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Dienstag, 14. Februar 2012
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Banken Müller kündigt Offensive im Privatkundengeschäft an

30.10.2006 ·  Commerzbank-Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller über kostenlose Girokonten, die Verschuldung privater Haushalte, Geschäfte in Rußland und eine mögliche Beteiligung am europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS.

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Die Commerzbank spürt im Privatkundengeschäft den Wettbewerb ausländischer Banken. Aus der Sicht des Kapitalmarkts läßt die Rendite in diesem Geschäftsfeld noch zu wünschen übrig. Der 62 Jahre alte Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller erläutert, wie die zweitgrößte deutsche Geschäftsbank mit einer Produktoffensive gegensteuern will.

Herr Müller, ausländische Banken wie die niederländische ING schnappen den deutschen Instituten die Privatkunden weg. Woran hapert es?

Der Kampf um die Kunden hat eine völlig neue Dimension angenommen. Das liegt vor allem an den Direktbanken. Ausländische Wettbewerber haben Kunden gewonnen. Auch wenn der große Teil davon aus dem Sparkassen- und Genossenschaftslager gekommen ist, sind wir davon im Filialgeschäft nicht unberührt geblieben.

Wie reagieren Sie darauf?

Wir gehen in die Offensive und steuern gezielt und langfristig mit attraktiven Produkten und Werbemaßnahmen dagegen.

Was bedeutet das konkret?

Wir sind mit neuen Produkten ja bereits im Markt. Zum Beispiel mit unserer Inhaberschuldverschreibung mit 4 Prozent Zinsen, der "Topzins-Anlage". Im Dezember planen wir die Ausgabe einer Hybridanleihe, die sich gezielt an Privatkunden richten wird. Und wir werden ein neues Girokontomodell anbieten.

Also ein kostenloses Girokonto, so wie es die Wettbewerber Dresdner Bank und HVB schon anbieten?

Noch besser! Wir werden zum Jahresende ein echtes kostenloses Girokonto einführen, das alle gängigen Leistungen kostenfrei umfaßt. Einzige Voraussetzung ist ein monatlicher Habenumsatz von mindestens 1200 Euro.

Welche Ziele haben Sie für die Online-Tochtergesellschaft Comdirect?

Wir wollen das erfreuliche Wachstumstempo der Comdirect nochmals beschleunigen. In drei Jahren soll die Comdirect die Kundenzahl um 550 000 auf mehr als 1,3 Millionen erhöhen.

In Deutschland stürzen sich derzeit alle Banken auf das lukrative Konsumentenkreditgeschäft. Die Commerzbank hat bei der Norisbank den kürzeren gezogen.

Wir kaufen Portfolios nicht um jeden Preis und nicht zu jeder Bedingung. Wir müssen schließlich solche Investitionen gegenüber unseren Aktionären auch rechtfertigen können. Und das ist ja auch gut so.

Mit den Ratenkrediten heizen die Banken die Verschuldung der privaten Haushalte an. Ist das nicht verwerflich?

In der Tat gibt es in Deutschland mittlerweile eine Art Konsumentenkreditgeschäft, das wir nicht billigen und nicht mitmachen. Jede Bank muß sich doch fragen, welche Geschäfte sie langfristig und unter Risiko- und Reputationsaspekten betreiben will.

Was meinen Sie damit?

Erst vor einer Woche hat sich die britische Öffentlichkeit sehr darüber echauffiert, daß es dort im dritten Quartal 27 000 Privatinsolvenzen gegeben hat. Wir liegen in Deutschland derzeit in der Nähe von 40 000 je Quartal, und kein Mensch merkt es. Das heißt, hier kommt etwas auf uns zu.

Sie scheinen dennoch die einzige deutsche Bank zu sein, die ihre Risikovorsorge erhöht.

International sind wir nicht die einzigen. In Großbritannien und Frankreich gibt es Banken, die darauf reagieren.

Wie wirkt sich die um 300 Millionen Euro aufgestockte Risikovorsorge auf die Prognose aus?

Wir werden in diesem Jahr, also für 2006, das beste Ergebnis in der Geschichte der Commerzbank ausweisen. Und ich bin sehr zuversichtlich, daß wir 2007 an diesen Erfolg anknüpfen können. Trotz der Sonderbelastung halten wir die Prognosen uneingeschränkt aufrecht, in diesem Jahr eine Eigenkapitalquote nach Steuern von mindestens 10 Prozent und im kommenden Jahr von mehr als 11 Prozent zu erwirtschaften.

Das Geschäft der Hypothekenbanken gilt weithin als margenschwach. Ist die im vergangenen Jahr erworbene Eurohypo nicht eine Belastung bei der Erreichung der Renditeziele der Commerzbank?

Kann eine Immobilienbank aus dem Kreditgeschäft eine Rendite von 15 Prozent erwirtschaften? Das ist zu bezweifeln. Warum haben wir die Eurohypo dann gekauft? Weil das Geschäft einer Immobilienbank stabiler ist. Zudem war der Preis für die Eurohypo sehr günstig. Und der dritte Grund ist, daß die Eurohypo international eine wichtige Rolle zu spielen beginnt. In diesen Märkten werden höhere Konditionen bezahlt. Dadurch wird die Rendite ebenso etwas aufgebessert wie durch die zunehmende Nutzung von Investmentbanking-Produkten.

