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Beruf und Familie Die vergessene Anti-Herdprämie

 ·  Der Gesetzgeber hat vor Jahren den Kinderbetreuungszuschuss geschaffen. Unternehmen können seitdem ihren Mitarbeitern etwas zahlen, damit sie leichter Beruf und Familie in Einklang bringen können. Nur wenige wissen das - Unternehmen wie Berufstätige.

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Herdprämie“ muss sich Horst Seehofer von seinen politischen Gegnern immer vorwerfen lassen, wenn der bayerische Ministerpräsident unablässig das umstrittene Kinderbetreuungsgeld für Eltern fordert, die ihre Kinder zu Hause aufziehen. Die „Anti-Herdprämie“, die dem CSU-Vorsitzenden eigentlich gegen den Strich gehen müsste, gibt es dagegen schon längst. Nur ist das kaum bekannt. Formal heißt sie „Kinderbetreuungszuschuss“ und ist in Paragraph 3 des Einkommensteuergesetzes geregelt. Der Zuschuss soll berufstätigen Eltern helfen, die eine Betreuung für ihre noch nicht schulpflichtigen Kinder benötigen.

„Sehr viele Unternehmen wissen gar nicht, dass es die Möglichkeit gibt, einen steuer- und sozialversicherungsfreien Zuschuss zur Kinderbetreuung zu zahlen“, sagt Anine Linder. „Das ist wie ein gutgehütetes Geheimnis.“ Linder ist stellvertretende Projektleiterin des Unternehmensnetzwerkes „Erfolgsfaktor Familie“, eine gemeinsame Initiative des Bundesfamilienministeriums und des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Das Netzwerk ist eine Plattform von knapp 4200 Mitgliedsunternehmen, die sich durch den Austausch von Informationen gegenseitig helfen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern.

Es gibt zwar viele Unternehmen, die ihren Mitarbeitern einen Zuschuss zahlen. Doch handelt es sich in der Regel um kleine und mittelständische Unternehmen. So zahlt der medizinische Dienstleister Reha Vita aus Cottbus für 18 Kinder jeden Monat 50 Euro, bis sie sechs Jahre alt sind. Auch die Helios St. Elisabeth Klinik in Hünfeld nutzt dieses Instrument.

Große Unternehmen sind weniger zu finden, da sie oft andere familienfreundliche Programme wie Betriebskindergärten anbieten. Der Versandkonzern Otto ist eher eine Ausnahme, ebenso Siemens. Der Münchner Elektrokonzern hat im vergangenen Jahr das seit 2006 mögliche Modell eingeführt und angereichert, um Eltern möglichst bald nach der Geburt des Kindes wieder in den Arbeitsalltag zurückzuholen. Siemens lässt sich das jährlich 10 bis 12 Millionen Euro kosten. Pro Monat gibt es 100 Euro, wenn die Betreuungskosten nachgewiesen werden.

Vielschichtige Beweggründe

„Das Angebot wird gut angenommen“, sagt Brigitte Ederer, Personalvorstand von Siemens. Rund 6000 Anträge seien im ersten Jahr von den Mitarbeitern gestellt worden. Darüber hinaus bietet Siemens jungen Eltern monatlich 500 Euro als Zuschuss zur Kinderbetreuung, wenn sie schnell in den Beruf zurückkehren und in Teilzeit arbeiten. Das Geld wird bis zu 14 Monate nach Geburt ausgezahlt.

Die Beweggründe für solche „Prämien“ sind vielschichtig. Für Siemens-Managerin Ederer spielen gewisse Verlustängste mit, wenn Beruf und Arbeit nicht in Einklang gebracht werden können: „Wir verlieren qualifizierte Frauen für immer, wenn sie sich nach der Geburt des Kindes entschließen, zu Hause zu bleiben.“ Besonders bei den 35 bis 40 Jahre alten Mitarbeiterinnen beobachtet sie diesen Effekt. Es geht ihr auch darum, Talente zu halten. Denn für die Österreicherin ist klar, dass der „Kampf um die Talente“ in Zukunft noch zunehmen wird und damit eine gute Positionierung im Wettbewerb um Arbeitskräfte notwendig ist.

Ein Mittel für mehr Attraktivität

Die kleinen Unternehmen hingegen haben einen anderen Ansatz. Sie sind zu klein, um eigene Betriebskindergärten zu betreiben. Es ist für sie zudem ein Mittel, die Attraktivität zu erhöhen. Denn es sind meist die unbekannten Unternehmen, die nicht in Metropolen wie Hamburg, München oder Frankfurt, sondern in weniger attraktiven Regionen angesiedelt sind und es bei der Suche etwa nach Ingenieuren schwer haben.

Im „Kampf um die Talente“ ist über die Zahlung des Kinderbetreuungszuschusses hinaus Kreativität gefordert. Die Medizinische Hochschule Hannover zahlt Ärztinnen eine Wiedereintrittsprämie, wenn sie ein Jahr nach Geburt des Kindes zurückkehren. Bei der Robert Bosch GmbH gilt die Familienzeit als Karrierebaustein. Die gesammelten Erfahrungen als Elternteil, so wird dort gedacht, qualifizieren Mitarbeiter zu einer verantwortungsvolleren Tätigkeit im Unternehmen. Der Sensorenhersteller Sick AG aus Waldkirch nimmt sich der Nachmittagsbetreuung für Schulkinder ebenso an wie der im fränkischen Coburg ansässige Autozulieferer Brose, der einen Kids Club mit Bildungs- und Betreuungsangeboten für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren betreibt.

„Viele wissen gar nicht, welche Möglichkeiten es gibt“

„Kommunikation ist ein Riesenthema“, sagt Netzwerk-Projektleiterin Linder. „Viele Berufstätige wissen gar nicht, welche Möglichkeiten es in ihrem Unternehmen gibt, um Beruf und Familie in Einklang zu bringen.“ Die Unkenntnis über die Existenz der „Anti-Herdprämie“ ist das beste Beispiel dafür. „Es muss in der Informationspolitik noch viel mehr geschehen“, fordert Linder grundsätzlich.

Warum nicht das Beispiel der Datev aufgreifen? Die Personalabteilung des Nürnberger Softwareunternehmens verschickt „Väterbriefe“, wenn sie von „Vaterfreuden“ der Mitarbeiter erfährt. Darin gratuliert sie nicht nur und kündigt eine „Geburtsprämie“ an. Es wird auch umfassend über alle Möglichkeiten im Unternehmen informiert, wie tatsächlich die Herausforderungen von Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen sind.

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Jahrgang 1958, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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