22.08.2003 · Alle Welt redet über die Verhandlungen zwischen den Medienkonzernen Bertelsmann und AOL Time Warner. Bertelsmann-Chef Thielen schließt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Minderheitsposition aber aus.
Von Jürgen Dunsch und Marcus TheurerAlle Welt redet über die Verhandlungen zwischen den Medienkonzernen Bertelsmann und AOL Time Warner. Sie können schon bald zu einem Zusammenschluß im Musikgeschäft führen. Bertelsmann-Chef Gunter Thielen will solche Verhandlungen weiterhin nicht bestätigen. Aber er schlägt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Pflöcke ein für ein wie auch immer geartetes Zusammengehen.
Erstens: Die defizitäre Bertelsmann Music Group (BMG) bleibt wegen der engen Verbindungen mit dem Fernsehen der konzerneigenen RTL Group ein Kerngeschäft. Zweitens: Angestrebt wird ein gleichberechtigtes Gemeinschaftsunternehmen. Ohne Umschweife sagt Thielen: "Eine Minderheitenposition schließe ich aus." Dies ist eine grundlegende Änderung gegenüber früheren Äußerungen, nach denen eine Minderheit für Thielen kein Tabu war. Als dritte Voraussetzung formuliert der Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns: "Für ein Zusammengehen wollen wir kein wesentliches Geld in die Hand nehmen." Dies hatten Experten angesichts der geringeren Größe von BMG im Vergleich zu Warner Music bisher nicht ausgeschlossen.
"Wichtig ist eine klare Führungsstruktur“
Die vierte Bedingung ist ebenfalls von Brisanz. Die Führung eines solchen Bündnisses müsse nach beiden Seiten ausgewogen, aber eindeutig sein. "Wichtig ist eine klare Führungsstruktur. Eine Doppelspitze ist dafür nicht geeignet", stellt Thielen hierzu klar. Die Schlußfolgerung liegt nahe, daß BMG-Chef Rolf Schmidt-Holz nicht zwangsläufig auf dem Chefsessel des angestrebten Gemeinschaftsunternehmens im Musikgeschäft landen wird.
Die Frage der Herkunft des Spitzenmannes relativiert sich in der Einschätzung Thielens sowieso nach zwei bis drei Jahren, wenn sich das neue Unternehmen etabliert habe. Er schätzt die durch einen Zusammenschluß möglichen Kosteneinsparungen auf 250 bis 300 Millionen Dollar im Jahr. Sehr viel weniger abschätzbar ist die Frage der kartellrechtlichen Genehmigung eines solchen Unterfangens, an der schon ein früheres Vorhaben von Bertelsmann mit EMI in Großbritannien gescheitert ist. Daß Thielen dennoch mehr denn je auf ein Bündnis dringt, hat mit der schwierigen Lage der Musikindustrie (Stichwort: Illegales Kopieren) zu tun. Er glaubt, auf diese Weise Zeit zu gewinnen - Zeit, um mit technischen Lösungen und neuen Angeboten den Raubkopierern begegnen zu können.
Einen Versuch in dieser Richtung durch die Kontrolle über und Weiterentwicklung der Musiktauschbörse Napster hatte Bertelsmann aufgeben müssen. Ungeachtet dessen droht die Konkurrenz mit Schadenersatzklagen in den Vereinigten Staaten im Umfang von nicht weniger als 17 Milliarden Dollar. Die Zustellung einer Klage in Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht gestoppt. Dies macht Thielen Hoffnung, daß es zumindest hierzulande zu gar keinem Prozeß kommt. Daß die Entscheidung der Verfassungsrichter den Gang des Verfahrens in den Vereinigten Staaten beeinflussen könnte, hält er indes für unwahrscheinlich. Andererseits fragt er sich, wie tragfähig eine Klage wohl ist, wenn zum Beispiel der Konkurrent Universal Music, der Napster zwischenzeitlich erworben hat, dort einen Wiederbelebungsversuch unternimmt. Rückstellungen für ein Prozeßrisiko über die Musiktauschbörse wird Bertelsmann in diesem Geschäftsjahr jedenfalls nicht vornehmen.
Auch über die Buchsparte verhandelt
Mit AOL Time Warner hat Bertelsmann außer über das Musikgeschäft auch über die Buchsparte verhandelt. In diesen Verhandlungen herrscht derzeit Funkstille. Thielen will zunächst den Eingang der gut eine Milliarde Euro abwarten, die der Axel Springer Verlag bis Ende Oktober für den Erwerb der Fachinformationen von Bertelsmann zahlen muß. "Dann vielleicht" komme es zu neuen Verhandlungen. 400 Millionen Dollar setzen die AOL-Verlage im Jahr um - interessant genug in einer Sparte, die einerseits in unterschiedlichen Kulturräumen, andererseits durchaus in Kosteneinsparungen durch absolute Größe denken muß, wie der Bertelsmann-Chef meint. So hält er denn auch zäh am Plan einer Expansion in Deutschland für seinen Verlagsriesen Random House fest. Aus dem vom Bundeskartellamt abgelehnten Vorhaben eines Erwerbs von Ullstein-Heyne-List ist inzwischen nur noch ein "Heyne mit Abstrichen" geworden, nach einem ursprünglich ins Auge gefaßten Umsatz von 187 Millionen Euro verbleibt ein Volumen von rund 80 Millionen Euro. Für die anderen Teile stünden drei bis vier Interessenten bereit, sagt Thielen. Das Kartellamt hat jetzt eine Entscheidung bis Ende September in Aussicht gestellt.
