08.10.2008 · Die britische Regierung hat die Teilverstaatlichung von acht der größten britischen Banken angekündigt. Die Banker können derweil in Sack und Asche gehen - vor allem in London und an der Wall Street. Das ganze Getöse, die Branche könne sich schon selbst regulieren, ist ein gigantischer Reinfall.
Von Bettina SchulzWir können ein wenig durchatmen. Das tut in dieser Panik am Markt zwar niemand. Aber der Zenit der Krise könnte überschritten sein. Große Bankenkrisen enden gewöhnlich dann, wenn der Staat ordnungspolitische Bedenken hintanstellt und allerorten eingreift. Die Finanzkrise war so lange gefährlich, wie sie eskalierte, die Banken auf die Hilfe aus der Politik angewiesen waren, die Politiker den Ernst der Krise aber unterschätzten. Das dürfte sich jetzt geändert haben.
Dass die Politik in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und auf Ebene der EU-Finanzminister 14 Monate nach Ausbruch der Krise eingreift, ist vielversprechend, zeigt aber auch, wie dramatisch diese Bankenkrise ist. Bei anderen großen Bankenkrisen hat die Reaktion des Staates oft länger auf sich warten lassen. Je radikaler die Politik mit ihren Eingriffen am Kernproblem der Krise ansetzt, desto mehr lassen sich die fatalen Auswirkungen der Turbulenzen auf die Realwirtschaft begrenzen. Eine Rezession wird sich dennoch kaum vermeiden lassen, auch wenn die Notenbanken dieser Gefahr mit ihrer konzertierten Leitzinssenkung am Mittwoch (zunächst erfolglos) versuchten entgegenzutreten.
Bittere Medizin
Großbritannien war das erste Land in Europa, das einen grundlegenden Lösungsansatz präsentiert hat, um den Banken mit Kapital und Liquidität unter die Arme zu greifen (siehe Briten zwingen Banken zur Kapitalerhöhung). Das geht über den Ansatz einzelner Bankenrettungen und einer Erhöhung der Einlagensicherung hinaus. Der britische Ansatz stützt das Bankensystem im Kern. Damit erübrigt sich eine Staatsgarantie aller Einlagen.
Banken brauchen für die Stützung einer Volkswirtschaft durch ihre Kreditvergabe Kapital, die Chance, sich zu refinanzieren, und Liquidität. Dies haben viele Institute nicht mehr ausreichend und können es sich an den kollabierten Märkten auch nicht mehr beschaffen – daher die Panik am Markt. Die britische Rettung setzt an genau diesen Punkten an. So fordern die Briten von ihren Banken, ihr Eigenkapital zu erhöhen. Jede Bank, die dies nicht eigenständig tun kann, muss die bittere Medizin einer staatlichen Kapitalzufuhr schlucken. Der Steuerzahler erhält dafür eine Beteiligung an der Bank, die sich hoch verzinst. Langfristig hat der Steuerzahler die Chance, diese Beteiligung gewinnbringend am Markt zu veräußern.
Die Aktionäre müssen den Verlust einer Verwässerung ihres Anteils und einer niedrigeren Dividende in Kauf nehmen, und das Management der Banken muss auf seine üppige Entlohnung verzichten. Sie zahlen also den Preis für die Hilfestellung des Staates. Das ist der Grund, warum die Bankaktien an den Börsen in den Keller rauschen, obwohl dieser Rettungsansatz dem Bankensystem hilft.
Britischer Alleingang
Kreditinstitute müssen sich mittelfristig refinanzieren. Geld, das sie sich bisher von Investoren für wenige Jahre geliehen haben, müssen sie sukzessive zurückzahlen. Angesichts des Vertrauensverlustes können sie aber kein neues Geld aufnehmen. In Großbritannien springt nun der Staat ein und garantiert – wenn erwünscht – neue Bankschulden bis zu einer Laufzeit von 3 Jahren. Jetzt ist gesichert, dass britische Banken sich refinanzieren können, denn wenn sie ihr geborgtes Geld später nicht zurückzahlen können, tut es der Staat. Es ist also künftig nicht mehr so riskant, Banken Geld auszuleihen. Die Bank von England hat durch technische Hilfsmaßnahmen zudem die kurzfristige Geldaufnahme weiter erleichtert. Mit all diesen Maßnahmen sollte sich die Blockade am Kredit- und Geldmarkt lösen, die derzeit die Kreditvergabe an Unternehmen und Privatpersonen abzuwürgen droht.
Der britische Alleingang und diese systemische Bankenkrise haben gezeigt, dass die Welt immer noch nicht darauf vorbereitet ist, in einer wirklich schweren Finanzkrise an einem Strang zu ziehen. Hier steht den Politikern, Aufsichtsbehörden und Notenbanken in Zukunft noch ein großer Abstimmungsprozess bevor. Kurzfristig aber geht es darum, dass alle von einer schweren Bankenkrise betroffenen Länder ähnliche Rettungskonzepte umsetzen, damit die Rahmenbedingungen der Bankensysteme und der Realwirtschaft einzelner Nationalstaaten nicht zu sehr auseinanderklaffen. Anderenfalls landet die Welt noch bei Kapitalverkehrsbeschränkungen und einem drohenden Auseinanderbrechen der Währungsunion.
Ohne Rache und Vergeltung
Die Banker können derweil in Sack und Asche gehen – vor allem in London und an der Wall Street. Das ganze Getöse, die Branche könne sich schon selbst regulieren und habe alles im Griff, weil die Marktteilnehmer professionelle Fachleute seien, ist ein gigantischer Reinfall. Vor allem in London werden die Banker, die Aufsichtsbehörde, die Notenbank und das Schatzamt mit dem Ansatz ihrer freizügigen Regulierung künftig kleinere Brötchen backen.
Dennoch gilt: In den vergangenen Jahren wurde mehr als die Hälfte des globalen Kreditvolumens mit Hilfe moderner Kreditprodukte verteilt. Die Welt braucht Kredite. Es wird die große Kunst der nächsten Jahre sein, dieses Geschäft ohne Rache und Vergeltung wieder in vernünftige Bahnen zu lenken und dabei kluges Augenmaß zu bewahren.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.397,64 | +1,52% |
| Dow Jones | 12.597,50 | +1,15% |
| EUR/USD | 1,2529 | −0,10% |
| Rohöl Brent Crude | 107,48 $ | +0,21% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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