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Bertelsmann und die Börse Planspiele in Gütersloh

22.03.2006 ·  Liz Mohn steht dem Börsengang des Konzerns eher ablehnend gegenüber. Die Vorsitzende der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft fürchtet, daß Bertelsmann unter dem Druck des Kapitalmarkts seine Unternehmenskultur verändern könnte.

Von Johannes Ritter
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An diesem Mittwoch lädt Bertelsmann zur Bilanzpressekonferenz nach Berlin. Es liegt in der Natur der Veranstaltung, daß es dabei vor allem um den Geschäftsverlauf bei Europas größtem Medienkonzern geht. Und da hat Vorstandschef Gunter Thielen durchaus Gutes zu verkünden: Der Gewinn ist 2005 weiter gestiegen; dem Ziel einer operativen Umsatzrendite von 10 Prozent dürfte Bertelsmann einen weiteren Schritt näher gekommen sein. Doch dies wird die meisten Journalisten nur am Rande interessieren. Sie wollen vor allem eines wissen: Geht Bertelsmann an die Börse oder nicht?

Ende Januar hatte die belgische Finanzgruppe GBL erklärt, daß sie ihre Bertelsmann-Beteiligung voraussichtlich am Kapitalmarkt plazieren wolle. GBL besitzt 25,1 Prozent der Bertelsmann-Aktien und 25 Prozent der Stimmrechte. Gemäß Gesellschaftervertrag darf die GBL von Mai 2006 an einen Börsengang der Bertelsmann AG verlangen und im Zuge dessen ihre Aktien (oder einen Teil davon) verkaufen. Dennoch muß es nicht zum Börsengang kommen: Die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG), die 75 Prozent der Stimmrechte kontrolliert und maßgeblich von der Familie Mohn beeinflußt wird, hat zwar kein Vorkaufsrecht. Aber sie kann der GBL anbieten, das Aktienpaket zu übernehmen, und so einen Börsengang verhindern. Einen solchen Schritt strebe man nicht an, beteuerte Liz Mohn, Ehefrau des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn, vor Jahresfrist. Als Vorsitzende der BVG vertritt sie die Interessen der Familie Mohn im Gesellschafterkreis der Bertelsmann AG.

Mohns Haltung verändert

Inzwischen jedoch hat sich ihre Haltung verändert. Nach Informationen dieser Zeitung steht Liz Mohn dem Börsengang eher ablehnend gegenüber. Sie fürchtet, daß Bertelsmann unter dem Druck des Kapitalmarkts seine Unternehmenskultur verändern könnte. "Als Sprecherin der Familie will Liz Mohn dafür Sorge tragen, daß das Unternehmen seine menschliche Haltung bewahrt", schreibt Bertelsmann auf einer seiner Internet-Seiten. In der jüngeren Historie des 170 Jahre alten Unternehmens wurde schon einmal deutlich, daß die Mohns mit dem vermeintlich kalten Kapitalmarkt möglichst wenig zu tun haben wollen: Vorstandschef Thomas Middelhoff mußte 2002 vor allem deshalb gehen, weil er Bertelsmann zu vehement in Richtung Börse drücken wollte.

Middelhoffs Nachfolger Gunter Thielen, ein Vertrauter von Liz Mohn, prüft nun, wie ein Börsengang verhindert werden könnte, ohne daß das Unternehmen Gefahr läuft, finanziell auszubluten. Die Option, das GBL-Paket zurückzukaufen, ist sehr teuer. GBL-Gesellschafter Albert Frere schwebt offenbar ein Preis von 5 Milliarden Euro vor. In Bertelsmann-Kreisen hält man eher 4 Milliarden Euro für eine realistische Größenordnung. Die Investmentbank Goldmann Sachs schätzt den Gesamtwert von Bertelsmann (einschließlich Nettoverschuldung) auf 14,7 Milliarden Euro. Demnach wäre der Anteil von 25 Prozent der GBL knapp 3,7 Milliarden Euro wert. Diese Schätzung datiert vom Dezember 2005. Wenn der Aufwind an den Börsen und die Fusionswelle anhalten, steigen auch die Referenzwerte für das Bewertungsgutachten, das Bertelsmann in Auftrag geben wird. Dann wäre eine deutlich höhere Summe zu schultern.

