31.05.2010 · Eine amerikanische Forscherin provoziert: Die Berufswelt ist auf die Gehirne der Männer ausgerichtet, sagt sie im Interview. Das muss sich ändern, findet die Neuropsychiaterin Louann Brizendine.
Frau Brizendine, Frauen in Führungspositionen sind in Deutschland kaum zu finden. Haben wir Frauen nicht das Hirn, um oben anzukommen?
Um Himmels willen! Wie kommen Sie denn darauf?
Weil es bisher offensichtlich nicht klappt. Jetzt hilft sogar die Corporate-Governance-Kommission den Frauen nach. Sie hat die Regeln für gute Unternehmensführung verschärft: Firmen müssen erklären, wie sie mehr Frauen an die Spitze bringen.
Das ist sicher richtig. Denn männliche und weibliche Gehirne sind gleichermaßen leistungsfähig. 50 Prozent der weltweit intelligentesten Gehirne sind weiblich, 50 Prozent sind männlich. Aber die Gehirne der beiden Geschlechter arbeiten sehr unterschiedlich.
Deswegen kommen Frauen nur so selten in Führungspositionen?
Das hängt damit zusammen. Die Berufswelt ist von Männern für Männer gemacht. In den Vereinigten Staaten führen wir die gleiche Diskussion wie Sie hier. Und zwar nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Wissenschaft, in der gerade zehn Prozent der Top-Positionen mit Frauen besetzt sind. Oder denken Sie an die Welt der großen Hedge-Fonds.
In Deutschland heißt es oft, die Frauen seien an dieser Malaise selbst schuld. Sie wollten gar nicht nach oben.
Für die Mehrzahl der Frauen, die Kinder bekommen, ist die Motivation, sich an die Spitze zu kämpfen, in der Tat ein Problem. Nicht aus organisatorischen Gründen, sondern aufgrund ihres Gehirns, das zeitweise vom eigenen Nachwuchs enorm gefordert wird.
Aber viele qualifizierte Frauen haben doch gar keine Kinder.
Richtig. Das ist auch nur der eine Teil der Erklärung, den man trotzdem erwähnen muss. Ein anderer wichtiger Grund findet sich in der Struktur der Arbeitswelt. Sie ist von der Funktionsweise männlicher Gehirne geprägt und spiegelt diese. Frauen, die ganz anders denken, passen dort nicht hinein. Das spüren sie intuitiv und fühlen sich dann permanent entmutigt.
Das, was Sie sagen, ist politisch nicht sehr korrekt.
Es ist tatsächlich bis heute politisch nicht korrekt, zu behaupten, dass sich männliche und weibliche Gehirne in ihrer Funktionsweise dramatisch unterscheiden. Obwohl es wissenschaftlich längst erwiesen ist. Es ist wichtig, das endlich zu akzeptieren, um das Potential der Frauen, ihre Intelligenz und Kreativität auch in der Wirtschaft zu nutzen. Das Land, dem es am ehesten gelingt, mehr Frauen in Führungspositionen zu integrieren oder zu halten, wird am wettbewerbsfähigsten sein ...
Das hören die Männer sicher nicht allzu gerne.
Ich habe sehr viel über das menschliche Gehirn geforscht. Inzwischen glaube ich nicht mehr, dass Männer Frauen überwiegend wissentlich diskriminieren. Im Gegenteil, viele arbeiten - auch auf Führungsebenen - gerne mit Frauen zusammen. Nur machen uns die unterschiedlichen Funktionsweisen unserer Gehirne oft einen Strich durch die Rechnung.
Was genau funktioniert denn so unterschiedlich?
Forschungsergebnisse legen die Vermutung nahe, dass es in unserem Gehirn zwei Gefühlssysteme gibt, die nebeneinander arbeiten. Frauen und Männer nutzen diese beiden Systeme unterschiedlich stark. Wenn zwei Menschen über ein Problem kommunizieren, wird zunächst bei beiden Geschlechtern das Gefühlssystem aktiv, das uns dazu befähigt, uns in die Gefühlslage des jeweiligen Gegenübers zu versetzen. Bei Männern allerdings nur für kürzere Zeit. Dann schalten ihre Gehirne auf die Problem-Analyse und die Suche nach Lösungen um. Dabei sorgt das männliche Fortpflanzungshormon, also das Testosteron, dafür, dass männliche Gehirne auf diese kognitive Schiene wechseln.
Und sofort entstehen Missverständnisse?
Ja, Frauen fühlen sich von den Männern nicht ernst genommen, missachtet, unverstanden. Wenn man bei Frauen den Testosteronspiegel erhöht, dann beginnen ihre Gehirne eher wie die der Männer zu arbeiten.
Gibt es noch andere Unterschiede?
