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Streit um Befristung : Postboten dürfen nur unterdurchschnittlich oft krank sein

Postbote allein auf weiter Flur: Besser nicht zu oft krank werden, heißt es bei der Deutschen Post. Bild: dpa

Die Post verlangt von ihren Angestellten, für einen unbefristeten Vertrag nur zehn Tage im Jahr krank zu sein. Ist das fair?

          Wer bei der Deutschen Post befristet angestellt ist, muss gewisse Kriterien erfüllen, um einen unbefristeten Vertrag zu erhalten. So wird internen Richtlinien zufolge keinem Mitarbeiter ein unbefristeter Vertrag angeboten, der in zwei Jahren mehr als 20 Tage krank war – wenngleich diese Richtlinien nicht restriktiv ausgelegt werden, sondern immer mit Blick auf den Einzelfall, wie ein Unternehmenssprecher gegenüber FAZ.NET betonte.

          Bastian Benrath

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ist das in Ordnung? Das Unternehmen jedenfalls hält es für normal: Die Kriterien seien „ausgewogen, nachvollziehbar und an objektiven Merkmalen orientiert“ – und im rechtlichen Rahmen bewege man sich sowieso. Aber ist es auch moralisch in Ordnung, Mitarbeitern, die häufiger krank werden, die Sicherheit einer unbefristeten Anstellung vorzuenthalten?

          Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) findet, nein: Ein Sprecher seines Ministeriums bezeichnete die Praxis am Montag als „nicht hinnehmbar“ – vor allem mit Blick darauf, dass die Post immer noch teilweise dem Staat gehört. „Diejenigen, die für uns im Aufsichtsrat sitzen, haben sich schon vorgenommen, (...) darauf zu reagieren“, sagte Scholz selbst am Sonntagabend in der Talkshow „Anne Will“.

          Wer unbefristet angestellt sein will, darf nur unterdurchschnittlich oft krank sein

          Es ist das gute Recht eines jeden Unternehmens, sich für eine unbefristete Anstellung die besten seiner Mitarbeiter herauszusuchen. Doch krank werden Menschen in der Regel unverschuldet – und sie für etwas zu bestrafen, wofür sie nichts können, ist moralisch nicht in Ordnung. Zur Klärung dieser Frage hilft ein Blick in die Statistik. Wie oft werden Menschen im Jahr durchschnittlich krank? Und wie steht diese Zahl im Verhältnis zu den Vorgaben der Post?

          Nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums häuften die gesetzlich versicherten Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2016 insgesamt mehr als 561 Millionen Fehltage an, an denen sie krankgeschrieben waren. Teilt man das durch knapp 38,5 Millionen arbeitende Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen (also ohne Rentner und mitversicherte Familienangehörige), kommt man auf gerundet 14,62 Arbeitstage, die ein gesetzlich Versicherter im Durchschnitt krankgeschrieben war.

          Die Zahl ist ein Durchschnittswert, wird also von Einzelnen, die lange krank geschrieben waren, nach oben verzerrt. Andererseits sind darin aber auch nur Fehltage einbezogen, die Beschäftigte krankgeschrieben waren – einzelne, an denen sie sich ohne Attest krankgemeldet haben, kommen hinzu.

          Die Post verlangt in zwei Jahren nicht mehr als 20 Krankheitstage – was maximal zehn Krankheitstagen im Jahr entspricht. Das heißt: Die Post verlangt von ihren Mitarbeitern, unterdurchschnittlich oft krank zu sein. Wohlgemerkt: Die Post wirft niemanden heraus, der diese Kriterien nicht einhält. Aber einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommt die- oder derjenige nicht.

          Die Argumente der Post werden noch ein wenig dünner, wenn man sich Statistiken für einzelne Krankenkassen oder Berufsgruppen anschaut, die allesamt über dem errechneten Durchschnitt liegen: Barmer-Versicherte in Sachsen waren im vergangenen Jahr durchschnittlich 19 Tage krank, Handwerker in Thüringen 21,4 Tage. Berliner Polizisten fehlten im Jahr 2016 sogar durchschnittlich 49 Kalendertage – was in etwa 35 Arbeitstagen entspricht.

          Ein Sprecher der Post verweist darauf, dass die Kriterien lediglich eine „Orientierung für unsere Niederlassungen“ seien. „Bei der Entscheidung über eine unbefristete Übernahme werden die jeweiligen Umstände des Einzelfalles berücksichtigt“, sagt er. „Wenn jemand sich ein Bein gebrochen hat und deshalb mehrere Nachbehandlungen hat, aber sonst ein Top-Mitarbeiter ist, warum sollten wir ihn dann nicht übernehmen?“

          Zudem sei die „Arbeitnehmerseite mit im Boot“ – die Betriebsräte hätten den grundlegenden Kriterienkatalog abgesegnet. Die Ein-Jahres-Verträge, die das Unternehmen seit Anfang diesen Jahres anbiete, würden „in der Regel schon nach sechs Monaten bereits entfristet“. Allein in diesem Jahr seien 2500 Postboten und Paketzusteller unbefristet angestellt worden. Dazu, wie oft die Zusteller im vergangenen Jahr durchschnittlich krank gewesen seien, lägen keine Daten vor.

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