachhändlern zugute. Im Verordnungsentwurf des Umweltministers ist davon nichts zu lesen. Das Dosenpfand - für die Politik ist es weiterhin ein ökologisches Prestigeprojekt.

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