Home
http://www.faz.net/-gqe-16upa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bankenliquidität Banken zittern vor dem Zahltag am Donnerstag

29.06.2010 ·  Die Banken fürchten Verwerfungen, wenn sie am Donnerstag 442 Milliarden Euro an die EZB zurückzahlen müssen. Diese bietet ihnen zwar ausreichend Ersatz zu günstigen Konditionen. Nervosität herrscht dennoch, zumal der Geldmarkt gestört ist.

Von Stefan Ruhkamp und Bettina Schulz
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (7)

Am Donnerstag wird die Liquidität der europäischen Banken auf die Probe gestellt: 442 Milliarden Euro müssen die Banken auf einen Schlag für ein fälliges Finanzierungsgeschäft der Zentralbank aufbringen - ein so großer Betrag war noch nie fällig. Allein die riesigen Summen wecken in den Frankfurter Banktürmen Nervosität.

An Geld dürfte es indes nicht fehlen, denn die Europäische Zentralbank (EZB) verleiht seit fast zwei Jahren jede Summe, die die Banken angesichts des gestörten Geldmarkts benötigen. „Die EZB wird sicherstellen, dass es keine Probleme gibt“, sagte Ratsmitglied Christian Noyer am Dienstag in einem Radio-Interview.

Nervosität trotz „Rundumsorglospaket“ der Zentralbank

Dennoch argwöhnen Händler, es könne zu technischen Schwierigkeiten kommen, wenn das Geld auf das Konto der Zentralbank und die Sicherheiten in die Depots der Banken gebucht würden, ehe es sofort wieder in die andere Richtung geht: Die EZB bietet an diesem Mittwoch ein dreimonatiges Finanzierungsgeschäft an, das – wie die fälligen 442 Milliarden Euro – am Donnerstag abgewickelt wird. Auch bei diesem Geschäft können die Banken zum Leitzins von einem Prozent beliebig viel leihen. Am selben Tag offeriert die EZB darüber hinaus ein sechstägiges Finanzierungsgeschäft, das Banken, die immer noch Geldknappheit verspüren, über die Tage bis zum nächsten regulären Geschäft kommende Woche bringen soll.

„Eigentlich ist das ein Rundumsorglospaket“, urteilt ein Geldhändler in Frankfurt. Und doch bestehe Furcht vor Verwerfungen. Seit dem Beginn der Finanzkrise misstrauen sich die Banken, sodass der Liquiditätsausgleich zwischen Banken, die über zu viel Geld, und jenen, die über zu wenig verfügen, nicht mehr funktioniert. Einige Institute parken überschüssiges Geld lieber bei der Zentralbank, ehe sie es dem Nachbarn anvertrauen. Deshalb speist die EZB das Bankensystem mit jeder gewünschten Summe und erzeugt so einen Überschuss, der zuletzt auf mehr als 300 Milliarden Euro gestiegen ist.

Das jetzt fällige Finanzierungsgeschäft – mit der Laufzeit von einem Jahr eine Besonderheit – hatte die EZB aufgelegt, um den Banken mehr Sicherheit zu geben. Die langfristige Versorgung mit Geld zählt zu den außergewöhnlichen Liquiditätshilfen in der Finanzkrise. Es folgten zwei weitere einjährige Geschäfte. Ursprünglich hatte die EZB geplant, die Hilfen zu reduzieren. Doch wegen der Verwerfungen auf den Anleihemärkten und steigenden Risikoprämien am Interbanken-Geldmarkt hat sie im Mai die Wiedereinführung langfristiger Geschäfte mit drei und sechs Monaten Laufzeit beschlossen.

Vor allem griechische, spanische und portugiesische Banken haben sich in letzter Zeit zunehmend über die EZB finanziert. So liehen sich spanische Banken im Mai bei der spanischen Notenbank mit 106 Milliarden Euro etwa 15 Milliarden Euro mehr als im April. Bei der portugiesischen Notenbank verdoppelte sich die Nachfrage nach Liquidität der Banken im Mai gar auf 36 Milliarden Euro und auch bei der griechischen Notenbank stieg die Nachfrage weiter an. Die drei Notenbanken waren im Mai für 28 Prozent der gesamten Offenmarktgeschäfte der Europäischen Zentralbank verantwortlich.

Wie gut sind die Banken mit Liquidität ausgestattet?

Auf dem Interbanken-Geldmarkt wird daher mit Spannung darauf gewartet, wie hoch die Liquiditätsnachfrage der Banken beim Geschäft über drei Monate sein wird. Sollten bei der EZB deutlich weniger als 250 Milliarden Euro nachgefragt werden, könnte dies als positives Zeichen für die Liquiditätsausstattung der Banken und das Finanzsystem gewertet werden, heißt es bei Barclays Capital. Aber es gibt kaum Marktteilnehmer, die einen solch günstigen Ausgang erwarten. „Die EZB hat zwar oft gesagt, dass sie die Banken langsam daran gewöhnen will, ohne die Sondermaßnahmen auszukommen. Aber das erfordert einen viel besser funktionierenden Interbankenmarkt, als es derzeit zu erkennen ist“, urteilt Credit Suisse. Die Bank erwartet, dass von den fälligen 442 Milliarden Euro etwa die Hälfte, also 225 bis 250 Milliarden Euro, von den Banken neu über die EZB aufgenommen werden.

Da die EZB unlimitiert zuteile, sei nicht zu erkennen, wie die Liquidität am Markt austrocknen solle. Für die Banken änderten sich auch die Finanzierungskosten nicht, da die Mittel erneut zum Leitzins von einem Prozent angeboten werden. „Das Signal, dass die EZB unlimitiert zuteilt ist für die Märkte viel wichtiger als die Frage der Laufzeiten“, betonen Analysten von Nomura. Die Märkte seien übernervös und überschätzten das Risiko etwaiger Liquiditätsengpässe. Analysten von Barclays meinen, eine neue Liquiditätsaufnahme der Banken bis zu 300 Milliarden Euro läge im Rahmen. Ein deutlich höherer Betrag würde jedoch gefährliche Engpässe und Anspannungen am Geldmarkt signalisieren.

Unterdessen äußerten sich Marktteilnehmer überrascht, dass die griechische Regierung erwägt, Mitte Juli mit der Emission von Schatzwechseln an den Kapitalmarkt zurückzukehren. Eigentlich reiche das Hilfspaket des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Union in Höhe von 110 Milliarden Euro für die volle Finanzierung Griechenlands in den nächsten zwei bis drei Jahren aus, wunderten sich Analysten von Goldman Sachs – und lieferten die Erklärung nach: Im Rahmen des Hilfspaketes sei vereinbart worden, dass Griechenland mit Blick auf seine Banken einen begrenzten Rahmen von kurzfristigen Schatzwechseln mit Laufzeiten von 3 bis 6 Monaten ausgeben kann. Ziel sei es, die griechischen Banken mit Titeln auszustatten, die diese bei der EZB im Rahmen von Wertpapierpensionsgeschäften beleihen können.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Wirtschaftskorrespondentin in London.

Jüngste Beiträge

Nicht nur Europa

Von Gerald Braunberger

Die Unsicherheit in der Eurozone gibt Anlass zu zahlreichen Spekulationen. Doch Europa ist nicht die Welt. Schwächt die Weltkonjunktur ab, ist das alles andere als eine gute Nachricht. Mehr 1

01.06.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.050,29 −3,42%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.319,85 −3,26%
Dow Jones 12.118,60 −2,22%
EUR/USD 1,2433 +0,58%
Rohöl Brent Crude 98,82 $ −2,76%
Gold 1.606,00 $ +3,08%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.