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Berliner Modewoche Tillmann & Tillmann

Der gleiche Name war Zufall, die Modemesse Premium gut kalkuliert. Die beiden Tillmanns waren von Anfang an mit dabei, als Berlin auf der Landkarte der internationalen Mode erschien.

© Lüdecke, Matthias Vergrößern Anita und Norbert Tillmann In der Halle ihres Erfolges, in der früher Güterzüge abfuhren und Post abgefertigt wurde.

Am Anfang standen ein kalter Tunnel, eine kleine Bühne und die Idee, mal eine ganz große Modenschau zu machen. Zehn Jahre später sitzen Anita und Norbert Tillmann in ihrer weißgetünchten umgebauten Eisenbahnhalle in der alten Mitte von Berlin. Sie gehen die Details noch mal durch: Aussteller, Standflächen, Einnahmen und Ausgaben, die zu erwartenden Umsätze, Gewinne und Besucher.

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Sie können es drehen und wenden, wie sie wollen: Ihr Laden ist voll. Das Haus ist ausgebucht, nichts geht mehr rein, die Wartelisten sind lang. Deutschlands 30 Milliarden Euro teure Textil- und Bekleidungsbranche steht Schlange. Berlins Premium-Modemesse ist ein Renner. Wenn in Deutschlands Hauptstadt dieser Tage nicht viel läuft, die Premium geht immer. Die Firma dahinter erlöst knapp 20 Millionen Euro im Jahr, die Buchhalter schreiben schwarze Zahlen. Die Tillmanns stehen unter Dampf.

Berlin, Gleisdreieck, Halle sieben: Wo früher sechs Gleise lagen und die Post in den vermauerten Osten der Stadt abging, wird heute auf Mode gemacht. Fein, edel und gut. Dafür haben die Tillmanns an- und umgebaut, haben einen zweistelligen Millionen-Eurobetrag investiert, ihre Ausstellungsfläche maximiert und die Fläche der einzelnen Stände minimiert. Doch die Nachfrage übersteigt das Angebot. „Wir haben ein Problem“, sagt Anita Tillmann und lacht. Sie hat mit ihrem Geschäftspartner Norbert Tillmann schon größere Schwierigkeiten gemeistert.

Die Brache wurde innerhalb einer Dekade umgestülpt

Mit 70 Kollektionen ging es vor zehn Jahren los, heute treten auf ihrer Messe mehr als zwanzigmal so viele Aussteller auf. Nicht verschwistert, verschwägert oder verheiratet, kam das Power-Fashion-Duo aus dem Nichts. Der gleiche Name war Zufall, der Erfolg hart erarbeitet. Sie stammen beide aus Düsseldorf, waren beide verrückt genug, ihren Träumen Taten folgen zu lassen, gingen beide vom Rhein an die Spree und machten ihr Glück. Jeder auf seine Weise und beide gemeinsam, mit viel Eigen- und etwas Fremdkapital. Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In Berlin wurden die Karten neu gemischt. Während die Stadt nach sich selbst suchte, fanden die Tillmanns ihren Weg. Die Mode-Messe gehört heute zu einem kleinen Veranstaltungsimperium. Zweihundert Events im Jahr, davon 50 bis 60 große. Die „Premium“ gilt als Zugpferd. Ein Name wie ein Gütesiegel in schwer bewegten Zeiten.

Modehäuser wie Inditex oder H&M haben die Branche binnen einer Dekade völlig umgestülpt. Kleine Marken mussten sich neu erfinden. Die Tillmanns boten ihnen in Berlin eine Plattform. Das lässt sie beide heute ganz oben stehen. Er, der gelernte Installateur, der sich nach der Lehre seine Sporen im italienischen Jeanshaus Diesel verdiente. Sie, die ihre Diplomarbeit über das Management von Supermärkten schrieb, für Joop und Pixelpark arbeitete und mit Begriffen wie Vertikalisierung oder Mittelzufluss umgehen kann. Berlin war eine Messe wert.

Sie präsentieren die Trends der kommenden Saisons

Die Tillmanns riskierten alles, als sie vor genau zehn Jahren ihre erste kleine Modemesse im leerstehenden Tunnel der Berliner U-Bahn-Linie 3 unter dem Potsdamer Platz organisierten. Es war Winter, es war kalt, und es war teuer. Für die Wochenmiete hätten sie sich einen Mittelklassewagen kaufen können; für die Heizkosten einen Sportwagen. Das Vorhaben galt als verrückt, doch gut kalkuliert. Damen, Denim, Schuhe, Jeans. Am Ende des Tunnels war Licht. Die Tillmanns steckten die Gewinne ins eigene Geschäft, bauten aus, verdoppelten bei den kommenden Shows Aussteller- und Besucherzahlen, kauften für einen Millionenbetrag den leerstehenden Großbahnhof in Kreuzberg und investierten in Steine und Glas. Das war im Jahr 2007.

Der amerikanische Messeveranstalter IMG hatte in Berlin gerade seine erste Fashion Week veranstaltet, Mercedes als Sponsor und Namensgeber gewonnen und die Stadt auf die Landkarte der internationalen Modeszene gesetzt. Um diese Ankerveranstaltung legte sich ein Kranz von Messen, die Prêt-à-porter-Show der Premium, die Jeans-Messe Bread & Butter von Karl-Heinz Müller, die Streetwear-Messe Bright, die Panorama. Die Tillmanns waren von Beginn an mit dabei. In ihren hundert Jahre alten Hallen am Berliner Gleisdreieck wird über die kommenden Tage wieder der ganze modische Chic von Morgen gezeigt sein: Seide, Cotton oder Leinen, Jacken und Hosen, Kleider, Blusen; große Namen und kleine Labels. Ein ausgedienter Eisenbahnknotenpunkt wurde zu Deutschlands größtem Fashionhaus: Catwalks statt Gleise, Models statt Schaffner, Menschenmassen heute wie damals.

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Wo zu Zeiten Kaiser Wilhelms Güterzüge ein- und ausfuhren, wo nach dem Bau der Mauer die Westpakete für den darbenden Osten abgefertigt wurden, wo die Untergrundbahn nebenan nach wie vor zehn Meter hoch über der Erde fährt, werden in den kommenden Tagen Hunderte Aussteller Gekonntes und Gewagtes, Modernes und Avantgardistisches, Feines und Robustes zeigen. Es wird die Stadt ins Fashionfieber schicken und sie für Tage zur jüngsten Modemetropole Europas machen. Bei den Tillmanns holen sich die Boutiquen im Land ein Gespür für die Trends der kommenden Saisons; hier bestellen die Modehäuser kleine feine Teile; hier finden Schneider und Designer jenseits von Paris, Mailand und New York eine Plattform. Modeschauen auf den Bühnen, Verhandlungen in den Hinterzimmern, virtuelle Orderplattform, Besucher aus der ganzen Welt - heute ein Millionengeschäft. Stressig ist es nach wie vor, die letzten Tage wie jedes Mal ohne Schlaf. Lampenfieber wie bei einem Bühnenauftritt. Hektik, Chaos, Panik, Aufregung. Am Ende ist noch immer alles gutgegangen am Berliner Gleisdreieck, dem Knotenpunkt der deutschen Modeszene.

Quelle: F.A.Z.

 
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