O ja. Wenn wir die Gefühlsebene einmal verlassen und nachvollziehen, wie Fakten verarbeitet werden, dann können Sie bei Männern auf überwiegend einer Seite des Gehirns Aktivität beobachten, während bei Frauen überwiegend beide Gehirnhälften involviert sind. Frauen konzentrieren sich auf mehr Aspekte. Männer-Gehirne arbeiten fokussierter.
Und welche Funktionsweise ist im Beruf effizienter?
Keine von beiden. Das ist die gute Nachricht. Die Kombination ist logischerweise am stärksten.
Anders gefragt: Was können denn Frauen besonders gut?
Sie erkennen die Schwächen der Konkurrenz oft besser als Männer, egal ob das jetzt ihre Gegenspieler sind oder andere Unternehmen.
Männliche Führungskräfte beklagen häufig, dass Frauen nur wenig Interesse am Aufstieg hätten. Was muss denn passieren, damit sich das ändert?
Die Unternehmen müssen eine kritische Masse an Frauen in Führungspositionen bringen, also auf Dauer einen Anteil von 25 bis 30 Prozent. Und das nicht, weil sich Frauen dann besser durchsetzen könnten, sondern weil sie sich unter ihresgleichen verstanden und nicht dauernd entmutigt fühlen. Von Frauen bekommt das weibliche Gehirn das Feedback, das es benötigt. Mit der kritischen Masse wird sich die männliche Kommunikationskultur ändern, der Aufstieg für Frauen wird attraktiver.
Wie reagieren die Unternehmen auf derlei Forderungen?
Sicher haben sie begriffen, dass die Intelligenz und die anderen Fähigkeiten der Frauen auf Dauer unverzichtbar sind. Doch noch immer haben sie nicht verstanden, warum es so schwierig ist, Frauen in Führungspositionen zu bringen.
Das klingt fast so, als könnte nur ein Quote helfen.
Sie haben ein großes Unternehmen in Deutschland, das so etwas jetzt eingeführt hat ...
... die Telekom.
Ein kluger Schritt, der die kritische Masse bringen wird, die Frauen brauchen, damit sie es als überhaupt lohnend empfinden, um Top-Positionen zu kämpfen. Außerdem wird die Telekom auch wirtschaftlich enorm davon profitieren, weil Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in Führungspositionen erfolgreicher wirtschaften.
Das hat sich allerdings noch nicht wirklich herumgesprochen.
Es wird auch noch zwei Jahrzehnte dauern. Doch gibt es in Amerika schon große Investoren, die nur noch in Unternehmen mit einem hohen Anteil weiblicher Führungskräfte investieren.
Es gibt Frauen, die es geschafft haben. Warum ziehen sie nicht als Vorbilder?
Vielleicht, weil sie untypisch sind. Sie sind weniger als die Mehrheit der Frauen auf dieses emotionale Feedback angewiesen. Deswegen haben sie oft auch wenig Verständnis dafür, dass sich Frauen entmutigt oder zurückgewiesen fühlen.
Ist all das, was Sie jetzt sagen, die neue Form des Feminismus oder dessen Abgesang?
Der Feminismus der siebziger Jahre ging davon aus, dass männliche und weibliche Gehirne gleich sind und Männer ganz bewusst versuchten, Frauen die Wege zur Macht zu versperren. Auch ich war eine Anhängerin der Bewegung. Doch aus meiner Forschung weiß ich, dass die Gehirne von Frauen und Männern Informationen unterschiedlich verarbeiten und anderes Feedback brauchen. Wir haben jahrelang versucht, wie die Männer zu sein, und waren insgesamt nicht erfolgreich. Besser ist es, diese Unterschiede endlich zu akzeptieren und beide Gehirne zu nutzen.
Louann Brizendine
Die amerikanische Professorin für Neuropsychiatrie an der University of California in San Francisco, die in Berkeley, Yale und Havard studiert hat, vertritt die These, männliche und weibliche Gehirne arbeiteten unterschiedlich. Nach ihrem Bestseller „Das weibliche Gehirn“ (2007) ist jetzt das Pendant „Das männliche Gehirn“ erschienen. In der Forschung sind ihre Thesen umstritten. Das Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung greift am kommenden Sonntag die Debatte auf.
Bereits widerlegter Humbug.
Alexander Erben (Blauzone)
- 31.05.2010, 17:36 Uhr
Netter Versuch...
Winfried Nöth (wnoeth)
- 31.05.2010, 17:40 Uhr
Die Berufswelt ist erfolgsorientiert und kein Kuscheln. Daher männlich.
Michael Meier (never1)
- 31.05.2010, 17:50 Uhr
Frauen sind die besseren....die 234568ste
Holger Sulz (H._Sulz)
- 31.05.2010, 19:14 Uhr
Weitere Unterschiede
Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
- 31.05.2010, 20:00 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.388,31 | +0,84% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2537 | −0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 106,91 $ | −0,33% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
Anonym bewerben? Ist das gut?