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Gegen Milliardenschäden : Bauern scheuen Kosten einer Dürre-Versicherung

Ein Mähdrescher fährt über ein Getreidefeld in Niedersachsen. Bild: dpa

Die lange Trockenheit dieses Jahres wird Milliardenschäden verursachen. Doch die Absicherung dagegen ist nur sehr rudimentär. Warum ist das so?

          Die Hitze- und Dürrewelle in Deutschland hält inzwischen so lange an, dass selbst Sonnenanbeter nicht mehr wissen, was sie damit anfangen sollen. Für Landwirte dagegen sind die Folgen der seit Wochen konstant über 30 Grad liegenden Temperaturen zum Teil verheerend. Ernteeinbußen von bis zu 70 Prozent werden an einzelnen Standorten erwartet.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Viele Bauern wissen nicht, was sie an ihre Tiere verfüttern sollen, weil sie mit den Ernten kalkuliert haben. Sollten deshalb Biogasanlagen vorübergehend stillstehen? Kenner schätzen die Schäden für die Agrarbranche auf 2 Milliarden Euro.

          Angesichts solcher Summen stellt sich die Frage, warum die Versicherungswirtschaft nicht in stärkerem Ausmaß an Schäden beteiligt wird. Reflexhaft, aber unreflektiert äußern Kritiker, dass die Assekuranz gerade dann keinen Schutz bietet, wenn er am dringendsten gebraucht wird. Doch dieser Vorwurf lässt sich bei genauerer Betrachtung nicht halten. Als größtes Risiko für Bauern hat sich in der Vergangenheit Hagel herausgestellt.

          Besondere Schadensberechnung

          Mit einem Schadenereignis können die Erträge eines ganzen Jahres zerstört werden. 72 Prozent der deutschen Ackerfläche sind gegen Hagel versichert. Das entspricht einer Versicherungssumme von 20 Milliarden Euro. Doch durch den Klimawandel verschieben sich die Gefahren. Starkregen und Überschwemmungen werden relevanter – und auch Dürren. So ist die aktuelle Trockenheit nach der im Jahr 2003 schon die zweite von vergleichbarem Ausmaß in diesem Jahrhundert. Doch gegen solche Elementargefahren waren noch 2015 nach einer Erhebung des Branchenverbands GDV nur 0,5 Prozent der Flächen versichert.

          „Bei einer Hagelversicherung wird vorher der Wert definiert, der versichert ist“, erklärt eine Sprecherin der Münchener & Magdeburger Agrar die Zurückhaltung. Die Tochtergesellschaft der Allianz, seit diesem Jahr nur noch als Vermittler und nicht mehr als Risikoträger aktiv, ist einer der wenigen Anbieter von Dürreversicherungen, auch die Versicherungskammer Bayern und der Marktführer für Agrarversicherung, die Vereinigte Hagelversicherung aus Gießen, sind in diesem kleinen Nischenmarkt aktiv.

          Warum orientieren sich aber die Versicherer nicht wie bei einer Autoversicherung am tatsächlichen Schaden? Anders als bei Hagelschäden, die meist regional beschränkt auftreten und deshalb durch ausbleibende Schäden in verschont gebliebene Regionen abgefedert werden, fürchten die Versicherer „Kumulschäden“, weil eine Dürre den gesamten Versicherungsbestand gefährdet. Deshalb setzen sie auf parametrische Deckungen: Wenn ein vorher festgelegter, objektiv messbarer Wert (in diesem Fall) des Niederschlags unterschritten wird, löst das eine Schadenzahlung aus. Die Münchener & Magdeburger Agrar orientiert sich an Werten einer Wetterstation, die Vereinigte Hagelversicherung sah eine zu geringe Korrelation zwischen solchen Daten und den tatsächlichen Ernteausfällen. Sie orientiert sich deshalb an der Bodenqualität und den Erträgen in den Landkreisen, nach Angaben des Statistischem Bundesamts.

          Die Statistiken sind eindeutig

          Wie auch immer die Versicherer auch messen, für dieses schadenträchtige Jahr kommen sie glimpflich davon. Und im kommenden Jahr dürften die Prämien angesichts einer steigenden Nachfrage steigen. „Jeder Versicherer überlegt dann selbst, bei welcher Versicherungssumme er seine Bücher schließt“, sagt Thomas Gehrke, Vorstand der Vereinigten Hagelversicherung. 2017 habe sein Unternehmen viel Angebot im Markt plaziert, aber die Nachfrage sei überschaubar gewesen. „Auch nach der Dürre 2003 hatten wir zunächst im Vertrieb großes Interesse, aber die Abschlüsse waren nicht interessant“, sagt er. Die 500 Hektar Agrarfläche, die der Versicherer gegen Trockenheit gedeckt hat, vergleichen sich mit 5 Millionen Hektar, die gegen Hagel versichert sind. Das bedeutet für die deutschen Landwirte, laut seiner Schätzung, dass sie wohl mit Schäden von 2 Milliarden Euro rechnen müssen.

          Ein weiterer entscheidender Faktor ist der Staat. Nach den größeren Flutschäden der vergangenen Jahre haben sich die Landesregierungen auf die Losung verständigt, dass die Schatullen für Privathaushalte verschlossen bleiben. Wer also an gefährdeten Ufern gebaut hatte, ohne sich zu versichern, sollte nicht besser gestellt werden. Dieses Argument kann man auch auf die Lage der Landwirte anwenden. Allerdings sehen das mehr als 20 Staaten in der Europäischen Union anders, die Landwirten Zuschüsse zu Mehrgefahren-Versicherungen gewähren. Italien sichert seine Bauern mit etwa 1,6 Milliarden Euro gegen Wetterrisiken ab, Frankreich mit 600 Millionen. Deutschland, Irland, Großbritannien und einige andere überlassen dieses Risiko den Agrarunternehmen. Überdies hat der Fiskus mit einer Versicherungssteuer von 19 Prozent einen der höchsten Steuersätze in der EU festgesetzt.

          Die Statistiken, auf die Versicherer verweisen, sind eindeutig. Die Zahl der Tage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad steigt, Vegetationsbeginn ist immer früher. Seit Anfang dieses Jahrzehnts steigen die Ertragsausfälle. Würde ein Versicherer eine schadenbasierte, private Deckung anbieten, müsste er die Prämie auf etwa 4 bis 9 Prozent der Versicherungssumme kalkulieren. Rund ein Zehntel des Umsatzes nur für Dürreschutz ausgeben, dürfte wohl kaum ein Landwirt – auch wenn das Risiko ohne Zweifel steigt.

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