07.08.2009 · Die Warnung der Notenbank in dieser Woche war unmissverständlich: Die Rezession ist nicht vorbei. Um ihren Worten Taten folgen zu lassen, verkündete die Bank von England das Gegenteil dessen, was sich die Finanzmärkte ausgerechnet hatten.
Von Bettina SchulzDie Bank von England hat die Londoner City wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht. Die Warnung der Notenbank in dieser Woche war unmissverständlich: Die Rezession ist nicht vorbei. Schlimmer, die Konjunkturlage ist schlechter als bisher prognostiziert, und eine nachhaltige Wirtschaftserholung wird länger auf sich warten lassen als erhofft. Und um ihren Worten Taten folgen zu lassen, verkündete die Bank von England das Gegenteil dessen, was sich die Finanzmärkte ausgerechnet hatten: Sie wird ihr Notprogramm fortsetzen, mit dem sie den Anleihe- und Kreditmärkten unter die Arme greift.
Die zaghaften Anzeichen, die auf eine mögliche Besserung der Konjunkturlage hindeuten, sind keine Vorboten einer nachhaltigen Wirtschaftserholung. Damit macht die Bank von England den Finanzmärkten einen Strich durch die Rechnung, die schon von einer V-förmigen Erholung geträumt hatten, einer rasanten Konjunkturerholung, die theoretisch nach einem drastischen Wirtschaftseinbruch einsetzen könnte.
Das Vereinigte Königreich an seinem Nerv getroffen
Großbritannien erlebt wie viele Länder derzeit die schwerste Rezession seit der Nachkriegszeit. Und dies trotz eines flexiblen Arbeitsmarktes, trotz des im Vergleich zu anderen Nationen sehr hohen Anteils privatwirtschaftlichen Eigentums in Industrie, Handel und Bankgewerbe, trotz der Offenheit gegenüber ausländischen Direktinvestitionen und Arbeitskräften und stringent marktwirtschaftlich ausgerichteter Wirtschaftspolitik. Dies ist eine globale Rezession, die das Vereinigte Königreich an seinem Nerv, dem grenzüberschreitenden Bankgeschäft, Handel und Dienstleistungsgeschäft, empfindlich trifft.
Die britische Hoffnung, mit einer modernen Dienstleistungsgesellschaft Konjunkturzyklen gegenüber besser gewappnet zu sein als die Exportnation Deutschland, hat sich nicht erfüllt. Es hat sich für Großbritannien auch nicht gelohnt, der Währungsunion fernzubleiben. Trotz aller Unkenrufe meistert die Währungsunion die Rezession genauso schlecht und recht wie das Vereinigte Königreich.
Ohne dass der Kollaps droht
Wo steht Großbritannien derzeit? Umfassende Staatshilfe der Regierung und das Notprogramm der Bank von England haben das System wie in anderen Nationen vorläufig so stabilisiert, dass die Volkswirtschaft die Konsequenzen der Krise schultern kann, ohne dass der Kollaps droht. Diese Woche hat gezeigt, dass die Banken mit dem Großreinemachen zügig voranschreiten: Sie schultern gewaltige Abschreibungen und Wertberichtigungen auf ihre Kreditpositionen, senken Kosten, reduzieren die Geschäftsrisiken und richten die Konzerne auf eine harte, lange Durststrecke aus.
Das Notprogramm der Bank von England übt künstlich und indirekt Druck auf die Zinskonditionen in der Volkswirtschaft aus, so dass die Kreditklemme Unternehmen und Privatpersonen nicht zu hart trifft. Der entsprechend niedrigere Wechselkurs des Pfundes vergünstigt gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der britischen Industrie im Außenverhältnis des Landes. Sonderprogramme des Staates, Garantien und Absicherungslösungen helfen den Banken zudem, gegenüber Unternehmen und Privatpersonen bei der Eintreibung von Schulden nachsichtiger zu reagieren. Dies federt die Auswirkungen der Rezession ab.
Der Blick auf das schmerzhafte Anpassungsprogramm
Anders als in früheren Rezessionen haben Banken, Industrie und Handel sehr schnell das Ausmaß des Konjunktureinbruchs erkannt und die Kosten radikaler gesenkt als zuvor. Die Lagerbestände wurden diesmal stark verringert, Betriebe zügig stillgelegt, es droht eine Entlassungswelle. Die Arbeitslosenquote, vor der Krise bei fünf Prozent, ist schon auf 7,6 Prozent gestiegen. Mittelfristig kann die Beschäftigungsentwicklung der Volkswirtschaft mit Blick auf den Konsum noch Kopfzerbrechen bereiten. Die Schlussfolgerung der Bank von England ist daher nur richtig: Nach der Rosskur in dieser Rezession gibt es in der Tat erste Anzeichen, dass sich die Lage auf sehr niedrigem Niveau zunächst stabilisiert. In der verarbeitenden Industrie gibt es erste Wachstumsanzeichen, und die Hauspreise stabilisieren sich.
Viele Marktbeobachter vergessen jedoch, dass die Banken immer noch mitten in ihrem Gesundungsprozess stecken. Die kurzfristig erzielten deftigen Gewinne im Investmentbanking verstellen den Blick auf das schmerzhafte Anpassungsprogramm der Banken, die ihre Bilanzen kürzen, ihre Risiken senken müssen und damit unweigerlich ihr derzeitiges und künftiges Kreditvergabevolumen eindampfen müssen.
Darauf legt die Bank von England den Fingerzeig
Das hat Konsequenzen: Unternehmen, Privatpersonen und Staat werden künftig mit weniger Fremdkapital im Verhältnis zum Eigenkapital wirtschaften müssen, und das dämpft die Nachfrage gegenüber der Zeit vor der Kreditblase. Die Konsequenz ist, dass Überkapazitäten aus der Zeit des billigen Geldes abgebaut werden müssen. Darauf legt die Bank von England den Fingerzeig.
Deshalb ist sie so vorsichtig und warnt vor voreiliger Euphorie über einen nachhaltigen, kräftigen Wirtschaftsaufschwung, der so nicht kommen wird. Großbritanniens Wirtschaft wird nicht mehr so florieren wie vor der Kreditblase. Der Traum einer „V-shaped Recovery“ trügt. Die Londoner City wollte dies nur nicht hören.
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2479 | −0,08% |
| Rohöl Brent Crude | 106,85 $ | −0,38% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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