15.12.2005 · Die Gesetze zur Umsetzung der neuen Eigenkapitalrichtlinien für Kreditinstitute - Basel II - sollen im Februar 2006 im Kabinett beschlossen werden. Basel II galt dem Mittelstand lange als Schreckgespenst. In einer Umfrage begreifen viele Unternehmen die Neuerung mittlerweile als Chance.
Von Thomas Fornoff und Ulrich SiebertLange bevor die neuen Eigenkapitalrichtlinien für Kreditinstitute - Basel II - voraussichtlich Oktober 2006 in deutsches Recht gegossen werden und die Vereinigten Staaten dem Basel II-Akkord beitreten, scheint sich bereits ein Großteil der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) als Kreditnehmer auf Basel II eingestellt zu haben. Und das mit positivem Tenor.
Zwar berichteten zwei Drittel der befragten KMU von einem erschwerten Kreditzugang, doch die überwiegende Mehrheit sprach von Chancen, die mit Basel II verbunden seien. Nur zehn Prozent verneinten dies, wie aus einer von Intellisource GmbH erhobenen Pilotumfrage hervorgeht.
Basis der Umfrage ist eine Zufallsstichprobe aus rund 600 Mittelständlern. Ausführlich antworteten zwischen Oktober 2004 und Oktober 2005 Finanzchefs oder Geschäftsführer von 50 Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes mit Jahresumsätzen zwischen 10 Millionen und 50 Millionen Euro.
Zinsen durch Basel II grundsätzlich nicht gestiegen
Obwohl kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den Anforderungen von Basel II an die Banken und den Anforderungen an die Kreditnehmer besteht, haben die Kreditinstitute die erweiterten Kommunikationsanforderungen auf die KMU als Kreditnehmer ausgeweitet. Knapp 70 Prozent der Befragten haben die Basel II-Anforderungen in das Controlling und Berichtswesen implementiert. Damit scheint die von der Bundesregierung angestrebte mittelstandsgerechte Umsetzung von Basel II ab 2007 realistisch zu sein. Aber wird der Mittelstand auch von Basel II profitieren können?
Immerhin berichteten rund 21 Prozent der Studienteilnehmer im Vorfeld von Basel II über günstigere Kreditkonditionen. Bei rund 23 Prozent der Befragten kam es zu einer Verteuerung der Kredite. Von unveränderten Kreditkonditionen sprachen rund 45 Prozent. Diese sich bereits 2004 und 2005 abzeichnende Spreizung der Kreditkonditionen deutet auf die bereits praktizierte risikoabhängige Kreditvergabe nach Basel II hin. Daß sich die Kreditkonditionen nicht pauschal verschlechterten, hängt allerdings auch mit dem allgemein niedrigen Zinsniveau und der konjunkturell bedingt schwachen Kreditnachfrage im Beobachtungszeitraum zusammen.
Qualitative Zusatzinformationen auf dem Vormarsch
Interessanterweise sieht die Mehrheit der Befragten KMU in den neuen Eigenkapitalrichtlinien und Informationsansprüchen, die Banken an ihre Kreditnehmer weiterreichen, keine unzumutbare Belastung. Vielmehr wird Basel II als ein Korrektiv bezeichnet: „Die verbesserte Transparenz im Berichtswesen kann Unternehmenspotentiale sichtbar machen und das Controlling verbessern“, hieß es. Hierfür wird die Analyse von Kreditfähigkeit und Kreditwürdigkeit nicht mehr allein auf betriebswirtschaftliche Kennziffern reduziert.
Managementqualitäten, Marktpositionierung, Kommunikations- und Vertriebsprozesse stehen als wichtige Indikatoren für Innovationspotentiale und Unternehmensrisiken auf der Agenda. Was für Großunternehmen und ihren Wettbewerb auf den internationalen Kapitalmärkten gilt, hält demnach auch beim Mittelstand Einzug. Inwiefern professionalisieren die KMU ihr Berichtswesen weiter und nehmen weiche Rating-Faktoren wie Kommunikations- und Führungsprozesse sowie Nachfolgeaspekte ins Visier?
Das Kreditgespräch ist bei den Teilnehmern der Umfrage noch wesentlich vom finanziellen Instrumentarium der Bonitätsprüfung auf Basis von Kennzahlenübersichten und Jahresabschlüssen geprägt. Es zeichnet sich jedoch ab, daß verstärkt immaterielle Rating-Faktoren einfließen. Hierbei sind bei den befragten KMU folgende als zentrale weiche beziehungsweise qualitative Faktoren bekannt: Managementqualität, Unternehmensplanung, Marktpositionierung, Nachfolgeregelung sowie die Kommunikationsarbeit und dort insbesondere die Kommunikation mit den Banken und die Darstellung des Unternehmens in der Öffentlichkeit.
Mitarbeiterinformation und -führung werden eher nachrangig als qualitativer, das Rating beeinflussender Faktor angesehen. Hingegen kommt dem Organisationsaufbau wohl auch vor dem Hintergrund der oftmals drängenden Frage zur Nachfolgregelung im Kreditgespräch eine größere Bedeutung zu.
Risikofaktor: Unwissenheit von Banken
Trotz der eher mäßigen Entwicklung der Kreditzinsen sahen die Studienteilnehmer in höheren Finanzierungskosten und schwierigeren Kreditzugängen das Hauptrisiko von Basel II. Zudem hat die „Unwissenheit der Banken“ über Prozesse und Geschäftsfelder des Kreditnehmers Unmut erzeugt. So berge die mangelnde Kenntnis von Kreditsachbearbeitern über Branchendetails und Wettbewerbsbedingungen des Kredit nachfragenden Unternehmens die Gefahr der vorschnellen Einordnung - der „Sippenhaft“ - in eine Gruppe mit schlechterer Risikobewertung.
Fazit
Die Pilotstudie zeigt, daß sich die neuen, ab 2007 in Kraft tretenden Eigenkapitalregeln Basel II auf die Verfügbarkeit von Bankkrediten und Kreditkonditionen im deutschen Mittelstand bislang nicht strukturell negativ ausgewirkt haben. Auffällig ist der hohe Professionalisierungsgrad der per Zufallsstichprobe angesprochenen KMU.
Drei Viertel haben die Basel II-Anforderungen bereits implementiert, noch bevor Basel II in deutsches Recht transformiert worden ist. Zudem ist im deutschen Mittelstand ein Bewußtseinswandel von einer Bonitätskultur zu einer Ratingkultur erkennbar. Auch wenn Basel II laut der Studienteilnehmern vorrangig den Banken nütze, wird Basel II weniger als Schikane, sondern vielmehr als Steuerungsinstrument angesehen. Qualitative Informationen rücken im Rahmen des Controllings und einer wertschöpfenden Unternehmenskommunikation ins Blickfeld und dürften das aktuell eher finanziell geprägte Berichtswesen entscheidend ergänzen.