29.07.2002 · Thomas Middelhoff wollte zu schnell zu viel bei Bertelsmann. Das kostete ihn seinen Job. Aber was wird nun aus Europas zweitgrößtem Medienkonzern?
Von Jens MeyerAus seinen Plänen für Bertelsmann hatte der wenig öffentlichkeitsscheue Thomas Middelhoff nie einen Hehl gemacht. Er war angetreten, um aus der verschlafenen Buchklubkette einen weltweiten Medienkonzern zu machen. In der festen Überzeugung, dass dies nur mit einem Standbein in den USA möglich ist, ging Middelhoff auf eine Einkaufstour, bei der er in den vergangenen vier Jahren über 5,5 Milliarden Dollar ausgab.
In seine Ära fällt der Kauf des Verlags Random House ebenso wie die Übernahme von Napster oder des weltweit größten unabhängigen Musiklabels, Zomba Records. Geld stand dem Konzern zunächst in Fülle zur Verfügung. So hatte Middelhoff rechtzeitig den Anteil von Bertelsmann an AOL Europe verkauft, was dem Konzern fast sieben Milliarden Euro in die Kasse spülte. Um künftige Übernahmen zu finanzieren, aber auch um den Umbau des Konzerns zu forcieren, strebte Middelhoff mittelfristig einen Börsengang von Bertelsmann an.
Widerstand gegen Börsengang
Ein Going Public des Konzerns sorgte zwar für einige Begeisterung an den Finanzmärkten, in Gütersloh konnte man sich jedoch nicht so richtig für die Idee erwärmen. Firmenpatriarch Reinhard Mohn soll sich lange gegen die Idee ausgesprochen haben, es war Middelhoff, der ihn letztlich überzeugte. Doch die Börsenkrise der vergangenen Monate dürfte Wasser auf den Mühlen der Gegner des Plans gewesen sein. Zwar heißt es bei Bertelsmann, noch werde am Börsengang festgehalten, doch überzeugend klingt das nicht.
Letztlich dürfte die Geschwindigkeit, mit der Middelhoff Bertelsmann umzukrempeln versuchte, den traditionsreichen Konzern überfordert haben. Längst nicht alle waren einverstanden, das ursprüngliche Buch- und Verlagsgeschäft zugunsten der elektronischen Medien in den Hintergrund zu rücken. Anfangs hielten sich die Skeptiker aufgrund der Erfolge Middelhoffs zurück, sein rechtzeitiger Ein- und Ausstieg bei AOL Europe wurde von den Medien als genialer Coup eines Internet-Visionärs gefeiert.
Immer mehr Flops
Doch wie bei anderen Unternehmen der Branche blieben die Erfolgserlebnisse zum Schluss aus. Zombas Zenit dürfte ebenso wie jener seines Top-Acts Britney Spears allmählich überschritten sein. Die dank einer vor Jahren ausgehandelten Verkaufsoption vertraglich festgelegten drei Milliarden Dollar, die Bertelsmann für das Label bezahlen musste, schmerzten selbst die finanziell gesunden Gütersloher.
Auch bei der Musiktochter BMG lief für Middelhoff nicht alles nach Plan. Sein ehrgeiziges Vorhaben, BMG durch eine Fusion mit EMI zum Branchenführer zu machen, scheiterte am Einspruch der Brüsseler Kartellbehörden. Im Online-Geschäft wurde viel gekauft oder neu gegründet, doch eine einheitliche Strategie ließ sich nur schwer ausmachen. Im vergangenen Jahr trat der verantwortlich Andreas Schmidt überraschend zurück. Zu den Patzern der jüngsten Zeit zählte, dass eine Anleihe über eine Milliarde Euro nicht platziert werden konnte. Darüber hinaus sorgte Middelhoffs nebenbei in einem Interview angekündigter Plan, den Fachverlag Bertelsmann Springer zu verkaufen, nicht nur in der Belegschaft für Irritationen.
Ärger mit dem Aufsichtsrat
In den letzten Wochen sei es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem einflussreichen Aufsichtsratschef Günter Schulte-Hillen und Middelhoff gekommen sein, erfuhr FAZ.NET aus Kreisen des Unternehmens. Schulte-Hillen sei immer weniger mit Middelhoffs strategischer Ausrichtung einverstanden gewesen. Auch die Entwicklung der Zahlen im operativen Geschäft sei mehrfach thematisiert worden, da diese auch bei Bertelsmann unter der aktuellen Flaute gelitten hätten. Zwar sei der Vertrag von Middelhoff erst kürzlich um fünf Jahre verlängert worden, doch habe man sich auch hier über einige Details noch nicht geeinigt.
Nun soll Gunter Thielen nach den temporeichen Jahren unter Middelhoff wieder für Ruhe im Konzern sorgen. Thielen gehört seit 17 Jahren zu Bertelsmann und führte zuletzt das traditionsreiche Druckereigeschäft. Daneben ist er Chef der Bertelsmann-Stiftung und steht der Eigentümer-Hauptversammlung vor. Er gilt neben Schulte-Hillen und Liz Mohn, der Frau des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn, als einer der wichtigsten Kritiker Middelhoffs. Alle drei haben es offenbar geschafft, Reinhard Mohn zu überzeugen, sein Ziehkind fallen zu lassen.
Noch nicht klar ist hingegen, wohin Thielen Europas zweitgrößten Medienkonzern (nach Vivendi Universal) steuern will. Mit dem Abgang Middelhoffs dürfte der Expansionsdrang von Bertelsmann vorerst auf Eis gelegt sein. Zwar wird man das Rad der Geschichte kaum zurückdrehen können und Bertelsmann ein internationaler Konzern bleiben, doch der Geist der Vorstandsetage dürfte künftig weniger New York und mehr Gütersloh ausstrahlen.
Traditionalisten setzen sich durch
So erinnert die Umwälzung bei Bertelsmann sehr an die Vorgänge bei AOL Time Warner, wo sich die „Traditionalisten“ von Time Warner in den vergangenen Monaten gegen die „Revolutionäre“ von AOL durchsetzten und mittlerweile im Vorstand weitgehend das Sagen haben. Auch hier war bei den wichtigsten Anteilseignern verstärkt Zweifel aufgekommen über eine Strategie, die auf eine zunehmende Verschmelzung der Medien unter einem Konzerndach setzte.
Parallelen gibt es aber auch zum französischen Konzern Vivendi Universal, wo ein noch viel charismatischer Chef namens Jean-Marie Messier mit seinen hochtrabenden Plänen, aus dem einstigen Wasserversorger einen Global Player zu machen, grandios scheiterte und erst vor einigen Wochen wiederum auf Druck der wichtigsten Anteilseigner geschasst wurde. Einen wichtigen Unterschied zu den beiden Unternehmen gibt es jedoch: Im Gegensatz zu AOL Time Warner und erst recht Vivendi Universal ächzt Bertelsmann nicht unter der Last eines riesigen Schuldenbergs.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
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| Dow Jones | 12.588,00 | +1,07% |
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| Rohöl Brent Crude | 107,41 $ | +0,14% |
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