Das weitaus wichtigste Geschäft von Bertelsmann ist allerdings das Engagement im Fernsehen mit dem Schwergewicht RTL Group. Als Folge des Niedergangs der Kirch-Gruppe hat sich RTL deutlich von dem Wettbewerber Pro Sieben Sat.1 abgesetzt. Aber schon gibt es Hinweise darauf, daß bei RTL Überheblichkeit und Trägheit einziehen, wie etwa jüngst auf der Telemesse. Dies könne er nicht bestätigen, sagt Thielen, an seiner Miene meint man indes ablesen zu können, daß er dieser Aussage doch einmal nachgehen werde. Allerdings hat nach seiner Einschätzung Haim Saban mit dem Erwerb von Pro Sieben die Lage sowieso schon grundlegend geändert. "RTL wird mehr Konkurrenzdruck spüren", meint Thielen. Er kenne ihn noch nicht, aber er schätze ihn als "exzellenten Medienunternehmer" ein. Ein erstes Treffen mit Saban sei vereinbart. Thielen glaubt im übrigen nicht, daß der Amerikaner die Programminhalte der Senderkette völlig umstülpen werde. Er werde seinen Leuten viel freie Hand lassen, ein auf Deutschland ausgerichtetes Programm zur Erzielung ansehnlicher Werbeeinnahmen zu machen: "Profis verhalten sich vernünftig."
"Wir haben im vergangenen Jahr im Unternehmen aufgeräumt"
Bewegung nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Zeitschriftensektor, in dem Bertelsmann mit Gruner+Jahr ebenfalls ein gewichtiges Wort mitredet. Hier heißt das Motto "Line Extensions". Gemeint ist damit die Erweiterung der erfolgreichsten Objekte von Bertelsmann zu ganzen "Zeitschriftenfamilien". Bei "Geo" ist diese Erweiterung schon sichtbar, der "Stern" hat Zuwachs bekommen durch die Lancierung von "Neon", die sich an jüngere Leser wendet. 50 Millionen Euro kann Gruner+Jahr für solche Ausbaumaßnahmen künftig im Jahr ausgeben, nicht gerechnet ganz neue Projekte. Hier steht vor allem die Gründung einer neuen Wochenzeitschrift in den Vereinigten Staaten zur Debatte. Anders als zahlreiche Zeitschriften im Bertelsmann-Reich ist die gemeinsam mit der britischen Pearson-Gruppe geführte Tageszeitung Financial Times Deutschland nach den Worten Thielens noch hoch defizitär. Vor allem das Anzeigenaufkommen liege unter Plan. Er schätzt, es werde noch vier bis fünf Jahre dauern, ehe das Blatt operativ die Gewinnzone erreicht.
"Wir haben im vergangenen Jahr im Unternehmen aufgeräumt", zieht Thielen ein erstes Fazit seiner bisherigen Tätigkeit an der Spitze von Bertelsmann. Viel ist geschehen in dem Konzern mit einem Jahresumsatz von gut 18 Milliarden Euro (2002): Zahlreichen Verlustbringern wurde eine Sanierung verordnet. Das Internet, das Thielens Vorgänger Thomas Middelhoff forciert hatte, wurde auf eine dienende Funktion für die Stammgeschäfte beschnitten. Die Fachinformationsverlage wurden verkauft. Der Schuldenabbau ist vorangetrieben worden und die Zentralisierung wurde zurückgedreht. "Dezentralität ist überall zielführend", formuliert Thielen, in der Politik ebenso wie in Unternehmen, da nur so ein Maximum an Kreativität erreichbar sei.
In den nächsten Tagen veröffentlicht Bertelsmann seinen Halbjahresbericht. Schon jetzt sagt Thielen mit Befriedigung, die zuvor hohe Schuldenlast, die den Konzern behindert habe, sinke bis zum Jahresende um eine Milliarde auf knapp 3 Milliarden Euro. In der sogenannten Direct Group, in der in erster Linie die Buchclubs angesiedelt sind, werde dem Verlust des Jahres 2002 von mehr als 200 Millionen Euro höchstens noch ein kleines Minus folgen. Drei Viertel des Gewinns fallen bei Bertelsmann im letzten Quartal des Jahres an. Für die fernere Zukunft ist Thielen gleichfalls optimistisch. Die kommenden zwei Jahre werden eine Periode des konjunkturellen Aufschwungs, schätzt er. Das dürfte nicht zuletzt er selbst beruhigend finden, denn Ende 2005 geht er in den Ruhestand.
"Wir haben im vergangenen Jahr im Unternehmen aufgeräumt."
Überraschend an der Spitze
Gunter Thielen paßt vom Typ her überhaupt nicht in die glamouröse Medienbranche. Der Techniker, dessen Familie auch ein Fleischwarenunternehmen im heimatlichen Saarland gehört, übt sich in Zurückhaltung und Sachorientierung. Vor achtzehn Jahren kam er in den Vorstand von Bertelsmann und war dort für die Druck- und Industriebetriebe verantwortlich, die unter dem Namen Arvato firmieren. Im Juli vergangenen Jahres schlug für Thielen, der enge Verbindungen zur Familie des Konzernpatriarchen Reinhard Mohn pflegt, die große Stunde. Kurzfristig wechselte er von der Stiftung in den Vorstandsvorsitz als Nachfolger des in Ungnade gefallenen Thomas Middelhoff. Zu diesem Zweck wurde sogar die konzerninterne Altersgrenze für Manager von 60 Jahren beiseite geschoben. Thielen hatte gerade dieses Alter erreicht. Im Anschluß an die Zeit bei Bertelsmann kann er sich vieles vorstellen - mit Ausnahme einer Beratertätigkeit.
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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