22.08.2006 · Eine Übernahmewelle hält die Minengesellschaften in Atem - und läßt die Aktionäre profitieren. Einem neuen Gerücht zufolge haben Konkurrenten ein Auge auf Anglo American geworfen. 80 Milliarden Pfund wollen sie angeblich ausgeben.
Von Bettina SchulzEine Welle von Übernahmen hält derzeit die Minengesellschaften in Atem - und läßt die Aktionäre von dem Kursanstieg der Aktien profitieren. So überrascht es nicht, daß am Wochenende ein neues Übernahmegerücht die Runde machte: die britische Zeitung „Observer“ wollte wissen, daß die schweizerisch-britische Minengesellschaft Xstrata gemeinsam mit der britischen Rio Tinto und der brasilianischen CVRD (Companhia Vale do Rio Doce) den Kauf des Minenkonzerns Anglo American planten.
Für einen deftigen Preisaufschlag, der den Minenkonzern auf 80 Milliarden Pfund bewerte, wollten die Konkurrenten Anglo American übernehmen und anschließend zerschlagen und untereinander aufteilen. Schon seien die ersten Finanzberater für die Großtransaktion angeheuert worden, hieß es. Wie erwartet, schnellte der Aktienkurs von Anglo American zunächst um mehr als 2 Prozent in die Höhe. Es dauerte allerdings nur kurze Zeit, und schon wurde das Gerücht aus Kreisen von Xstrata dementiert.
Nachfrageüberhänge treiben Preise
Aber die Spekulationen kommen nicht von ungefähr. Jahrzehnte haben die Bergbaugesellschaften angesichts niedriger Rohstoffpreise nicht genug in die Erschließung neuer Minen und Exploration neuer Rohstoffvorkommen investiert. Als plötzlich die Nachfrage nach Rohstoffen, vor allem nach Basismetallen, aus den prosperierenden asiatischen Ländern stieg, trieb der Nachfrageüberhang viele Rohstoffpreise auf Rekordhöhe. Anfang Mai war es der Preis für Kupfer, der wegen erheblicher Lieferengpässe auf ein Hoch von 8800 Dollar die Tonne kletterte.
Dies war neben den hohen Energiepreisen ein weiterer Auslöser für Inflationsängste an den Finanzmärkten und Grund für die anschließend scharfe Korrektur an den internationalen Aktien- und Devisenmärkten im Mai. In diesen Tagen ist es der Preis für Nickel, der auf Rekordhöhen steigt. Derzeit bestehen so umfangreiche Lieferengpässe, daß die London Metal Exchange (LME) Mitte vergangener Woche am Markt intervenierte, um einen geordneten Handel zu gewährleisten. Schon spekulieren Marktteilnehmer, daß ein ähnlicher Nachfrageüberhang auf Dauer bei Zink zu erwarten ist.
Arbeiter wollen mehr Geld
Die angespannte Situation an den Rohstoffmärkten spornt die Gewerkschaften in den Produktionsländern überdies an, für höhere Löhne ihrer Bergbauarbeiter zu streiken. Folgende Minenschließungen wie bei der Escondida-Kupfermine und Produktionsengpässe treiben die Preise für die Rohstoffe nur noch weiter in die Höhe.
Die Bergbaugesellschaften profitieren indessen von der Preisexplosion. In diesen Tagen legen Bergbaugesellschaften wie BHP Billiton Rekorderträge vor. Die Aktienkurse der Minengesellschaften schießen in die Höhe. Zusammen mit den niedrigen Renditen an den Anleihemärkten sind dies phantastische Voraussetzungen für Vorstände, Übernahmen einzufädeln. Die Konsolidierung in der Branche wird genutzt, um die Exploration der einzelnen Gesellschaften auszuweiten und die Kosten durch Synergieeffekte zu senken. Andere Gesellschaften wiederum bemühen sich, umzustrukturieren und in den lukrativen Markt der Basismetalle einzusteigen.
