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Kinder und Karriere : Die Vereinbarkeits-Lüge

Theresia Theuke hat vier Kinder und alles im Griff. Karriere will sie erst später machen. Bild: Marcus Kaufhold

Das gibt es kaum noch in Deutschland: Familien mit vier oder fünf Kindern. Sie haben politisch keine Lobby, viel Stress und hohe Ausgaben. Drei ganz unterschiedliche Großfamilien erzählen, warum auch für die Karriere keine Zeit ist.

          Der Opel Zafira braust über das Kopfsteinpflaster. „Steigen Sie ein! Wir haben es eilig!“, ruft Annika Kröller. Ein schneller Händedruck, sofort geht es weiter. „Die Grundschule schließt gleich, wir müssen Charlotte abholen“, sagt die Mutter. Und gibt wieder Gas.

          Christoph Schäfer

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Annika Kröller hat fünf Kinder. Das jüngste ist 14 Monate alt, das älteste 14 Jahre. Zeit ist ein knappes Gut. Wie ein Topmanager jagt die Mutter von Termin zu Termin. Alles ist straff organisiert. „Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist, dass sich irgendetwas um eine Stunde verschiebt“, erzählt sie. Lange Krankheiten sind nicht vorgesehen. „Gestern hatte ich noch 40 Fieber“, erwähnt sie. „Heute bin ich wieder fit.“ Der Opel hält vor der Grundschule. In 90 Sekunden steigt Kröller aus, öffnet den Kofferraum, schnallt eine Babytrage um, holt den kleinen Friedrich von der Rückbank und bugsiert ihn in die Trage. Sie eilt ins Schulgebäude und holt Charlotte. Dann geht’s ab nach Hause.

          Das Heim der Kröllers liegt in Zwickau vier Kilometer von der Innenstadt entfernt. Es ist ein schlichtes Einfamilienhaus, für das die Familie nur 500 Euro Kaltmiete bezahlt. Dafür müssen sie es selbst renovieren. Vater Roy ist Handwerker, er wird noch Jahre brauchen, bis alles fertig ist. Das Dachgeschoss hat er bereits ausgebaut. Dort wohnen nun Moritz und Oscar. Auch Florian und Charlotte haben eigene Zimmer. Der 14 Monate alte Friedrich schläft mit im Ehebett, für ihn muss bald eine Lösung her. „Vielleicht ein Anbau, wir überlegen noch“, sagt die Mutter. „Ist ja auch alles eine Kostenfrage.“ Aufs Geld achten muss die Familie nicht nur beim Anbau. Spielzeug und Kleidung für die drei jüngsten Kinder tauscht die Mutter meist über das Internet. Der Rest wird aus zweiter Hand erstanden. Die beiden älteren Kinder erhalten neue Kleidung - „aber nur, wenn es bei H&M mal 20 Prozent gibt“. Den Wocheneinkauf im Supermarkt macht die Mutter samstags nach 19 Uhr. „Da geht das Bund Radieschen von 59 Cent auf 10 Cent runter, weil die das Gemüse sonst wegschmeißen müssten.“

          Hätte Annika Kröller keine Kinder, müsste sie sich über die Preispolitik ihres Supermarktes keine Gedanken machen. Die 37-Jährige hat Heilpädagogik studiert und einige Jahre in ihrem Beruf gearbeitet. Sie hörte erst auf, als sich das fünfte Kind ankündigte. „Die Fremdbetreuung hätte sich nicht mehr gerechnet“, sagt sie. Stattdessen nahm sie Oscar und Moritz aus dem Hort und reduzierte Charlottes Kindergarten auf sechs Stunden am Tag. „Das war auch gut so.“ Seitdem ist ihr 40 Jahre alter Mann der Alleinverdiener. Weil er als Fliesenleger im Osten höchstens 10 Euro pro Stunde bekäme, arbeitet er für deutlich mehr Lohn auf Montage im Westen.

          Annika Kröller hat fünf Kinder. Das jüngste ist 14 Monate alt, das älteste 14 Jahre. Zeit ist ein knappes Gut.
          Annika Kröller hat fünf Kinder. Das jüngste ist 14 Monate alt, das älteste 14 Jahre. Zeit ist ein knappes Gut. : Bild: Christoph Schäfer

          Ohne staatliche Hilfe kommen die Kröllers trotzdem nicht aus. Für ihre fünf Kinder erhalten sie 988 Euro Kindergeld. Außerdem bekommen sie 150 Euro Wohngeld und profitieren vom staatlichen „Bildungs- und Teilhabepaket“. Dadurch ist das Essen in der Schule kostenlos und auch die Fahrkarten für die Kinder. Das Amt übernimmt die Kosten für Klassenfahrten und zahlt etwa 200 Euro Kinderzuschlag. Das Betreuungsgeld von 150 Euro erhält Annika Kröller nur anteilig, weil es mit anderen Leistungen verrechnet wird. Dafür bekommt die Familie einen Urlaubszuschuss. „Man muss bloß schauen und fleißig Anträge schreiben“, sagt die Mutter. Mit einem Lächeln schiebt sie nach: „Die Sachbearbeiter und ich sind gute Bekannte.“

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