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Süßigkeitenindustrie : Und das soll Schokolade sein?

Die neue „Ruby Chocolate“ schmeckt nach Karamell, Sahne und Beeren, sagen die Profis. Bald soll es sie auch im Supermarkt geben. Bild: AFP

Schokolade ist dunkelbraun, schmilzt in der Sonne und enthält viel Zucker. So haben wir es gelernt. Doch jetzt ist auf einmal alles ganz anders.

          Rote Schokolade. Ob die Menschheit, gelangweilt vom Immergleichen, danach verlangt habe? Nein, sagt Gavin Bown, natürlich nicht, hörbar irritiert von der Frage. „Hat denn jemals jemand nach einem iPhone verlangt, bevor das erste iPhone auf den Markt kam?“ Bown ist im Vorstand von Barry Callebaut, dem größten Schokoladenhersteller des Planeten, für die Forschung und Entwicklung zuständig. Da ist etwas mehr Ehrfurcht angezeigt gegenüber der sichtbarsten Neuerung in der Schoko-Welt seit Menschengedenken. Dass man aus der Frucht des Kakaobaums ein exquisites Genussmittel gewinnen kann, wussten schon die Azteken, lange bevor Kolumbus die ersten Kakaobohnen nach Europa brachte. Seitdem hat sich – abgesehen davon, dass Schokolade vom Luxusartikel zum Massenprodukt geworden ist – nicht viel getan. Aber jetzt: rote Schokolade, ganz ohne Zusatz von Farbstoffen und Aromen! Nach mehr als einem Jahrzehnt Tüftelei im Labor! Gavin Bown verfällt ins Schwärmen, erkennbar an der unter Managern dafür vorgeschriebenen Vokabel: „That’s disruptive!“

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man muss schon nach Wieze fahren, eine Kleinstadt im Umland von Brüssel, um die Begeisterung nachzuempfinden. Dort betreibt Barry Callebaut, ein Konzern mit belgischen und französischen Wurzeln, dessen Mehrheitseigentümer die Holdinggesellschaft der Bremer Röstereidynastie Jacobs ist, die größte Schokoladenfabrik der Welt. Rund 350.000 Tonnen werden allein hier im Jahr hergestellt, rechnerisch genug für 3,5 Milliarden Tafeln Schokolade. Trotzdem taucht der Name der Firma nicht im Supermarkt auf, jedenfalls nicht in Deutschland. Barry Callebaut beliefert andere Schokoladenhersteller mit dem Rohstoff für deren Markenprodukte.

          Deshalb ist es auch noch nicht ausgemacht, wann und in welcher Verpackung es die rote Schokolade überhaupt zum ersten Mal im Handel zu kaufen geben wird. „Wir hoffen, dass es in einem Jahr so weit sein wird“, sagt Gavin Bown. Für das Weihnachtsgeschäft 2018 könnte es also knapp werden. Aber zur Hochsaison haben die Marketingfachleute des Konzerns ohnehin schon einen anderen Termin erklärt. „Zum Valentinstag passt diese Farbe natürlich hervorragend“, referiert Bown das Ergebnis. „Zumal der Geschmack perfekt mit Champagner harmoniert.“ Wenn sie zu Bier und Currywurst passen würde, wäre die rote Schokolade auch noch für SPD-Parteitage prädestiniert, aber man kann eben nicht alles haben.

          Rotwein und dunkle Schokolade

          Tatsächlich gibt es, jenseits der Verkaufsrhetorik, ziemlich handfeste Gründe, warum Barry Callebaut und Wettbewerber wie Mondelez, Mars und Nestlé in puncto Schokolade nicht einfach nur am Althergebrachten festhalten, sondern viel Geld für Neuentwicklungen ausgeben. In Europa geben die Leute nicht mehr so viel wie früher für Süßigkeiten aus, schließlich ist Zucker als Dick- und Krankmacher identifiziert.

          Die Deutschen zum Beispiel, mit einem Pro-Kopf-Konsum von mehr als elf Kilo im Jahr sogar noch vor den Schweizern die Großverbraucher auf dem Kontinent und Umfragen zufolge ausgesprochene Nougat-Liebhaber, haben ihr Budget für Süßes in den vergangenen zehn Jahren um gut 10 Prozent gekürzt. Die verzehrte Menge ist sogar noch deutlicher gesunken. Denn die Preise sind nach Auskunft des Statistischen Bundesamts im selben Zeitraum kontinuierlich gestiegen, die Ein-Euro-Schwelle für eine 100-Gramm-Tafel Schokolade ist längst überschritten. Allein seit 2010 hat der Durchschnittspreis demnach um ein Viertel angezogen – und das, obwohl Kakao an den Rohstoffbörsen billiger und nicht teurer geworden ist.

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