Diamanten zählen zum Kerngeschäft
Anglo American wird in dieser Konsolidierung seit längerer Zeit als Übernahmekandidat gehandelt. Der Konzern hatte im Oktober 2005 ein umfassendes Restrukturierungsprogramm verkündet, zog sich aus dem Goldminenkonzern Anglogold Ashanti weitgehend zurück, verkündete die Abspaltung des Papier- und Verpackungsgeschäftes Mondi, den Verkauf der Mehrheitsbeteiligung an dem Stahlhersteller Highveld Steel & Vanadium und gab bekannt, sich künftig auf die Kerngeschäfte der Exploration von Basismetallen, Platin (Anglo Platinum), Diamanten (De Beers), Kohle und Eisenerz konzentrieren zu wollen.
Diese Strategie lohnt sich. Allein im ersten Halbjahr schnellte der Ertrag aus der Exploration von Basismetallen bei Anglo American von 721 auf 1854 Millionen Dollar empor. Aber das Unternehmen befindet sich noch mitten in der Umstrukturierung und kämpft mit steigenden Kosten. Der Markt vermutet daher, daß der Konzern in dem Machtvakuum ein Übernahmeziel werden könnte, wenn Anglo's Chief Executive, Tony Trahar, nächstes Jahr nach gelungener Restrukturierung aufhören wird.
Sonderdividende und Aktienrückkauf
Daß der Konzern zum Spielball von Übernahmephantasien geworden ist, hat Tahar selbst erkannt. Nicht von ungefähr überraschte er die Aktionäre bei Vorlage des Halbjahresergebnisses mit einer Sonderdividende und einem deftigen Programm zum Aktienrückkauf. „Vielleicht schon eine Art Verteidigung angesichts der Gerüchte, daß Rio Tinto und Xstrata Anglo American übernehmen könnten?“, fragten Analysten der südafrikanischen Investmentgesellschaft Investec bereits Anfang August.
Ganz unbegründet ist der Verdacht einer Übernahme unter Einbindung von Xstrata nicht. Dessen Chef Mick Davis hat - seit er den Minenkonzern BHP Billiton als Finanzchef verlassen hat - ein gewaltiges Übernahmeprogramm bei Xstrata durchgezogen. Innerhalb weniger Jahre baute er Xstrata zum fünftgrößten Minenkonzern der Welt auf, indem er 2002 von Glencore die Kohleminen aufkaufte, im Jahr 2003 die australische Minengesellschaft MIM übernahm, dieses Jahr die peruanische Kupfermine Tintaya aufkaufte und den Markt mit dem erfolgreichen Übernahmekampf um die kanadische Kupfer- und Nickelgesellschaft Falconbridge überraschte. Dabei setzte er sich gar gegen einen freundlichen Übernahmeversuch von Falconbridge durch die kanadische Inco Ltd. und die amerikanische Phelps Dodge durch.
Ehrgeiziger Xstrata-Chef
Und der Ehrgeiz von Davis ist noch nicht gestillt. Erst vor wenigen Tagen betonte Davis, die Übernahme von Falconbridge halte ihn nicht davon ab, auch andere interessante Transaktionen weiterzuverfolgen, zumal sich die Aktie von Xstrata am britischen Markt gut als Bezahlung im Rahmen einer Übernahme eignen werde. Auf die Frage allerdings, ob er damit auf Anglo American abziele, gab Davis keine Antwort.
Wie sehr die Übernahmen im Bergbaugeschäft einander jagen, zeigt das Beispiel Inco. Während der Konzern jüngst mit Phelps eine Übernahme von Falconbridge vereinbart hatte, sieht sich Inco nun selbst mit Übernahmeofferten von Phelps und der brasilianischen CVRD konfrontiert. Ein weiterer Konkurrent, die kanadische Teck Cominco, hat seine Offerte bereits zurückgezogen. Das Übernahmespiel bei den Bergbaugesellschaften ist also noch lange nicht ausgespielt.
Sollen Kinderlose einen "Solidarzuschlag" zahlen?
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