Welche Rendite ist denn machbar?

Eine Eigenkapitalrendite nach Steuern zwischen 12 und 14 Prozent sollte perspektivisch erreichbar sein.

Was sagen Sie den Kritikern, die bemängeln, das Commerzbank-Renditeziel von 15 Prozent bis 2010 im internationalen Vergleich sei alles andere als ambitioniert?

Denen kann ich zumindest keine intellektuelle Originalität bescheinigen, denn das war uns auch schon aufgefallen. Aber im Ernst: Gibt es eine Bank in Deutschland, die mit 75 Prozent ihres Geschäfts auf das Inland fixiert ist und es schafft, eine Eigenkapitalrendite von 15 Prozent nach Steuern zu erwirtschaften? Eine solche Bank gibt es nicht. Sind 15 Prozent nach Steuern international betrachtet umwerfend gut? Nein! Aber trotzdem hat sie noch keine deutsche Bank erreicht. Unsere Ziele sind also durchaus anspruchsvoll.

Der Integration der Eurohypo fallen 450 Arbeitsplätze zum Opfer. Was sagt der Betriebsrat dazu?

Wir haben das Thema der Einführung einer gemeinsamen Kreditplattform in der vergangenen Woche mit dem Betriebsrat einvernehmlich abgestimmt. Der Stellenabbau wird wie geplant bis Ende 2008 abgeschlossen sein - sozialverträglich, wie das in der Commerzbank üblich ist.

Die Gewerkschaften haben Ihnen im Vorfeld der Verhandlungen sozialen Raubbau vorgeworfen.

Diese Modernisierung der Kreditabwicklung und der damit verbundene Stellenabbau waren unumgänglich. Da wir durch die Eurohypo eine moderne Plattform bekommen haben, hat es sich natürlich angeboten, so schnell wie möglich auch die Infrastruktur der Commerzbank anzupassen. Das hätten wir aber auch ohne die Eurohypo früher oder später machen müssen. Wir hatten hier erheblichen Modernisierungsbedarf.

Wie ist der Stand der Gespräche zum Stellenabbau in der Informationstechnologie?

Die beginnen jetzt erst. Aber auch da sind wir aufgrund der von uns unterbreiteten Vorschläge zuversichtlich, daß wir gemeinsam mit dem Betriebsrat zügig zu einer Lösung kommen.

Sie haben die Commerzbank als Mittelstandsbank positioniert. Mit dem Verkauf von Krediten des Autozulieferers Dürr an Hedge-Fonds haben Sie sich aber in Verruf gebracht.

Generell spreche ich als Banker nicht öffentlich über unsere Kunden. In diesem Fall aber muß ich eine Ausnahme machen, weil zu diesem Thema so viel verbreitet wurde, was einfach nicht der Wahrheit entspricht. Erstens: Wir haben zu dem Unternehmen inzwischen wieder eine Kreditbeziehung. Und zweitens: Ja, wir haben in der Vergangenheit einen Kredit verkauft. Dafür gab es selbstverständlich und ausdrücklich eine vertragliche Vereinbarung mit dem Unternehmen. Ein Verkauf war also jederzeit möglich.

Auch ohne Wissen des Managements?

Natürlich nicht. Wir haben das dem Unternehmen vorher mitgeteilt. Im übrigen wurde der Kredit an eine Investmentbank verkauft. Wohlgemerkt: an eine Investmentbank und nicht an Hedge-Fonds.

Welche Ziele verfolgen Sie mit der russischen Promsvyazbank, bei der die Commerzbank vor kurzem eingestiegen ist?

Wir sind in Rußland seit sechs Jahren mit einer Tochtergesellschaft vertreten, die im Geschäft mit großen Firmenkunden gut positioniert ist. Mit der Promsvyazbank wollen wir in das Geschäft mit dem russischen Mittelstand einsteigen und gemeinsam den Aufbau des Privatkundengeschäfts zügig voranbringen. In fünf Jahren wollen wir einen ordentlichen Marktanteil im Privatkundengeschäft erreicht haben.

Zielen Sie auf die Kapitalmehrheit noch in diesem Jahr?

Wir haben in der Tat die Absicht, die Kapitalmehrheit zu erwerben. Hierzu gibt es derzeit Verhandlungen. Wie lange das dauern wird, läßt sich im Moment nur schwer voraussagen.

Sind weitere Zukäufe geplant?

Zur Zeit haben wir keine vergleichbare Transaktion in der Planung.

Was ist mit der Landesbank Berlin?

Wir sind einer der interessierten Partner - aber nicht um jeden Preis.

Derzeit sucht die Deutsche Bank nach Käufern für den 7,5-Prozent-Anteil am Airbus-Eigentümer EADS, den Daimler-Chrysler abgeben will. Welche Lösung halten Sie für die sinnvollste?

Ich hätte mir hier eine industrielle Lösung gewünscht, bin aber auch bereit, mich an einer anders gearteten Lösung zu beteiligen, sofern sie aus Sicht der Commerzbank konstruktiv und wirtschaftlich vertretbar ist.

Das Gespräch führten Jürgen Dunsch und Daniel Schäfer.

Quelle: F.A.Z., 30.10.2006, Nr. 252 / Seite 14
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