http://www.faz.net/-gqe-91vtj

Politik für und gegen Frauen : Wo sich die Parteien noch richtig streiten

Beim „Women’s March“ protestierten im Januar Tausende für Frauenrechte, wie hier in Frankfurt. Bild: Maximilian von Lachner

Von Ignoranz über Genderbashing bis hin zu „Ehe abschaffen“: So unterschiedliche Ziele wie in der Frauenpolitik verfolgen die Parteien bei keinem anderen Themenkomplex. Ein Überblick.

          Die Parteien seien sich zu ähnlich, heißt es oft, es sei im Grunde egal, wen man wähle. In manchen Politikfeldern mag das stimmen, die Orientierung am Medienwähler tut sein Übriges. Doch nicht so bei einem Thema, das immerhin (mindestens) 50 Prozent der Bevölkerung direkt angeht: Vergleicht man, was Parteien nach der Bundestagswahl für Frauen und ihre vollständige Gleichstellung zu Männern in der Gesellschaft tun wollen, zeigen sich erhebliche Unterschiede. Sie reichen von Ignoranz über moderate Vorschläge bis hin zu kämpferischem Feminismus.

          Hanna Decker

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Am erstaunlichsten ist wohl das Programm der Union. Auch wenn sich Angela Merkel auf Nachfrage hin zögerlich selbst als Feministin bezeichnet, tauchen explizite Frauenthemen auf den 76 Seiten quasi kaum auf. Das neue Entgelttransparenzgesetz möchte sie „überprüfen“ und „ggf. (...) weitere Schritte unternehmen“. Tatendrang sieht anders aus. Einzig verspricht sie, bis 2025 im öffentlichen Dienst gleich viele Männer wie Frauen in Führungspositionen. CDU/CSU setzen also auf die Ignorier-Taktik. Aber was soll sich auch ändern in einem Land, in dem Frauen ja sowieso „gut und gerne leben“.

          Offensive statt Ignoranz

          Noch einen drauf setzt die AfD. Statt Ignoranz geht sie in die Offensive: In gewohnt polemischem Ton poltert sie gegen die angebliche „Gender-Ideologie“, die „sowohl den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Biologie und der Entwicklungspsychologie als auch der lebenspraktischen Alltagserfahrung vieler Generationen“ widerspreche. Deshalb lehne sie „Instrumente wie Gender-Studies, Quotenregelungen z.B. für Frauen, Propagandaaktionen wie den „Equal Pay Day“ oder die „geschlechterneutrale Sprache“ ab. Stattdessen will sich die „einzige echte Schutzmacht für Schwule und Lesben in Deutschland“ (Weidel) lieber für die Rechte von Vätern stark machen. Die Meldepflicht für Abtreibungen soll ausgeweitet, Gender-Forschung und Gleichstellungsbeauftragte abgeschafft werden, ein Burka-Verbot kommen und das Ehegattensplitting durch ein „sozial gerechtes Familiensplitting“ ergänzt werden. Wie das genau aussehen soll, führt sie nicht weiter aus.

          Am ähnlichsten sind sich in diesem Thema noch die SPD und die Grünen – wohl auch, weil die Problemwahrnehmung eine ähnliche ist. Um nur ein paar zu nennen: Frauen bleiben nach der Geburt eines Kindes öfter zu Hause, arbeiten häufiger in den meist schlechter bezahlten sozialen Berufen, sind häufiger atypisch beschäftigt, gelangen seltener in die Aufsichtsräte und Vorstände großer Unternehmen und werden immer noch schlechter bezahlt als Männer.

          Zwölf Jahre Kanzlerin : Die Merkeljahre

          „Zeit für mehr Gerechtigkeit“, verspricht die SPD und führt in ihrem 116-seitigen Regierungsprogramm aus, wie sie das umsetzen will. Unter „gerecht“ versteht die SPD zum Beispiel eine „partnerschaftliche Aufteilung“ von Erwerbsarbeit und Kindererziehung. Die ist im Moment zumindest sehr ungleich verteilt: Mütter schöpfen die maximale Bezugsdauer durchschnittlich voll aus (11,8 Monate), während Väter sich im Schnitt nur 4,1 Monate um die Kinder kümmern. Und das häufig aus ökonomischen Zwängen heraus.

          Mit ihrem „Familiengeld“ will die SPD Paare ermutigen, sich Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung gleichmäßig aufzuteilen. Denn die 150 Euro pro Person gibt es nur, wenn beide ihre Arbeitszeit reduzieren. Und dann immerhin bis zu 24 Monate. Auch die Grünen wollen das Elterngeld auf 24 Monate verlängern und nennen das dann „Kinderzeit Plus“.

          Weitere Themen

          Milliardär Babiš gewinnt Parlamentswahl Video-Seite öffnen

          Rechtsruck in Tschechien : Milliardär Babiš gewinnt Parlamentswahl

          In Tschechien hat die populistische Partei ANO des Milliardärs Andrej Babiš die Parlamentswahl mit großem Abstand gewonnen. Die Regierungsbildung dürfte schwierig werden, denn Sozial- und Christdemokraten haben angekündigt, nicht mit ihm koalieren zu wollen. Babiš steht unter anderem für die Abriegelung der Grenzen, um Flüchtlinge fern zu halten.

          Nahles: Viel Sexismus in der deutschen Politik

          SPD-Fraktionschefin : Nahles: Viel Sexismus in der deutschen Politik

          Sexismus in der deutschen Politik? Überall, immer wieder, sagt Andrea Nahles und beschreibt typische Situationen. Zumindest in der SPD will die neue Fraktionschefin das nun ändern. Frauen sollten Männer mit ihren eigenen Waffen schlagen.

          Topmeldungen

          Streit um Herbizid : Glyphosat, angezählt

          Ein brisantes Thema der vergangenen Jahre könnte in der kommenden Woche ein Ende finden. In Brüssel stimmen die Staaten über die weitere Zulassung für das Herbizid ab. Bleibt Deutschland Enthaltungsweltmeister? Die Befürworter von Glyphosat in der EU werden weniger.
          Die amerikanische Schriftstellerin Emma Cline wurde im vergangenen Jahr für ihren Roman „The Girls“ sehr gefeiert.

          Weinstein und die Folgen : Man sagte mir, keiner würde mir glauben

          Warum schweigen Frauen, wenn sie sexuell belästigt wurden? Sie täten es nicht, wenn sie daran glauben würden, dass es einen anderen Weg gäbe, den Launen der Männer ohne Beschädigung zu entgehen. Ein Gastbeitrag.
          Christine Hohmann-Dennhardt, ehemals Daimler und VW.

          Absprachen-Verdacht : Die doppelte Kronzeugin im Autokartell

          Hinter den Selbstanzeigen von Daimler und VW steckt offenbar ein und dieselbe Person: Christine Hohmann-Dennhardt war an beiden Tatorten. Der Gelackmeierte im Spiel ist BMW.
          Im Alter jeden Cent umdrehen zu müssen - das befürchten viele Arbeitnehmer.

          Sinkendes Rentenniveau : Vorsorgen kann jeder

          Mit der gesetzlichen Rente kommen Pensionäre nicht mehr weit. Jeder zweite Single in Deutschland sorgt sich, seinen Lebensstandard im Alter nicht halten zu können. Dabei ist das gar nicht so schwer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.