Vorhandene Mittel reichen nicht aus

Gleichgültig, um welchen Betrag es sich am Ende handelt: Die vorhandenen Mittel reichen nicht aus. Um einen kompletten Rückkauf zu finanzieren, müßte Bertelsmann Teile des Unternehmens verkaufen. Daß so etwas grundsätzlich denkbar ist, hatte der frühere Finanzvorstand Siegfried Luther im Dezember erklärt: "Bertelsmann ist sehr diversifiziert. Nirgendwo steht geschrieben, daß wir unbedingt sechs Geschäftsbereiche haben müssen. Wenn wir auf der einen Seite einen großen Schritt machen wollen, könnten wir uns auf der anderen Seite von etwas trennen, um die Finanzierung sicherzustellen", sagte Luther im Gespräch mit dieser Zeitung.

Als heißester Verkaufskandidat gilt die Musiksparte: Bertelsmann besitzt 50 Prozent von Sony BMG und ist über die BMG Publishing noch im Musikverlagsgeschäft aktiv. In dem schwer zu steuernden Gemeinschaftsunternehmen mit Sony gab es zuletzt viele Pannen und große Reibereien in der Führung, was Bertelsmann den Abschied erleichtern dürfte. Goldman Sachs schätzt den Wert des Musikgeschäfts auf 1,6 Milliarden Euro; in Konzernkreisen taxiert man den Wert auf deutlich mehr als 2 Milliarden Euro. Allerdings wäre Sony im Ernstfall in guter Verhandlungsposition, weil die Japaner den Ausstieg ihres deutschen Partners als eine Art Notverkauf werten könnten. Das drückt den Preis.

Am einfachsten: Teile von RTL verkaufen

Am einfachsten und lukrativsten wäre es für Bertelsmann, sich von einem Teil der RTL Group zu trennen. Momentan besitzt Bertelsmann gut 90 Prozent von Europas größtem Fernsehkonzern. Gemessen am RTL-Börsenwert von gut 12 Milliarden Euro, könnte Bertelsmann mit dem Verkauf eines 30-Prozent-Pakets rund 3,6 Milliarden Euro erlösen. Aber erstens ist die Börsenbewertung angesichts des schmalen Streubesitzanteils nur bedingt aussagekräftig. Und zweitens würde ein solcher Schritt der Bertelsmann-Führungsphilosophie, am liebsten 100 Prozent zu kontrollieren, zuwiderlaufen und die satten Gewinnanteile aus Luxemburg deutlich reduzieren. Andererseits ließen sich die verkauften Aktien relativ problemlos an der Börse wieder einsammeln.

Alle übrigen (nicht börsennotierten) Geschäftsfelder - der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, der Buchverlag Random House, der Mediendienstleister Arvato und die Buchclubs (Direct Group) - zählen zum traditionellen Kerngeschäft des Konzerns und dürften daher eher nicht zur Disposition stehen. Nicht auszuschließen ist allerdings, daß sich Bertelsmann von Einzelteilen innerhalb der Hauptgeschäftsfelder trennt. Dabei könnte die Boston Consulting Group eine wichtige Entscheidungshilfe geben: Im Auftrag des Vorstands untersuchen die Unternehmensberater derzeit ausgewählte Geschäfte auf ihre Zukunftsfähigkeit.

Schwierig und sehr schmerzhaft

Doch egal, wie die Ergebnisse aussehen: Es könnte schwierig und sehr schmerzhaft werden, genug Geld für den Rückkauf zu mobilisieren. Daher denkt man in Gütersloh noch über andere Alternativen nach. Eine lautet, das GBL-Paket zunächst von befreundeten Adressen übernehmen zu lassen. Als "Platzhalter" könnten zum Beispiel Banken fungieren, die sich verpflichten, die Anteile in den Folgejahren sukzessive an die Bertelsmann Stiftung zu verkaufen. Dies hätte auch den Vorteil, daß man bei Verhandlungen über den Verkauf von Unternehmensteilen nicht unter Zeitdruck stünde.

Denkbar ist aber auch, daß Bertelsmann tatsächlich Anfang 2007 an die Börse geht - und schon bald danach den Rückwärtsgang einlegt. Wie andere Unternehmen auch, könnte Bertelsmann schrittweise bis zu 10 Prozent eigene Aktien erwerben. Parallel dazu könnte die Familie Mohn sukzessive weitere Anteile einsammeln lassen. Wirtschaftlich sinnvoll wäre all dies zwar nicht. Aber bei Bertelsmann ticken die Uhren eben anders. "Die Hauptversammlung bin ich", soll Reinhard Mohn einmal gesagt haben. An diesem Selbstverständnis hat sich bis heute wenig geändert.

Quelle: F.A.Z., 21.03.2006, Nr. 68 / Seite 20
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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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