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Bankenkrise Siechtum mit System

Die Finanzwirtschaft ist dabei, sich umzubringen. An die Bankvertreter richtet sich die Frage: Wollen sie weiterhin Sterbehilfe leisten? Was zu tun ist. Ein Essay.

© ddp images/AP/* Abwarten und Tee trinken: Bankenkonferenz kürzlich in Osaka

Die Banken der beginnenden Neuzeit gründeten ihren Erfolg auf einem einfachen Geschäftsmodell: Zahle vier bis fünf Prozent für Einlagen und leihe zu sechs Prozent aus. Das war so vor über einem halben Jahrtausend und hatte dem Prinzip nach Bestand über die Jahrhunderte. Aber spätestens seit der großen Krise vor vier Jahren bietet sich ein gänzlich anderes Bild von dem, was Bankgeschäft ausmacht: Da geht es um undurchsichtige Transaktionen, wenig transparente Angebote, nebulöse Methoden, mitunter begleitet von Betrug und Korruption. Wir, die Verfasser dieses Beitrags, die lange Zeit in der Finanzwirtschaft tätig waren und sind, wissen, dass die heute zu beklagenden Missstände kein Zufall, sondern zwangsläufige Folge einer Entwicklung sind, die wir mit wachsender Sorge beobachtet haben.

Heute muss man feststellen, dass das unbegrenzte Geschäftemachen den Rang einer formierenden Menschheitsidee angenommen hat - bis vor kurzem allenfalls noch camoufliert von Aufbruchs- und Ertüchtigungsformeln, die dem Turbo-Zeitalter gemäß waren. „Visionen, Kreativität und Berechenbarkeit“ (so ein seinerzeitiger Branchenführer) lautete das in den neunziger Jahren ersonnene Mantra, das bis zum Subprime-Crash als gängige Münze gehandelt wurde. Die alte Tugend der Berechenbarkeit wandelte sich zur Risikosteuerungskompetenz und die eher neumodische Tugend der Kreativität zur Verlustdeckungs-Artistik in Tateinheit mit einem wie auch immer intendierten strategischen Wettbewerbsvorsprung. Was die Visionen betrifft: Sie hatten zur Folge, dass im Jahr der Skandale Sprengsätze virulent wurden, die keineswegs entschärft sind, sondern immer noch vor sich hin ticken. Ja, man hat bisweilen den Eindruck, dass sie weiter zum strategischen Arsenal der Geldhäuser zählen. Obwohl, wie zu zeigen sein wird, die Abschirmung der Risiken dem Anschein nach perfekter, in der Realität jedoch immer grotesker geworden ist.

Keine Frage: Die Einhegung von Risiken gehört zur „ordentlichen“ Geschäftsgrundlage der Banken. Sie folgt üblicherweise einem Muster, das an sich nicht schlecht ist, aber jedes Mal dann die gut gemeinten Absichten konterkariert, wenn die Risiken alles andere als klassisch sind. Oder wenn sie sich wie jüngst so akkumuliert haben, dass sie nicht mehr nur Risiken bedeuten, die zum Geschäft der Banken gehören, sondern ein Risiko darstellen, das von den Banken selbst ausgeht.

Daher auch das Bild einer gewissen Hilflosigkeit, das die handelnden Personen und Institutionen im Umgang mit mehr oder weniger „systemischen“ Risiken abgeben. All das Gerangel um Risikopuffer, Kapital- und Liquiditätsausstattung spiegelt das Dilemma wider, dass eine realistische, den schlimmsten Fall ausschließende Kapitalausstattung die Bank- und in ihrem Gefolge die Realwirtschaft zum Stillstand brächte. Also übt man sich im Balancieren auf Nuancen, im Herumdoktern an Symptomen, in regulativen Ideen und Als-ob-Annahmen. Man könnte, ließe man die gute Absicht außer Acht, behaupten, hier werde der Grad der Differenzierung nur deshalb erhöht, weil damit schon der Kompetenznachweis zur Beherrschung unbegreiflicher Vorgänge erbracht ist.

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