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Bankenkrise Der Offenbarungseid

30.09.2008 ·  Hypo wer? Jetzt müssen schon Banken gerettet werden, die auf der Straße niemand kennt. Es gab keine Alternative, sagen die staatlichen Retter des Dax-Konzerns. Und das Schlimmste ist: Sie haben recht.

Von Stefan Ruhkamp
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Die Bankenkrise ist mitten in Deutschland angekommen, und gleich erschüttert sie die Grundfesten des Finanzsystems. Ohne die Rettung der Hypo Real Estate mit dem Geld der Steuerzahler sei für nichts mehr zu garantieren, sagen Politiker und Banker. Die Gefahr einer Kettenreaktion sei zu groß.

Das gleicht einem Offenbarungseid für das Bankwesen. Es sind doch gerade die Spitzen der deutschen Hochfinanz, die gerne über verkrustete Strukturen klagen und sich über die staatliche Regulierungswut mokieren. Jetzt geht es nicht mehr ohne Vater Staat, sagen sie. Und es geht noch nicht einmal um eines der ganz großen Institute, von denen es heißt, sie seien zu groß und im internationalen Kapitalsystem zu sehr vernetzt, um unterzugehen. Hypo wer? Jetzt müssen schon Banken gerettet werden, die auf der Straße niemand kennt. Die Hypo Real Estate betreibt kein Einlagengeschäft, der Kleinanleger mit Girokonto und Sparbuch wäre von einem Zusammenbruch nicht betroffen. Dennoch gebe es keine Alternative, sagen die staatlichen Retter des Dax-Konzerns. Und das Schlimmste ist: Sie haben recht.

Zwei Risiken zeichnen sich ab

Zwei Risiken zeichnen sich ab. Die unbesicherten Verpflichtungen der Hypo Real Estate hätten im Fall der Insolvenz, die jetzt mit einem überwiegend staatlich, zum kleineren Teil privat getragenen Rettungspaket verhindert wurde, selbst einige Großbanken ins Schlingern bringen können. Das wäre der Beginn der Kettenreaktion. Davor haben alle Angst, weil niemand weiß, wen sie alles mitreißt und wie sie dann noch zu stoppen wäre.

Selbst wenn dieses Schreckensszenario nicht eintritt, wäre der Fall der Hypo Real Estate ein Desaster. Denn dann wären gefährliche Verwerfungen auf dem Pfandbriefmarkt zu befürchten. Diese träfen das deutsche Bankenwesen im Kern. Die gedeckten Schuldverschreibungen gelten als Hort der Stabilität, mündelsicher. Sie wurden gerade für den Fall geschaffen, dass die emittierende Bank zusammenbricht. Dann werden die Deckungswerte separiert und für die Inhaber der Pfandbriefe reserviert. Mehr Sicherheit gibt es bei keiner anderen Anleiheform privater Banken. Deshalb hat das große Zittern begonnen.

Die Besicherung der Pfandbriefe würde wohl jeden Test - auch eine Insolvenz der Hypo Real Estate - aushalten. Aber: In Krisenzeiten ist eben nichts mehr hundertprozentig sicher, auch wenn nach menschlichem Ermessen die Deckungsmasse selbst bei einem extremen Verlauf ausreichend wäre. Hypothekenpfandbriefe sind zum Beispiel mit Immobilienkrediten besichert, die nicht höher als etwa die Hälfte des Marktwertes der Immobilie betragen dürfen. Für öffentliche Pfandbriefe sind als Deckung nur Staatskredite aus soliden Ländern zugelassen. Außerdem ist eine Überdeckung von zwei Prozent vorgeschrieben. Und das ist nur ein Teil der umfangreichen Sicherungsregeln, die Pfandbriefe erfüllen müssen. Deshalb sind die Inhaber bis heute mit ihnen vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Anders als zum Beispiel mit Aktien oder unbesicherten Bankenanleihen haben sie in diesem Jahr sogar einen kleinen Wertzuwachs erzielt, weil sie den Anlegern als ähnlich sicher wie Staatsanleihen gelten.

Doch jetzt ist der Handel zum Erliegen gekommen. Private Sparer können Pfandbriefe zwar nach wie vor an ihre Hausbank verkaufen. Doch untereinander handeln die Banken nicht mehr und nehmen von institutionellen Investoren auch nichts mehr an - um keinen Preis. Wäre jetzt noch die Insolvenz der Hypo Real Estate hinzugekommen, die mit ausstehenden Pfandbriefen im Nennwert von rund 100 Milliarden Euro zu den größten Emittenten zählt, hätten die anderen Hypothekenbanken auf Monate hinaus keine neuen Pfandbriefe mehr begeben können. Eine der letzten funktionierenden Finanzierungsquellen der Banken wäre versiegt. In diesem Jahr konnten sie sich über den Pfandbriefmarkt immerhin noch mehr als 80 Milliarden Euro verschaffen.

Noch viel verheerender hätte sich der Ausfall der ungleich größeren unbesicherten Forderungen ausgewirkt. Die Hypo Real Estate hat Verbindlichkeiten von rund 400 Milliarden Euro angesammelt, mit einem Eigenkapital von weniger als 40 Milliarden Euro. Die Wertverluste hätten womöglich deutsche Banken reihenweise in Schwierigkeiten gebracht, von den Frankfurter Großbanken bis hin zu Volksbanken und Sparkassen in der Provinz.

Die staatliche Rettung ist also für den Steuerzahler möglicherweise die günstigere Variante. "Möglicherweise", weil niemand weiß, ob es im Fall einer Insolvenz wirklich zu einer Kettenreaktion gekommen wäre. Sicher ist, dass die deutsche Bankenlandschaft nach der Krise nicht mehr dieselbe sein wird. Trotz der aktuellen Schwierigkeiten könnte der Pfandbriefmarkt wichtige Anregungen dafür geben, wie eine besser regulierte und gesünder wirtschaftende Bankenlandschaft aussehen wird: bescheidener, langweiliger und margenärmer als das hochgejazzte und zu hoch verschuldete Investmentbanking der beiden letzten Jahrzehnte. Staat und Aufsicht werden die Regeln verschärfen, damit sich das Desaster nicht allzu bald wiederholt.

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